Schwerpunkt

Über Jahrtausende war die Seele Teil des menschlichen Selbstbildes, wurde aber durch die Naturwissenschaft und Psychologie zum anachronistischen Konzept erklärt. Seither wird sie irgendwo zwischen Mythologie und Volksfrömmigkeit verortet. Mit der zunehmenden Suche nach zeitgemäßer Spiritualität gewinnt jedoch das Reden über die Seele wieder an Bedeutung.

Zuhause auf Sendung

Zuhause auf Sendung

Punktum
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Mit dem aktuellen Virus verbreitet sich die Heimarbeit. Wer sich nicht draußen mit Handel und Handwerk beschäftigt, sieht sich daheim vor einen Laptop platziert. In den eigenen vier Wänden verhindert digitale Konferenztechnik – oder mit einem Wort „zoom“ – das Verkümmern. Vorausgesetzt natürlich, man hat Netz in Deutschland.

Nach dem Googeln kommt also das Zoomen, es wird einem ja kinderleicht gemacht. So ist die Versuchung groß, von der braven Konferenzteilnehmerin zu mutieren – zur mega-geklickten Influencerin. Dank technischer Fortschritte sind Filmequipments aus den Zeiten von Ben Hur passé. Hollywoods Kamera ist hinter einem millimetergroßen Löchlein des Laptops fortwährend auf mich gerichtet, Mikrofon und Beleuchtung inklusive. Die Einladung kommt via Mail,
ich muss mich nur noch einklicken.

Jetzt ist es mit Kontext und Content allein nicht mehr getan. Schließlich geht es um meine  Medienpräsenz. Noch die Pressebilder von übernächtigter Spitzenpolitik vor Augen, stehe vor dem Spiegel: Wie sehe ich denn aus in Großaufnahme? Mit gekonnter Garderobe und Maske ist es allein nicht getan. Oft liegt der Teufel im Detail. So achten Zoom-Starter viel zu wenig auf den idealen Neigungswinkel ihres Laptopbildschirms, in dem sich die Kamera versteckt. Das  Videoergebnis sind gesichtslose Stirnpartien der Konferenzteilnehmenden, im Fokus der Faltenwurf, ein Klassiker! Virale Begeisterungsstürme entfachte seinerzeit ein Universitärer,  dessen Zweit-Laptop versehentlich auf Sendung war. Zuhause hatte er sich seiner Schuhe  entledigt und während des Referates wippte ein großer Zeh durch das Loch im Socken den Takt.

Ausgestattet mit stabilem Netz, Video-Laptop und technischem Improvisationstalent, zähle ich in meinem Bekanntenkreis seniore Einsteiger zu meinen Auszubildenden. Mein Erfolgserlebnis hatte ich kürzlich mit einem befreundeten deutsch-schweizerischen Ehepaar, achtzig plus: stolz auf PC-Grundkenntnisse, ausgeprägtes Schwyzerdütsch, kein Englisch, Hard- und Software drei Generationen zurück. Nach tagelangen Telefonaten kam ihr Standbild in der vergangenen Woche mit Vollton in Bewegung.

Unbarmherzig gerichtet ist die Zoom-Kamera auch auf die Hintergründe. Nicht selten vermittelt die schreibende Zunft vor schiefen Billy-Regalen unter dunklen Mansardenschrägen das Bild von armen Poeten. Findige Software-Entwickler haben ihre Chance sofort erkannt. Die Zoomer können ihr passendes Ambiente beliebig programmieren. Die Wand aus Bücherrücken mit Goldschnitt führt die Beliebtheitsskala an, gefolgt von der Toskana. Ich dagegen habe mich für die gelebte Authentizität meines Homeoffice entschieden. Gottseidank ist die Front meiner 23 Jahre alten Einbauküche in einem gediegenen Grün gehalten. In Anbetracht der medialen Entwicklung eine vorausschauende Investition.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Werden im Vergehen

Mit einem Mal war wieder Leben an die öffentlichen Orte zurückgekehrt – und damit auch in die Ausstellungshäuser.

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Wahre Besinnung

Wahre Besinnung

Chantal Acda: Saturday Moon

Eigentlich, erzählt Chantal Acda, wollte sie spartanisch arbeiten, „ein Mikrofon und nur ich im Raum, simple Vier-Minuten-Songs“. Aber dann fühlte sich die in den Niederlanden geborene und in Flandern lebende Sängerin und Songwriterin allein, und sie suchte wie bei älteren Alben „Austausch mit Menschen, die mich musikalisch begeistern“. Da kennt sie etliche, die wiederum uns faszinieren. 18 sind nun auf „Saturday Moon“ dabei: Gitarrengott Bill Frisell etwa, mit dem sie bereits arbeitete, und Rodriguez Vangama, aus New Yorks Downtown-Szene Shahzad Ismaily am sechssaitigen Bass, Eric Thielemans an den Drums. Piano, Trompete, Violine und Backgroundgesang kommen hinzu, was das verhaltene Album dennoch üppig macht. Acht Songs zwischen Indie-Picking-Kammerpop-Ballade und psychedelisierendem Ausreißer, die Chantal Acdas lautmalerischer Gesang und unscharf-präzise Lyrics in ein rasselndes Kaleidoskop gießen, das aufwühlt, beruhigt, in die Besinnung reißt und, ja, große Zuversicht ausstrahlt. Introvertiert ist daran nichts, nicht bloß wegen des Austauschs. Es sind wirkliche Songs, zugänglich und offen diesseits von ihr – vielleicht gerade weil sie darin einen Teil von sich zugelassen und gefeiert zu haben meint, der „eher chaotisch, unrational und impulsiv“ und von ihr bislang vernachlässigt worden sei: „Dieses Gefühl, sich gehen zu lassen, war großartig.“

Das Ergebnis ist konzentriert, eher leise, melancholisch lässig – und durchweg intensiv. Exemplarisch im bluesig schweren, manischen Ausreißer „Disappear“ („and the promising words aren’t here“) mit schillernden Guitarsynth-Sounds von Alan Sparhawk aus der US-Band „Low“ und dem Gesang seiner Frau Mimi Parker (man höre sich im Netz nur ihr Stück „In metal“ an – auf die Gefahr hin, von „Low“ nicht mehr loszukommen). Es beeindruckt, wie Austausch und Sein mit anderen zu sich kommen lässt und dies wiederum andern eigen sein kann. Chantal Acda ist dicht dran. Ihre Lyrics fließen zwischen Klang und Sinn, vermengen Sätze aus Beziehungsgesprächen, mutmaßlich, Briefen und Reflexion, die ausgeschnitten und versetzt Situationen kreieren oder nur skizzieren, aber prägnant. Aperçus – der Baum, das Holz, seine Anmutung, Wolfsmutter, Mond – und kleine Szenen werden Stimmung, innerer Monolog, Mitteilung: Verloren geborgen, der „Saturday Moon“ wird Raum.

Nur eine Frage scheint offen: Wie kommen wir auf Chantal Acda? – Wieso erst jetzt, müsste sie indes richtiger lauten! Durch Händchen, Empfehlung, Vertrauen und Erfahrung stünde jedenfalls im Arbeitsbericht: Chris Eckman, Ex-„Walkabouts“ und nun in Ljubljana, kennt sie schon lange und sprach über das Album mit ihr, in Gänze nachzulesen beim smarten Düsseldorfer Promoter Starkult. Das Label Glitterhouse aus Beverungen spricht eh für sich. Und auch wir sind nun da: „Saturday Moon“, zum Glück.

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Waches Herz

Waches Herz

Barock mit Paper Kite

Reflexionen über den Dreißigjährigen Krieg in Dichtung und Musik – hier sind also nicht die australischen Indierocker Paper Kites, sondern hier ist das junge Bonner Ensemble Paper Kite am Start – mit einem zweiten Album, das die Ausrichtung der Gruppe auf die Musik des Frühbarock vertieft. Neben einem Werk des Musicus Poeticus Schütz wartet Paper Kite mit Komponisten auf, die allesamt der thüringisch-sächsischen Tradition der Generationen vor Johann Sebastian Bach zuzuordnen sind: Andreas Hammerschmidt, Johann Rosenmüller, Schützens Schüler Christoph Bernhard, Johann Philipp und dessen Bruder Johann Krieger sowie Philipp Heinrich Erlebach. Johann Kriegers „Abend-Andacht“ aus den „Neuen musicalischen Ergetzligkeiten“ von 1684 ist titelgebend für diese Auswahl, die sich nicht an einer liturgisch konzipierten Abend-Andacht der Zeit orientiert, sondern neben reflektierend-erbaulichen Texten den Schwerpunkt auf die Ich-Texte der Bibel legt: Hohelied- (Hammerschmidt) und Psalm-Vertonungen.

Dieser Ich-Ausdruck, das individuelle Moment, ist auch die große Stärke der CD und ihre pulsierende Kraft: Hier zeigt sich Sopranistin Marie Heeschen, um die sich ein Quintett aus zwei Violinen (Antonio de Sarlo, Rafael Roth), Cello (Guillermo Turina), Theorbe (Sören Leupold) und Orgel (Felix Schönherr) schart, ganz in dem einnehmend wandlungsfähigen Ausdrucksvermögen ihrer Stimme und ihrem klar konturierten, mitunter einem springenden Bergquell gleichenden, dabei aber immer mozartisch sinnlichen und weich strömenden Timbre. Ihr unaffektierter, die Sinne öffnender Umgang mit der Sprache und ihre sich an den Klang verschwendende – nicht verlierende – Hingabe verhelfen jedem Werk zu seinem ihm eingeschriebenen Kolorit. Dabei kann sich Marie Heeschen auf ein exzellent eingespieltes, jede ihrer Regungen aufnehmendes und sie sicher durch alle Fährnisse begleitendes Ensemble verlassen. Auch Thomas Dehler, der Zeitzeugentexte eines Söldners, eines Priors und von Andreas Gryphius einspricht, erweist sich mit Eindringlichkeit als Könner seines Fachs.

Insgesamt aber wirken diese elementar erschütternden Texte – entgegen der Intention der CD – artifiziell eingebunden und einer museal-historisch-akademischen Dramaturgie verpflichtet, die die Betroffenheit in den Konzertsaal bannt, statt der Gegenwart aller Geschichte Raum zu geben. Vielleicht hätte das in der Musik aufscheinende Memento Mori in unserer Wirklichkeit mit Stimmen aus Syrien, aus der Ukraine, aus häuslicher Gewalt, mit Obdachlosen … eine andere Dringlichkeit erfahren – die Musik hätte ihre Lebendigkeit und Kraft beweisen können. Dessen ungeachtet: Das neue Paper-Kite-Album ist viel farbiger als seine Aufmachung, lebendig wie der Mai und fährt mit wachem Wind durch die Alte Musik.

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Bewegung

Bewegung

Neue Prosatexte

Theologie redet über Gott, und Theologinnen und Theologen hoffen, dass Gott dabei selbst zur Sprache kommt. Christian Lehnert hält sich mit seinem neuen Buch, in dem diesmal keine Gedichte, sondern kurze Prosatexte versammelt sind, nicht bei hermeneutischen Erörterungen über Gott als Sprachereignis auf und bewegt sich doch mit seiner lyrischen Prosa ständig darin. Die gelegentlichen Anspielungen auf Ludwig Wittgenstein wie auf Martin Heidegger wirken dabei nicht wie ein theoretischer Eintrag, sondern plausibel.

Mit deutlichem Abstand zur verfassten Religion und Kirche sucht der Dichter die Zwischenräume auf, in denen sich der Mensch aus den „Gehegen“ der religiösen und kulturellen Überlieferung in neue Räume bewegt, die noch nicht von bestimmten Erwartungen und vorschnellen Hoffnungen so geprägt sind, dass sich der Verdacht religiöser Kompensation prekärer Verhältnisse stets aufdrängt.

Als Wegweiser für diese Bewegung ins Offene dienen seit alters her die Engel, deren momentane kultische Hochkonjunktur sich der schon länger anbahnenden Krise in den monotheistischen Religionen verdankt. Engel sind „Sehhilfen“ und „Bewegungsformen“, als solche aber auch „Verunreinigungen“ des „einzigen Gottes“.

Ohne mit einer bemühten Definition dessen, was Engel sein können, den poetischen Charakter seiner Texte aufs Spiel zu setzen, folgt Christian Lehnert den Gesten, mit denen die transzendenten Wesen in das Offene weisen. Wie schon in seinen vorausgegangenen Büchern bezieht er sich auch hier immer wieder auf den Mystiker Jakob Böhme.

Das Offene als Ziel des Aufbruchs ist, wie es der Buchtitel Ins Innere hinaus schon angibt, das Innere. Das aber meint keinen planerisch bereits erschlossenen psychischen Bereich, der nunmehr auch eingenommen werden müsste. Vielmehr ist dieses Innere vor Fremdbestimmungen zu schützen und auch von der Selbstreflexion nicht einzuholen. Es setzt der Subjektivität des Menschen eine Grenze.

Bei solcher Betonung des Inneren liegt der Gedanke an die Esoterik nahe, mit der Lehnert ein entspanntes Verhältnis pflegen kann, solange auch sie sich ihrer Vorläufigkeit bewusst bleibt.

Doch hält sich der ehemalige Bausoldat in der DDR und spätere Pfarrer Christian Lehnert bei seinem Schreiben auch kein vorrationales trügerisches Menschenbild zugute, sondern bezieht sich als gewissenhafter Theologe auf Martin Luther, der in seiner Genesisvorlesung 1536 vom Menschen als einem vernünftigen und dichterischen Wesen spricht. Er sieht in Luther den noch spätmittelalterlichen Menschen, dessen Wahrnehmen und Denken, ja dessen Sprechen und Handeln sich nicht in der Trennschärfe bewegt, in der kein Übergang vom Diesseits zum Jenseits mehr möglich scheint. So weicht Lehnert von der Linie ab, mit der sich unter dem Stichwort „Entzauberung“ die neuzeitliche Wissenschaft vom Mittelalter trennen möchte.

Seine Texte beschreiben das Abheben des Menschen vom dem, der er wirklich ist, auf den hin, der er sein könnte. Der Mensch existiert in der Transzendenz und kann als überschreitendes Wesen auch in der Weggenossenschaft mit Engeln leben. Sie sind „fingierte Verkörperungen, Hypostasen seiner Freiheit“. So existieren in der Relation Gott-Mensch der Schöpfer und die schöpferische Kreatur zusammen. „Jeder Glaubende dichtet und bildet sich seinen Gott, seine Gottesvorstellung.“ Zum Glauben gehört die Poesie. Lehnerts Miniaturen sind teilweise gebunden durch Erzählzusammenhänge, grundsätzlich aber verbunden durch eine verstörende literarische Gestaltung. Sämtliche Texte wirken auf die Leserschaft so, als lägen ihnen Anfang und Ende schon voraus. Sie sind ein rhapsodisches Einschwingen in den „Gesang der Engel“, passagere Verbindungen der himmlischen mit der irdischen Welt. Ist solches Einstimmen denn noch in der Kirche, dieser so obsolet wirkenden Lebensform möglich?

Bei aller Distanz hält Christian Lehnert ihr doch die Treue, wenn er schreibt: „Die größte Gabe der Kirche ist, dass man in ihr gemeinsam schweigen kann. In der Stille wird das Wort beglaubigt.“

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Endlosschleife

Endlosschleife

Kaddisch für einen Gottessänger

Eine Metaphysik des Tanzes. Eine Metaphysik des Schwebens. Nichts weniger. Ja, es sind Leviathationskräfte, die beim Hören der Musik von Leonard Cohen auf den Leib überspringen, aber diese Musik ist kein wildes Tier, sondern sie tritt behutsam näher, wirbt zumeist scheu darum, den Raum zu füllen.

Nicht nur im Alterswerk, sondern bereits seit den Anfängen spürt man die Schwere gelebten Lebens, einen dunklen Grundton, der mitschwingt, der erschreckt und zugleich fasziniert, weil die mitreisende Freude doch die Oberhand gewinnt. Richtig. Man kann dieser Musik trauen, sich fallen lassen, um erhoben zu werden. Diese Dialektik, die allein durch die tragende Stimme ausgelöst wird, funktioniert auch dann, wenn man nicht präzise den Texten folgt. Die hermeneutische Kunst von Uwe Birnstein besteht darin, den spirituellen Kern der Texte behutsam ans Licht zu heben. Und die poetisch-religiöse Qualität, verdichtet präsentiert, lässt mächtig staunen.

Weil Birnstein die Biografie nur auf die spirituellen Schlüsselsituationen hin ablauscht, ist ein schmales, aber enorm erhellendes Buch entstanden. Cohens früh verstorbener Vater hatte bestimmt, zur Bar Mizwa solle der junge Leonard die in Leder gebundenen Bücher des mittelalterlichen Dichters Geoffrey Chaucer, die Werke von William Wordsworth und Lord Byron aus der Familienbibliothek geschenkt bekommen. (Heute traut sich niemand mehr, solche Geschenke zur Konfirmation zu machen, Geld oder digitale Technik, bitteschön). Fünfzehnjährig entdeckt Leonard in einem Antiquariat Gedichte von Federico García Lorca und dessen Seelengefährte Walt Whitman, diese Texte, die eine sexuelle Erfahrungsreise mit dem Gottesglauben in Verbindung bringen wollen, prägen neben der Bibel – er sei, so notiert er, „geboren im Herzen der Bibel“ – seine Textarbeit. Der tanzende und singende König David wird ihm zur Identifikationsfigur. Ein Psalm Cohens, vorzusingen.

Flowers for Hitler ist sein dunkelstes Buch, das mit Sarkasmus nicht spart. Leonard Cohen trifft sich zum Gespräch mit Hitler und ermahnt ihn wie ein pubertierendes Kind: „Bleib nicht die ganze Nacht wach und schau nicht Paraden auf Late-Night-Shows!“ Fünfzig Jahre später wirft dieser Satz ein helles Schlaglicht auf die aktuelle Situation in Amerika: Donald Trump, so wird kolportiert, habe begeistert vor dem Fernsehen gesessen, als seine Anhänger zum Capitol marschierten und den Aufstand machten. Cohens späterer Welthit „Dance me to the End of Love“, ein Favorit zur atmosphärischen Einstimmung auf Hochzeitsfeiern, hat, wie er in einem Interview verrät, einen dunklen Ursprung, denn in den Konzentrationslagern wurde von einem Streicherquintett aufgespielt, wenn die Nazis ihre Morde begingen. Birnstein spricht vom „Liebestanz im Feuerofen“.

Und auch das. Cohen will endlich die Lust im Christentum, mit dem er sich, wie auch mit dem Buddhismus, lange sympathisierend auseinandersetzte, heimisch machen: „Denk dran, als ich mich in dir bewegte, da bewegte sich mit uns der Heilige Geist. Und jeder unserer Atemzüge war ein Hallelujah.“ Ziemlich forsch. Und nicht ganz ohne Komik vorstellbar.

Seine letzte CD habe ich einen ganzen Vormittag, als die Meldung seines Todes kam, in einer Endlosschleife angehört und noch vor dem Mittagskaffee heiter getanzt. Thanks for the dance.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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Predigten

Predigten

Niedersächsisch, erdverwachsen

Horst Hirschler, Jahrgang 1933, Hannoverscher Landesbischof von 1988 bis 1999, bis 2020 Abt des Klosters Loccum, liebt es, im Gespräch ganz nah ran zu gehen, fast wie ein Boxer im Ring. Er fasst den Anderen an, hält ihn fest und testet ihn auf Herz und Nieren: „Das ist doch nur Schaumschlägerei, was Sie da von sich geben!“ Wer ihn so erlebt hat, wird ihn nicht vergessen. Und genau so sind seine Predigten: Sie packen zu, mit beiden Händen und lassen nicht los. Nicht die Moden der Zeit, seine eigenen Erfahrungen, und vor allem nicht den, um den es geht, „den fremden Gast, der etwas Wichtiges mitzuteilen hat.“ Auch er wird in den Ring geholt: Was ist an Dir dran? Wer bist du wirklich? Kann man sich auf Dich verlassen? Der, der da „zwischen Marias Schenkeln lag runzlig rot“, wie Hirschler in der Christmette Kurt Marti zitiert. Nach wie vor kommen viele zu seinen Predigten.

Nicht um Begriffe geht es ihm, schon gar nicht um Theorien. Nein, das pralle Leben ist Thema, mit allem, was dazu gehört. Die Predigten platzen fast vor Konkretem, vor Beispielen und Geschichten. Ungeschönt und nicht übertüncht. Niedersächsisch erdverwachsen – und mit erhobenem Kopf in den Himmel blickend. Die Kriegszeit in Hildesheim, der Holocaust, Coventry. Der Tag der deutschen Einheit 1990, Afghanistan, Begegnungen, Alltägliches. Und in der Mitte des Buches die Predigt während der Trauerfeier anlässlich des ICE-Unglücks von Eschede 1998, Luthers Kehrung zitierend: „Mitten im Tod sind wir von deinem Leben umfangen, Christus!“ Ironie kommt auch nicht zu kurz, aber nicht aus Spaß am Gag – sondern um die so triviale Realität scharf schildern zu können. Da hatte er sich als Landessuperintendent in Göttingen jahrelang um das christliche Profil eines Krankenhauses bemüht. Doch dann wurden die Überstundenzuschläge für das Pflegepersonal abgeschafft: „Und plötzlich war die ganze Christlichkeit flöten.“ So banal ist das.

Dann auch Hirschlers persönliche Stationen: die erste Predigt als Landesbischof und als Abt zu Loccum. In seiner letzten als Abt wird erzählt, wie er einstmals Schlösser und Scharniere, die in seiner alten Wohnung in Lüneburg entsorgt werden sollten, im Kloster wieder einbaute. Für ihn als einen, der gelernt hatte, mit den Händen zu arbeiten, kein Problem. Vielleicht auch heimlich symbolisch gemeint: ein Anspielung auf das Amt der Schlüssel des Abtes? Sowieso immer wieder das Kloster Loccum: ein Ort, an dem es die ganz „selbstverständliche Erfahrung einer Gottespräsenz“ gibt. Den freien Stuhl, der nicht von einem Menschen besetzt werden darf.

Denn das ist der Kern: die Gegenwart Gottes inmitten der von Gewalt, Leid, Angst, Scheitern und Versagen erfüllten Schöpfung. Nichts wird geschönt. Und nirgendwo wird Gott als Puderzucker über das Leben gestreut. Warum braucht es solchen Zucker nicht? Weil er für uns in die Gottverlassenheit gegangen ist! Luthers Gebet im April 1521 auf dem Reichstag in Worms bringt es auf den Punkt. „Der hat ja richtig Angst, der Luther!“ Was Gott schenkt, da ist Hirschler in Worms dabei, ist innere Freiheit: das Loswerden der Sorge um mich selbst durch die Erfahrung der Geborgenheit in Christus. Dann mag die Welt voller Teufel sein.

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Komfortzone

Komfortzone

Integration und Kirche

Wiedergabe einer Gesprächssequenz im Seniorenkreis: Eine Frau sagt: Wir sind Vertriebene, keine Flüchtlinge. Das ist etwas ganz Anderes. Eine zweite, mit gleichem Kindheitsschicksal, meint darauf: Aber man muss diesen Menschen doch helfen.

Wer sich fragt, wie es solche Differenzen unter Christen geben kann, der ist nach der Lektüre des vorliegenden Sammelbandes klüger. Denn die klare kirchenleitend-ökumenische Option für Schutzbedürftige 2015, die überzeugende „Evidenz und Mobilisierungskraft des biblischen Ethos“ sowie das seitherige Engagement vieler Christen in der Geflüchtetenhilfe sind nicht selbstverständlich. Schon die kirchliche Zustimmung zum sogenannten Asylkompromiss von 1993 als „Beitrag zum inneren Frieden der Gesellschaft“ verweist auf eine Gegenbewegung, in der nationale Interessen die Weite des christlichen Ethos begrenzen.

Die stärker systematischen wie die historischen Einzelbeiträge des Bandes lassen zwar eine gewisse Entwicklung hin auf „eine global ausgerichtete, authentisch christlich und humanitär agierende Kirche“ erkennen. Doch scheint die Ambivalenz bei diesem Thema immer wieder durch. Sei es bei der Remigration von traditionalistischen Böhmischen Brüdern aus Polen und der Ukraine in ihr „Vaterland“ nach 1945. Sei es bei der letztlich erfolgreichen Integration gutausgebildeter koreanischer Krankenschwestern, über die es in einer Aktennotiz des Diakonie Bundesverbandes 1966 hieß: „Nach anfänglichen Missverständnissen (sie hielten es nicht für ihre Pflicht, einmal mit dem Staubtuch über den Nachttisch zu fahren, sondern fühlten sich als Arzthelferinnen) seien sie freundlich, sauber, ehrlich und anstellig.“

Der Blick in die Zeitgeschichte offenbart immer wieder Muster und Stimmungen, die auch heute zu beobachten sind. Die Appelle der Augsburger katholischen Bischöfe zur Solidarität mit Flüchtlingen und Vertriebenen liefen bereits 1945 oft ins Leere – auch bei engagierten Gläubigen. Und schon 1949 stellte sich für den hannoverschen Landesbischof Hanns Lilje die Frage: Können die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren oder nicht? Verbunden mit der Unsicherheit, „ob es bei der kirchlichen Flüchtlingsarbeit um interimistische Hilfe geht oder ob eine komplexe Integrationsaufgabe ansteht“.

Ebenso interessant ist die These, dass die eher positiv konnotierte Entdeckung des Islam als Religion im christlich-muslimischen Dialog der 1970er- und 1980er-Jahre sich heute in ihr Gegenteil verkehrt hat. Jetzt wird die „religiöse Zugehörigkeit zum Islam“ oftmals zum „Integrationshemmnis“ stilisiert.

Dass der Band ein Fragezeichen hinter die Hauptüberschrift setzt, ist daher berechtigt. Nicht nur aufgrund des schwammigen Begriffs Willkommenskultur, sondern auch wegen der damit verbundenen pauschalen Selbstzuschreibung. Deutschland ist ein Land, in dem momentan „eine auf Großzügigkeit und Humanität angelegte Migrationspolitik in weite Ferne gerückt zu sein scheint“ und in dem etwa das „Kirchenasyl als Akt christlicher Solidarität“ weiter von Bedeutung sein wird. Auch „die seit Jahrzehnten erhobene Forderung nach einem Einwanderungsgesetz“ ist – noch immer – „nicht umgesetzt“.

Die Integration von Migranten bleibt ein wichtiges Handlungsfeld christlicher Akteure. Sie „reißt“, wie nach 1945, „die volkskirchliche Normalfrömmigkeit aus ihrer Komfortzone“.

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