Willkommen im „Triumulierat“

Historisch: Erstmals wird die EKD von einem Frauentrio geleitet
Die drei Frauen an der Spitze der EKD: Kirsten Fehrs, Anna-Nicole Heinrich und Annette Kurschus
Foto: EKD/Jens Schulze
Die drei Frauen an der Spitze der EKD: Kirsten Fehrs, Anna-Nicole Heinrich und Annette Kurschus

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Bremen gibt sich eine weibliche Dreifachspitze und schreibt sich in die Geschichtsbücher ein. Auf der viertägigen Sitzung des Kirchenparlaments wurde Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, zur neuen Ratsvorsitzenden gewählt. Der Skandal um die sexualisierte Gewalt im Raum der EKD war ein zweiter, bedrückender Schwerpunkt der halb analog, halb digital vollzogenen Tagung.

„Triummulierat“ oder „Triumulierat“ – so würde man, oder besser: frau das wohl nennen, geht man nach den Leuten, die sich mit Latein auskennen. Nach diesem Wort, das eine lateinische Neuschöpfung ist, suchte auf der Abschlusspressekonferenz die neue Ratsvorsitzende der EKD, die Präses, also Bischöfin, der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, um zu beschreiben, was mit ihrer Wahl nun passiert sei: dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nun an ihrer Spitze von drei Frauen geführt wird. Das ist, ohne Übertreibung, ein historischer Moment. Schon deshalb wird die Synode der EKD, die von Sonntagmorgen bis Mittwochabend in Bremen tagte, in die Geschichte eingehen.

Aber was heißt schon: „in Bremen tagte“, denn eigentlich tagte die Synode nicht nur in Bremen, sondern im Internet, musste das Kirchenparlament doch zumindest zum großen Teil wegen steigender Coronazahlen und überraschender Coronafälle auch unter den Synodalen zur Sicherheit zugleich digital stattfinden – modernste Technik machte dieses sehr schnelle Umschalten ins Netz bei weitgehendem Verzicht auf Präsenzauftritten möglich. Das ging natürlich zu Kosten der Atmosphäre und des direkten Austausches, der ja immer nötig ist. Aber da es schon die dritte so ausgetragene, „hybride“ Synode war, hatte das Organisationsteam bereits ein wenig Erfahrung darin. Und im Grunde lief alles ziemlich rund.

Feuertaufe bestanden

Zumal sich die Synodalen von solch ärgerlichen Umständen nicht lange verdrießen ließen, denn – wie gesagt – es ging darum, Historisches zu beschließen: die Frauenherrschaft in der EKD, um es plakativ zu sagen. Dazu kam: Anna-Nicole Heinrich hat mit der großen Wahl-Synode als Präses des Kirchenparlaments ihre Feuertaufe insgesamt mit Bravour bestanden. Sie leitete die Sitzungen trotz ihres fast jugendlichen Alters von 25 Jahren souverän und weitgehend pannenfrei. Und das in einem etwas schnoddrigen Ton, der geprägt war von Oneliners („Jo, danke!“), mehreren kumpelhaften „Leute“-Ansprachen in Richtung der Synodalen und eher umgangssprachlichen Satzkonstruktionen wie „Du weißt, wo der Hase langläuft“ oder „Wir werden das gemeinsam wuppen“. Das war ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber durchaus erfrischend.

Die dritte Frau des „Triumulierat“ ist schließlich die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die die Synode zur Vize-Ratsvorsitzende wählte. Fehrs ging neben Kurschus als Favoritin in die Ratswahl – und unterlag ihr nur knapp, wenn man diese sportliche Sprache bemühen will. Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck war es auch, die öffentlich die einzigen Tränen im Kirchenparlament verdrückte, nämlich als es am Montagnachmittag und -abend darum ging, die Opfer sexualisierter Gewalt im Raum der EKD zu hören. Es war ein stundenlanger, bedrückender Tagesordnungspunkt, bei dem die Betroffenen des Jahrzehnte langen Missbrauchs ihr Martyrium schilderten und Forderungen an die EKD stellten.

Der Skandal um sexualisierte Gewalt in den zwanzig Gliedkirchen der EKD ist zwar seit nunmehr elf Jahren bekannt. Es schien aber so, als ob nicht wenigen Synodalen das Ausmaß der Verbrechen erst jetzt richtig bewusst wurde. Die Synode ergriff jedenfalls umgehend erste Maßnahmen, um die Aufarbeitung des Skandals zu verstetigen und neue Mittel dafür zur Verfügung zu stellen – das Haushaltsrecht ist ja fast die einzige Möglichkeit der Synode, um in dieser Hinsicht unmittelbar tätig werden zu können. Allen ist gleichwohl klar, dass der Weg zur Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt noch weit sein wird.

Zur "Chefinnensache" machen

Die neue Ratsvorsitzende Kurschus kündigte an, sie wolle diese Aufgabe zur „Chefinnensache“ machen. Der Missbrauchskomplex wird die EKD, das wurde in Bremen deutlich, noch über viele Jahre beschäftigen. Im übernächsten Jahr wird eine wissenschaftliche Studie die Strukturen des Missbrauchs im Raum der EKD, so ist es geplant, beleuchten. Dann werden voraussichtlich auch neue Zahlen über den Umfang dieses Skandals zu berichten sein. Bisher geht man von knapp 1.000 Fällen seit Ende der 1940er Jahre aus – mindestens, denn dass die wirkliche Zahl wegen der schlechten Aktenlage weit höher liegt, ist in der Wissenschaft unstrittig, was übrigens auch für die Zahl der Missbrauchsfälle etwa in der katholischen Kirche Deutschlands gilt. Dort geht man bisher etwa im gleichen Zeitraum von über 3.600 Betroffenen sexualisierter Gewalt aus.

Neben diesem großen Thema des Missbrauchs und der Wahl der neuen Ratsvorsitzenden ging das durch die EKD-Synode nun langsam nötige Sparen fast unter. Noch ist die finanzielle Lage der EKD nicht so schlecht – aber die Finanzfachleute machten überdeutlich, dass sich das sehr schnell ändern wird. Man wird sich auf ein Schrumpfen gefasst machen, und eines, das auch wegen Corona voraussichtlich viel schneller kommen wird, als es der EKD lieb sein kann.

Ein wenig in den medialen Hintergrund rückte auch die langwierige Ratswahl, bei der in einem aufwändigen Verfahren am Dienstag den ganzen Tag lang zwölf Synodalen in den Rat der EKD gewählt wurden. Schon bald kursierten Zahlen, die den neuen Rat statistisch beschreiben: Er besteht aus acht Frauen und sieben Männern. Die Frömmigkeitsrichtung der „Unierten“ ist etwa doppelt so stark wie die der „Lutheraner“. Elf der 15 Ratsmitglieder haben eine theologische oder juristische Ausbildung genossen. Das durchschnittliche Alter des neuen Rates liegt mit 51,9 Jahren noch 0,8 Jahre höher als der letzte. Und das, obwohl alleine die Präses der EKD-Synode 54 Jahre jünger ist als ihre Vorgängerin.Aber sagen diese Zahlen so viel aus? In den kirchlichen Geschichtsbüchern und in der Erinnerung wird wohl vor allem haften bleiben, dass die EKD mit ihrem neuen Personal an der Spitze schon so etwas wie einen neuen, weiblichen Aufbruch wagt. Und die Mühen der Ebenen, das ist klar, werden für das neue „Triumulierat“ noch früh genug kommen

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