Matthias Zeindler

Matthias Zeindler ist Leiter des Bereiches Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und Professor für Dogmatik an der Universität Bern.

Dem Leben dienen – bis zuletzt

1. Das Karlsruher Urteil zur Suizidbeihilfe und seine Folgen

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Gott hat es nicht gefallen...

Bereits als Jugendliche hat mich besonders ein Gedicht von Kurt Marti beeindruckt. Es hat mein theologisches Nachdenken angeregt und mir vor Gräbern stehend geholfen.

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Einigeln im Auge des Hurrikans

Einigeln im Auge des Hurrikans

Foto: privat

Den Bauch vollhauen, Winterschlaf halten und aufwachen, wenn die Pandemie vorbei ist – wäre das nicht wunderbar? Doch beim Nachdenken über den viel zu kleinen Igel Fritz kommen Zweifel auf…

Pandemien haben auch Vorteile, jedenfalls für Igel. In Zeiten, in denen exzessives Spazierengehen das tägliche Workout darstellt, erhöhen sie die Überlebenschancen für solche Stacheltiere, die viel zu früh aus dem Winterschlaf erwachen und durch die Gegend taumeln. So erging es auch Fritz. Wir fanden ihn bei einem unserer abendlichen Spaziergänge an einer Bretterwand auf dem Fußweg. Er lief nicht weg, wir auch nicht. Sollten wir ihn mitnehmen? Wir taten, was alle heutzutage in einer herausfordernden Situation tun: googeln. Dort hieß es, Igel könnten es schaffen zu überleben, wenn sie nicht untergewichtig sind. Nur wie lautet der Body-Maß-Index für Igel? Kommt darauf an, lasen wir, ob es sich um ein Jungtier oder ein älteres handelt. Woran erkennt man das Alter eines Igels? Erstmal wiegen, beschlossen wir. Schnell nach Hause eilen, Küchenwage, Katzenkorb (für alle Fälle) schnappen und zurück, Igel auf die Waage: 560 Gramm. Auf einer „Igel für Dummies“-Website erfuhren wir: Das ist viel zu wenig. Wahrscheinlich ist das Tier krank. Also verfrachteten wir Fritz in den Katzenkorb und brachten ihn ins Warme.

Eine Unterkunft musste her, so sammelte ich trockenes Laub und verteilte es liebevoll in einem Karton. „Verwenden Sie auf keinen Fall Laub aus dem Garten!“ tönte es aus dem Wohnzimmer – mein Lieblingsmensch las aus der Website vor. „Was dann?“ – „Zeitungspapier.“ Aber welche? Die Hannoversche Allgemeine ist nicht schlecht, aber für Igel ist Die Zeit – schon wegen des Formats – wohl angemessener. Schließlich war alles fertig, das Katzenfutter stand bereit, und Fritz verschwand unter dem Feuilleton.

Am nächsten Morgen war das Futter verspeist und der Igel putzmunter. Wir brachte ihn dennoch zwecks Body-Check zur „Igelstation Hannover Süd“, die sich als Privathaus einer Igelflüsterin entpuppte. In ihrer Garage, die sie in einen Igel-Schlafsaal umgewidmet hat, schlummern 13 Igel dem Frühling entgegen. Fritz muss sich jetzt einer Wurmkur unterziehen und zunehmen, dann holen wir ihn wieder und verstauen ihn im Schuppen. Dort wird er mindestens drei Monate schlafen.

Irgendwie beneidenswert: Ich stelle mir vor, ich könnte mir von morgens bis abends den Bauch vollschlagen und mich – ausgestattet mit einer beachtlichen Speckschwarte – für Monate im Bett einigeln. Mein Herzschlag würde sich auf zehn Schläge pro Minute verlangsamen, meine Atemfrequenz auf 13, und meine Körpertemperatur würde auf fünf Grad absinken. Im Frühling würde ich aufwachen, und alles wäre so wie früher. Die Pandemie wäre nur ein böser Traum, den das Morgenlicht verscheucht. „Corona“ wäre wieder bloß eine Biermarke und „Pan“ ein griechischer Gott.

Natürlich wäre es das nicht. Kein Winterschlaf, auch wenn er noch so lange dauert, brächte die alten Zeiten zurück. Zu viele Tote, zu viele Traumatisierte, zu viel Leid. Und gleichzeitig ist da dieses Unbegreifliche und Unwirkliche, das „Pan“ in der Pandemie ist zu groß, zu monströs, die Zahlen abstrakt, das Ausmaß unfassbar. Es ist, als befände ich mich im Auge des Hurrikans, und seit Monaten rührt sich kein Blatt. Was bleibt zu tun? Den Alltag bewältigen, mit dem Kleinen weitermachen, bei „COVID-19“ auf „zum Wörterbuch hinzufügen“ klicken, Kacheln nicht mehr nur mit dem Bad, sondern auch mit Kommunikation in Verbindung bringen und spazieren gehen. Und mich daran erinnern, dass es Igel zu retten gilt. Jetzt, da ich weiß, wie man eine Fritz-Box baut.

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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Paternalismus vs. Selbstbestimmung

Paternalismus vs. Selbstbestimmung

Eine Polemik zur aktuellen Debatte um Suizidbeihilfe
Foto: privat

Überhaupt nicht einverstanden mit dem Antwortartikel von Peter Dabrock und Wolfgang Huber in der F.A.Z. auf den Vorstoß zur Suizidbeihilfe in der Diakonie ist der Leipziger Dogmatikprofessor Roderich Barth. Gegen diese in seinen Augen paternalistische Antwort gönnt er sich (und uns) gerne eine Polemik. Dem Autorentrio Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie hingegen wünscht er Gelassenheit und Ausdauer.

Es hat schon ein Geschmäckle, wenn Peter Dabrock und Wolfgang Huber in ihrer als Gastbeitrag in der FAZ vom 25.1.  erschienenen Gegenrede den 2016 verstorbenen Münchner Ethiker Trutz Rendtorff für die eigene Position zu vereinnahmen suchen. Der Widerspruch richtet sich gegen einen unter anderem von der Bochumer Theologin Isolde Karle und dem Diakonie-Präsidenten Ulrich Lilie verfassten Denkanstoß (FAZ vom 11.1.). Zu den Autoren gehört aber eben auch der Münchner Ethiker und Rendtorff-Schüler Reiner Anselm, der sicherlich keiner Belehrung über die Ethik seines Lehrers bedarf.

Aber es ist nicht nur die auch gegenüber der geballten diakonischen und seelsorgerischen Lebenserfahrung der Kritisierten unangemessen anmutende Oberlehrerhaftigkeit, die der ganzen Gegenrede einen unschönen Beigeschmack verschafft, sondern eben auch der damit verbundene Versuch, das eigene Eintreten für einen unbedingten und strafgesetzlich bewährten Lebensschutz mit fragwürdigen Mitteln als alternativlos darzustellen.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage nach der menschlichen Selbstbestimmung. Wenn es auch immer wieder leuchtende Ausnahmen gab, die theologischen Vorbehalte gegen die Selbstbestimmung sind so alt wie das Christentum und die Diffamierung der sich in ihr realisierenden Würde des Menschen als illegitime Selbstermächtigung gegenüber Gott war gerade im 20. Jahrhundert theologisch weit verbreitet und hat offenbar eine lange Halbwertszeit. Ein Nachhall begegnet nicht zuletzt im Votum von Dabrock und Huber, die der anderen Seite eine ethisch und theologisch problematische »Verabsolutierung der Selbstbestimmung« vorwerfen. Und auch das Verfassungsgericht entgeht dieser hohepriesterlichen Anklage nicht, da es sich einer »überschießenden Autonomierhetorik« schuldig gemacht habe.

Paternalistisches Verständnis

Problematisch an dieser Kritik ist nicht das darin zum Ausdruck kommende leidenschaftliche Engagement wider die Gefahr einer Kommerzialisierung und Entpersönlichung der Suizidbeihilfe oder gar gegen deren weltanschauliche Überhöhung – ein Engagement, das freilich die Kritisierten nicht weniger umtreibt. Problematisch ist vielmehr die sich darin zeigende Haltung gegenüber humaner Selbstbestimmung und das daraus resultierende paternalistische Verständnis von Ethik und Politik. Selbstbestimmung im Sinne der inkriminierten Autonomie ist nämlich keineswegs eine Steigerungsform von Egoismus und ein der Ergänzung bedürftiger Gegenpol zu »Fürsorge« oder »Sozialität«, wie von Dabrock und Huber immer wieder insinuiert wird, sondern sie ist der Inbegriff ethischer Reflexivität und Personalität.

Nur wenn ich mir selbst ein Gesetz gebe, bin ich frei und durch die notwendige Allgemeinheit des Gesetzes zugleich über meine Partikularinteressen erhoben (= sozial), wie Kant der neuzeitlichen Ethik ins Stammbuch geschrieben hat. »Bindung« ist also nicht das Korrektiv der »Freiheit«, wie suggeriert wird, sondern ihr innerstes Bestimmungsmoment. Nur durch rationale Selbstbestimmung ist der Mensch in der Lage, seinen Egoismus zu überwinden und sich zum Dienst am Nächsten zu verpflichten. Und nur in einem solchen »Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält« – wie es wiederum Kierkegaard meisterhaft formuliert – hat der Mensch auch erst die Möglichkeit, sich von einem lebendigen Gott getragen zu wissen.

Wer also die Selbstbestimmung delegitimiert oder ihrer heteronomen Begrenzung in irgendeiner Form das Wort redet, der unterminiert nicht nur die Grundlage aller Moral, sondern auch der Religion. Demgegenüber gilt es – zumindest wenn man sich auf die neuprotestantischen Traditionen berufen möchte, in deren ethischer und kirchlicher Wiederbelebung und Erneuerung Trutz Rendtorff seine Lebensaufgabe sah – die humane Selbstbestimmung uneingeschränkt zu ermöglichen, zu fördern und zu stärken. Nicht nur weil sich hier – wie nicht zuletzt die Erinnerung an Kant zeigt – auch die inneren Widersprüche des Suizids zeigen können, sondern weil sie als Subjekt von Verantwortung auch da unvertretbar ist, wo sie sich in der ethischen Reflexion einer existentiellen Krise für den Suizid entscheidet.

Zumutung der Hinwendung zum radikal Abgelehnten

Worin hingegen noch der »Respekt vor der Selbstbestimmung« liegen soll, wenn man dafür eintritt, ihre Realisierung strafrechtlich zu unterbinden und kategorisch aus jedem öffentlichen Verantwortungsbereich zu verbannen, bleibt bei den Kritikern vom 25. Januar ebenso unklar wie die auf Lebensschutz wider Willen hinauslaufende Interpretation der Nächstenliebe, die doch gemäß der Bergpredigt gerade in der Zumutung einer Hinwendung zum radikal Abgelehnten (Feind) ihre tiefste Bewährung finden soll. Die Übernahme einer solchen Zumutung wird dabei nicht zuletzt durch die Reflexion der eigenen Schuldgeschichte ermöglicht, die keine »falsche Front« eröffnet, sondern zur ethischen Substanz christlicher Verantwortung gehört.

Ferner unterstellen Dabrock und Huber der Verfassungsrechtsprechung durch deren Betonung der Autonomie eine problematische Ausweitung des unbedingten Schutzbereichs der Menschenwürde (Artikel 1, Absatz 1) auf das einschränkbare Persönlichkeitsrecht (Artikel 2, Absatz 1). Doch dieser Einwand fällt auf die Kritiker zurück, denn nicht nur hat die Auslegung der Menschenwürde als »Subjektqualität« im oben angedeuteten Sinne Kants eine breite Basis in der Verfassungsrechtsprechung, sondern der Einwand würde die von ihnen selbst vorgenommene Sakralisierung (»Unantastbarkeit«, »unbedingtes Lebensrecht«) des Lebensschutzes (Artikel 2, Absatz 2) in gleicher Weise treffen. Denn, wie erst kürzlich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in einem anderen Zusammenhang zu bedenken gab, ein absoluter und unantastbarer Wert ist im Grundgesetz, wenn überhaupt, nur die Menschenwürde, nicht aber der Lebensschutz.

In Dabrocks und Hubers Sakralisierung des Lebens haben offenbar die gemeinsamen Jahre ökumenischen Dammbauens gegen die Fortpflanzungsmedizin und Genforschung den Blick auf die Grundrechtssystematik ebenso verwässert wie die protestantische Identität. Ob damit einer nachhaltigen Ökumene gedient ist, deren Verrat die Verfasser dem ebenfalls an der Öffnung der Debatte beteiligten hannoverschen Landesbischof Ralf Meister vorwerfen, darf bezweifelt werden.

Selbstbestimmte »Reflexivität des Lebens« stärken

Gleiches gilt mit Bezug auf die Erwartung, dass die »öffentliche Präsenz des Christentums« mit ökumenischen Formeln wie »Gott ist der Freund des Lebens« oder der Forderung nach einem »Vorrang des Lebens vor dem Tod« gestärkt werden kann. Lernt man nicht heute schon in der Schule, dass der Tod nicht nur das Ende eines Lebewesens ist, sondern konstitutiv zum Lebensprozess selbst dazu gehört? Und ist nicht nur das biologische Leben, vom sozialen ganz zu schweigen, einer tiefen Dialektik unterzogen, sondern auch das Verhältnis von irdischem und ewigem Leben, von dem das Evangelium spricht? Auch in dieser Hinsicht gilt es also die selbstbestimmte »Reflexivität des Lebens« (Rendtorff) zu stärken, auch wenn das die Eindeutigkeit Öffentlicher Theologie mit der »Zweideutigkeit des Lebens« (Tillich) und der »Verborgenheit Gottes« (Luther) infiziert.

In diesem Sinne ist also nicht nur die Initiation einer überfälligen Debatte zu begrüßen, sondern den ursprünglichen Initiatoren angesichts der zum Teil heftigen Reaktionen Gelassenheit und Ausdauer im Ausloten von diakonischen und seelsorgerlichen Handlungsmöglichkeiten für diesen schwierigen Grenzfall christlicher und humaner Verantwortung zu wünschen.

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Roderich Barth

Roderich Barth (*1966), ist nach der akademischen Qualifikationszeit in Halle und Stationen in Hamburg, München, Essen und Gießen, wo er Professuren mit dem Schwerpunkt Ethik vertrat oder innehatte, seit 2017 Professor für Systematische Theologie (Dogmatik) an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit einem Schwerpunkt in der Emotionsforschung.


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Roderich Barth

Roderich Barth (*1966), ist nach der akademischen Qualifikationszeit in Halle und Stationen in Hamburg, München, Essen und Gießen, wo er Professuren mit dem Schwerpunkt Ethik vertrat oder innehatte, seit 2017 Professor für Systematische Theologie (Dogmatik) an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit einem Schwerpunkt in der Emotionsforschung.

Diskussion am offenen Herzen

In dem F.A.Z.-Beitrag, den Sie hier ganz lesen können, raten die beiden Autoren von einer Mitwirkung der Diakonie an einer S

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Selbstbestimmt mit der Gabe des Lebens umgehen

„Elisabeth fehlt mir. Sie fehlt mir, wenn ich aufwache, und sie fehlt mir, wenn ich einschlafe, Sie fehlt bei allem, was ich tue, und bei allem, was ich sehe.

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