Asymmetrisches Verkrümeln?

Die Vollkonferenz der UEK in Bremen setzt auf verstärkte Kooperationen
Das Präsidium der UEK bei der hybrid abgehaltenen Vollkonferenz am 8. November 2021 in Bremen. Von links nach rechts: UEK-Amtsleiterin, Petra Bosse-Huber, UEK-Vorsitzender Volker Jung und seine beiden Stellvertretungen Dorothee Wüst und  Jan Lemke.
Foto: epd
Das Präsidium der UEK bei der hybrid abgehaltenen Vollkonferenz am 8. November 2021 in Bremen. Von links nach rechts: UEK-Amtsleiterin, Petra Bosse-Huber, UEK-Vorsitzender Volker Jung und seine beiden Stellvertretungen Dorothee Wüst und Jan Lemke.

Die UEK drückt aufs Tempo! Auf der Vollkonferenz in Bremen macht das neue Präsidium unter dem hessischen Kirchenpräsidenten Volker Jung Dampf in Richtung EKD. Wie es strukturell in den nächsten Jahren genau werden soll, ist unklar, und für die Unierten ist und bleibt seit jeher die wichtigste Frage: Was machen die Lutheraner von der VELKD?

Eins kann man ihr nicht nehmen, und zwar dies: Die Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland – kurz UEK – hat mit genau 70 Buchstaben den längsten Namen der drei Entitäten, die in, mit und unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland versammelt sind. Jene – kurz EKD genannt – bringt es undekliniert auf nur 34 Buchstaben. Und das gefühlte Alter Ego der UEK, die VELKD, hat zwar eine um zwei Lettern längere Abkürzungsformel, die der konfessionellen Distinktion geschuldet ist, bringt aber als ausgeschriebene Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands auch nur 54 Buchstaben auf die Waage.

Doch der eigenen Länge will sich die UEK keinesfalls rühmen, im Gegenteil! Denn überträgt man die Länge auf das Feld der Dauer, so fremdelt die UEK traditionell mit sich selbst und sehnt ihr Ende herbei. Dazu ist sie verpflichtet, denn in ihrer Grundordnung steht in Artikel drei, Absatz eins unter der Überschrift „Aufgaben und ihre Wahrnehmung“, die UEK habe „insbesondere grundlegende theologische Gespräche und Arbeiten zu den gemeinsamen Bekenntnissen und zu Fragen der Vereinigung von Kirchen anzuregen und voranzutreiben“.

Sekundiert wird dieser inhärente Vereinigungs- und Auflösungsaktivismus von Absatz zwei, der da lautet:Soweit Aufgaben von der Evangelischen Kirche in Deutschland für alle Gliedkirchen wahrgenommen werden, entfällt eine eigenständige Aufgabenerfüllung der Union.“ Und an diesen schließt sich dann der Absatz drei an:Die Union wird regelmäßig prüfen, ob der Grad der Zusammenarbeit zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Union eine Aufgabenübertragung an die Evangelische Kirche in Deutschland möglich macht.“

Evergreen geht in Umsetzungsphase

Kein Wunder, das Thema „Eigentlich soll es uns gar nicht geben, jedenfalls nicht so“ ist aufgrund der klaren Vorgaben der eigenen Grundordnung immer wieder der Evergreen auf den Vollversammlungen der UEK, ob vor zwei Jahren in Dresden, oder vor einem und zuletzt vor einem halben , als man schon, wie auch diesmal, per Zoom tagen musste.

Nun scheint der Evergreen in die Umsetzungsphase zu gehen: Der im Mai gewählte neue Vorsitzende der UEK, der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung, trug in seinem Präsidiumsbericht einen Plan mit sechs Eckpunkten vor, die im Rahmen dieser Amtsperiode, also bis 2027, realisiert werden sollen. Sie umfassten unter anderem folgendes Programm: Die UEK solle sich erstens „zügig in den Rechts- und Organisationsrahmen der EKD“ transformieren. Die neue Gestalt der Entität UEK soll in Form eines Konventes der Kirchenkonferenz passieren, wie sie die Grundordnung der EKD in Artikel 28a vorsehe.

Dieser Plan ist nicht neu, denn nach Sichtweise der UEK sähe das ideale Zielfoto der innerevangelischen Vereinigung genau so aus: Hier der unierte Konvent und dort der lutherische Konvent und alles unter dem bergenden Dach der EKD. Zu einem lutherischen Konvent allerdings müsste sich die VELKD dann vice versa bereitfinden. Dass es dort aber zurzeit keinesfalls solche Neigungen gibt und sie so schnell auch nicht zu erwarten sind, machte Jung klar, als er davon berichtete, dass er die VELKD von dem UEK-Vorhaben informiert habe. Diese habe das alles zwar in Gestalt des Leitenden Bischofs Ralf Meister und des VELKD-Amtsleiters Vizepräsident Horst Gorski „freundlich zur Kenntnis genommen“, gleichzeitig aber deutlich gemacht, dass die VELKD zum jetzigen Zeitpunkt „keinen eigenen Prozess beginnen will, in dem sie prüft, welche der Schritte der UEK sie ggf. mitgehen kann“.

„Team Vorsicht“

Was nun? Der UEK-Vorsitzende stellte selbst die Frage: „Wie groß darf die institutionelle Asymmetrie werden, ohne dass damit die Statik des Miteinanders der VELKD und UEK in der EKD brüchig wird?“ Jene „Institutionelle Asymmetrie“ ist das Angstbild aller aus dem „Team Vorsicht“ in Sachen Verbindungsmodell. Sie fürchten, dass durch die zunehmende strukturelle Selbstentwichtigung respektive Entleibung der UEK eine Situation entstehen könnte, in der die EKD samt eines klitzekleinen reformiert respektive uniert verstehenden Konventsanhängsel, der lutherischen VELKD gegenübersteht, die sich weiterhin eines eigenen ekklesialen Kerns bewusst sein und bleiben will. Das wäre eine Situation, die niemand will und die den Grundideen des Verbindungsmodells absolut widerspräche!

Sind das nicht nur theologische Spezialitäten, von denen „die Menschen draußen“ sowieso nichts wissen, wissen wollen oder wissen sollten? Im Prinzip ja, aber so einfach ist die Sache auch nicht, denn ein wie auch immer geartetes Umswitchen der UEK von einer eigenen Körperschaft öffentlichen Rechts in einen Konvent der EKD würde sie des synodalen Elementes berauben. Dieses Problem war bereits auf einer früheren Tagung angesprochen worden, denn der für konfessionelle Konvente zuständige Artikel 28 a der EKD-Grundordnung sieht bisher nur Menschen aus der Kirchenkonferenz der EKD, also Leitende Geistliche oder Leitende Juristen, als Mitglieder vor.

Alles Fragen, die prinzipiell lösbar scheinen. Und natürlich müsse der Identitätskern der UEK erhalten bleiben. Ihn formulierte Volker Jung in seinem Bericht so: „Die UEK betrachtet weiterhin als ihre zentrale Aufgabe die theologische und liturgische Arbeit, die im Geist der Leuenberger Konkordie in evangelischer Gemeinsamkeit geschieht und die konfessionellen Besonderheiten zur Geltung bringt.“ Nach der identitären Einkehr folgt aber sofort im nächsten Satz der Ruf zur identitätsüberschreitenden Tat: „Die UEK lädt EKD und VELKD zu Beratungen ein, wie die Strukturen und die Themen- und Verfahrenssteuerung für die gesamtkirchliche theologische und liturgische Arbeit weiterentwickelt werden können.“

Luftiges Gebilde

Die Lage ist also die: Die UEK will ein Konvent werden und würde sich wünschen, die VELKD würde dies auch wollen. Die VELKD aber sagt danke und dann – wir schreiben Anno 2021 – auf sich selbst bezogen deutlich Nein zu solcher Weiterentwicklung. Eine Veränderung in Richtung EKD-Konvent wäre, ohne es hier vertiefen zu können, natürlich für die VELKD, die eine richtige Kirche ist, beziehungsweise sich als solche versteht, sehr viel schwieriger als für das luftige Gebilde UEK. Ein Gebilde, das sich spätestens mit dieser Vollversammlung entschlossen hat, sich sicherlich in Würde aber eben in Bezug auf die VELKD als Organisation betont asymmetrisch zu verkrümeln.

Aus den Reihen der Vollkonferenz kam – anders als in früheren Jahren – kein Widerspruch, sondern nur die triumphierende Wortmeldung des Synodalen Peter Böhlemann aus Westfalen. Dessen „ceterum censeo“ ist seit Jahren die schnelle Selbstauflösung der UEK. Er machte in seiner Wortmeldung angesichts der Auflösungspläne sogar humorvoll den Galilei Galileo, indem er – allerdings lautstark und nicht murmelnd – rief: „Und sie bewegt sich doch!“ Man darf gespannt sein, wie schnell sich die ehemaligen Preußen der Altpreußischen Union respektive EKU respektive UEK in den nächsten Jahren im Dienste des Verbindungsmodells institutionell selbst „zerschießen“ wollen.

Aber genug davon … Nun zu jenem Schönen und Großartigen, das die Vollversammlung der UEK meist bereithält, nämlich profilierte Erträge theologischen und kulturellen Denkens. Diesmal durften sich die Delegierten über einen hochkarätigen Vortrag freuen. Die Professorin auf dem renommierten Zürcher Lehrstuhl für Systematische Theologie in Zürich und Leiterin des dortigen Instituts für Hermeneutik und Religionsphilosophie, Christiane Tietz, die auch Herausgeberin von zeitzeichen ist und seit Mai dem Theologischen Ausschuss der UEK vorsitzt, sprach unter der Überschrift „,Was fehlt, wenn Gott fehlt?‘ – Die Frage nach Gott.“ zu den Delegierten.

Komplizierte Gotteslage

In ihrem Vortrag entfaltete Christiane Tietz einerseits, wie fremd Gott vielen Menschen geworden ist, sodass sie sagten, sie würden nicht an Gott glauben. Andererseits aber litten viele dieser angeblichen „Atheisten“ häufig an einer Leere. Tietz zitiert dazu Martin Walser, der in seinem Buch „Rechtfertigung“ von 2012 schrieb: „Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem ‚bekennenden‘, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.“

Ganz wichtig sei aber, so Tietz weiter: Christen sollten sich keinesfalls von einem irgend gearteten gläubigen Überlegenheitsgefühl leiten lassen, denn soziologische Untersuchungen zeigten keineswegs, dass Menschen, die an Gott glauben, glücklicher seien als andere. Besonders verkompliziere die Lage, dass es „auch innerhalb der Kirche“ Stimmen gebe, die auf den „Glauben an einen Gott verzichten“ wollten. Sie seien laut Tietz folgender Auffassung: „Nach der eigenen Existenz im Ganzen zu fragen, ist bereits Religiosität. Um religiös zu sein, muss ich nicht an einen Vater im Himmel glauben.“

Dieser komplizierten Gotteslage und Gottesfrage in der Moderne will sich die UEK nun verstärkt widmen. Der Vortragstitel „,Was fehlt, wenn Gott fehlt?‘ – Die Frage nach Gott.“ ist gleichzeitig der Titel des neuen Projektes des Theologischen Ausschusses der UEK, dem dieser sich in den nächsten Jahren widmen will. Christiane Tietz gab mit ihrem sehr instruktiven, lebhaften und in Gänze beeindruckenden Vortrag einen guten Vorgeschmack. Wie gut, dass dieser Vortrag für alle Interessierten im Internet noch einige Wochen nachsehbar ist und bleibt (im verlinkten Video sehen Sie den ganzen Vortrag von 01.25.55 bis Minute 01.53.05) – es lohnt sich!

PS: Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen noch genügend der reichlich vorhanden Buchstaben der Union der Evangelischen Kirche in der evangelischen Kirche in Deutschland stehenlassen, auf dass zumindest solche Projekte auch in Zukunft genügend Raum, Mittel und die nötige institutionelle Dignität behalten.

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