Mehr Zeit, weniger Austausch

Der „Rat für digitale Ökologie“ beschreibt Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt
Katze vor Computerbildschirm
Foto; Paulwip/pixelio.de
Der besondere Reiz des Homeoffice

Arbeiten am Küchentisch statt im Büro, zoom statt Meeting im Konferenzraum, spontane Treffen und Smalltalk in der Kaffeeküche fallen aus – das ist angesichts der vierten Corona-Welle nun wieder Alltag für diejenigen, bei denen Homeoffice möglich ist. Aber was bedeutet diese Erfahrung, die wir seit knapp zwei Jahren machen, für die Zukunft der Arbeit? Dieser Frage hat sich der „Rat für digitale Ökologie“ in einer Studie gewidmet, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde und morgen (24.11.) in einem öffentlich zugänglichen Livestream diskutiert wird.

Der „Rat für digitale Ökologie“ (RdÖ) versteht sich als „interdisziplinärer, hochkarätig besetzter Think Tank“, der sich vor allem mit den Folgen der Digitalisierung für Demokratie und das Zusammenleben in modernen Gesellschaften beschäftigt. Seine Mitglieder führen Studien durch, schreiben Positionspapiere und Empfehlungen, publizieren Meinungsartikel und wollen so zivilgesellschaftliche Bündnisse zu Themen einer Digitalen Ökologie anstoßen. Mitglieder des Rates sind unter anderem Gerd Billen (langjähriger Vorsitzender der Verbraucherzentrale Bundesverband), Vanessa Miriam Carlow (Professorin für nachhaltige Stadtplanung), Maja Göpel (Politökonomin und Transformationsexpertin), Constanze Kurz (Informatikerin und Hackerin), Bernhard Pörksen (Professor für Medienwissenschaft) und der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer, Direktor der Stiftung „Futur Zwei“, die den Rat initiiert hat.

Bereits im Mai hatte der Rat ein Positionspapier zur Bundestagswahl herausgebracht mit dem Titel „Deutschland braucht eine nachhaltige Digitalpolitik“, kurz darauf dann ein „100-Tage-Programm“ für eine neue digital Politik. Darin forderte er unter anderem eine Änderung des Grundgesetzes, wonach der Staat künftig auch die digitale Souveränität und Integrität der Bürgerinnen und Bürger schützen müsste.  Zudem fordert er ein Ministerium für digitale Transformation und ein neues Datenschutzgesetz, das dem Bundesdatenschutzbeauftragten die alleinige Verantwortung über die Datensicherheit in Deutschland gibt.

"Zoom Fatigue"

Ganz so spektakulär sind dann die Ergebnisse der nun vorgelegten Studie nicht. Aber sie sollen ja auch weniger zur Debatte reizen, als vielmehr die neue Wirklichkeit beschreiben, die durch die Corona-Pandemie an Verbreitung gewann, aber schon vorher ihren Anfang genommen hatte. Vor der Pandemie arbeiteten nur drei Prozent aller Beschäftigen ausschließlich im Homeoffice, 15 Prozent teilweise. Im Dezember vorigen Jahres waren es dann 25 Prozent der Beschäftigten, was etwa 10,5 Millionen Menschen entspricht. Weitere 20 Prozent (8,3 Millionen) waren das zumindest teilweise im Homeoffice. Wird das auch nach der Pandemie so bleiben? Die Mehrheit der Unternehmen, so bisherige Umfragen, wollen nicht weg von der Präsenzpflicht, inwiefern aber zumindest ein Teil der Arbeit im Homeoffice erledigt werden kann, ist noch offen.

Dabei wollen das – zumindest in Teilen - die 112 Teilnehmenden der Studie aus 20 unterschiedlichen Unternehmen, von denen Nicholas Czichi-Welzer und Harald Welzer in verschieden Diskussionsrunden Aussagen gesammelt haben. Positiv bewertet wurden unter anderem die „gesteigerte Zeitsouveränität“, mehr Lebensqualität durch weniger Pendelei zum Arbeitsplatz und der Wegfall von „als überflüssig empfundener Treffen und Kommunikation“. Denn Videokonferenzen scheinen einen disziplinierenden Effekt auf die Beschäftigten zu haben, die Menschen seien pünktlicher und fokussierter, so die Erfahrung der Befragten.

Aber gerade die Video-Konferenzen haben auch negative Auswirkungen, die mittlerweile unter dem Stichwort „Zoom Fatigue“ wissenschaftlich untersucht werden. Eine Studie der Universität Stanford konstatierte zum Beispiel, dass nonverbale Signale bei Videokonferenzen deutlich schwieriger zu vermitteln und zu empfangen seien. Das nervöse Trommeln mit der Hand auf dem Tisch bleibt ungesehen, zustimmende Gesten überdeutlich in die Kamera gemacht oder mittels Toolbox eingeblendet werden. Auch der direkte Augenkontakt geht verloren und mit ihm die „Gaze Awareness“ oder das Blickbewusstsein, wenn man in die Webcam blickt, die in der Regel oben am Bildschirm angebracht ist und eben nicht in zwischen den Augen des Gegenübers. Das alles führe dazu, so die in den Diskussionsrunden gemachte Feststellung, dass es seltener zu „hitzigen Diskussionen komme“, was für den Arbeitsprozess als undienlich betrachtet wird. Die kathartische Wirkung des Streits bleibe aus.

Niemanden ausschließen

Negativ bewertet wurde ein erhöhter Arbeitsaufwand nicht nur für die EDV-Abteilungen. Die „Verdichtung“ der Arbeit, zum Teil auch durch ineffizientes Nutzen der Tools, ist ein immer wieder beobachteter Begleiteffekt der Digitalisierung, ebenso wie die des verlängerten Arbeitstages. Doch der mit Abstand am häufigsten erwähnte negative Effekt eines digitalisierten Arbeitsalltages sei das Fehlen von persönlichem Austausch und Informellem. Und wer weiß, wie viele Ideen beim gemeinsamen Essen in der Kantine oder beim Schwatz im Fahrstuhl entstehen und wie wichtig darüber hinaus die kurzen oder längeren Gespräche über private Themen sind, stimmt hier mit ein.

Sehr eindringlich warnt die Studie davor, dass diese Entwicklung Personen ausschließen kann. Zum Beispiel die, die nicht dieselbe technische Ausstattung wie andere haben (was etwa in der Schule ein großes Gerechtigkeitsproblem darstelle, weil soziale Privilegien beim Zugang zum digitalen Lernen eine größere Rolle spielen als beim analogen Unterricht). Doch auch auf der Arbeit müsse man aktiv aufeinander achtgeben, zum Beispiel auch auf den Kollegen oder die Kollegin, die in hybriden Sitzungen den sich real treffenden Mitarbeitenden zugeschaltet wird und eben nicht alles mitbekommt, was im Raum geschieht.

Es steht noch mehr drin, in dieser Studie, die sicher nur ein erster Aufschlag ist, um zu ermitteln, worauf Politik, Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen (und ihre Vertreter*innen) achten müssen, damit die digitale Arbeitswelt nicht zu viele Verlierer produzierte. Die Studie ist frei zum Download unter https://ratfuerdigitaleoekologie.org/de/. Dort findet sich auch der Link zum Livestream am 24.11. um 18 Uhr. Er führt zur Diskussion zwischen Harald Welzer, Hans-Jürgen Urban (IG Metall-Vorstand) und Marie-Luise Wolf, Chefin des Energieversorgers Entega, deren Unternehmen sich auch an der Umfrage beteiligt hat.

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