Das Ende des Schulterklopfens

Der Skandal um sexualisierte Gewalt in der Kirche trieb am Montag die Synode um
Screenshot Podiumsdiskussion
Foto: zeitzeichen
Screenshot der Podiumsdiskussion zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche auf der EKD-Synode 2021.

Der Skandal um sexualisierte Gewalt im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland dauert an – ja hat in den vergangenen Monaten durch das vorläufige Ende des Betroffenenbeirats im Frühjahr neue Brisanz gewonnen. In dieser Situation versuchte die Synode in Bremen, noch einmal genau auf die Betroffenen zu hören, vom Nachmittag bis in den Abend hinein. Dabei schrieben die Opfer den Synodalen harte Worte ins Stammbuch. Und Tränen flossen auch.

Elf Jahre nach Beginn des erstmaligen Aufdeckens des Skandals um sexualisierte Gewalt im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – damals im Ahrensburg, einem Missbrauchskomplex, der mit dem Rücktritt der Bischöfin Maria Jepsen einen vorläufigen Abschluss fand – schien es am Montag bei der EKD-Synode in Bremen so, als stehe die evangelische Volkskirche mit ihren rund 20 Millionen Mitgliedern noch fast am Anfang ihrer Anstrengungen zur Aufarbeitung dieser Verbrechen. Dieser Eindruck drängte sich jedenfalls auf, wenn man den meist per Zoom übertragenen Aussagen folgte, die die Betroffenen sexualisierter Gewalt vor den Synodalen tätigten. Nachdem die Opfer der Verbrechen im Raum der Kirche gesprochen hatten, ergriff die Hamburger Bischöfin Kerstin Fehrs das Wort – sie war von 2018 bis 2020 Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Unter Tränen sagte sie, sie sei bewegt von der Kritik der Betroffenen, auch darüber, wie viele Verletzungen nun erneut zu Tage träten. Man habe als Kirche falsche Entscheidungen getroffen. „Es tut mir sehr leid.“

Im Raum der EKD sind bisher knapp 1.000 Fälle sexualisierter Gewalt seit Ende der 1940er-Jahre bekannt worden. Zum Vergleich: Die katholische Kirche in Deutschland hat in der so genannten MHG-Studie aus dem Jahr 2018 für etwa den gleichen Zeitraum eine Zahl von über 3.600 Betroffenen ermittelt. Allerdings ist in beiden Volkskirchen klar, dass beide Zahlen wohl deutlich nach oben korrigiert werden müssen, da sie nur das heute noch anhand von Akten zu Ermittelnde darstellen. Vor drei Jahren hat die EKD einen Elf-Punkte-Handlungsplan gegen sexualisierte Gewalt beschlossen, der nun nach und nach in den 20 Gliedkirchen der EKD abgearbeitet wird. In zwei Jahren soll eine Studie vorgelegt werden, die das Ausmaß und die möglichen systemischen Gründe für den Missbrauch im Raum der EKD darlegen.

Die EKD installierte zudem einen Beauftragtenrat für das Thema sowie im Herbst 2020 einen zwölfköpfigen Betroffenenbeirat, der als Pendant zum Beauftragtenrat für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt fungieren sollte. Doch im Mai dieses Jahres gab es einen großen Rückschritt: Die Arbeit des Betroffenenbeirats wurde vorläufig von der EKD ausgesetzt worden, nachdem es zu mehreren Rücktritten gekommen war. Begründet wurde dieser Schritt unter anderem mit einer nicht geklärten Form der Beteiligung der Opfer sowie mit einer nicht ausreichenden finanziellen Ausstattung des Betroffenenbeirats.

Keine Augenhöhe

Das ist die Ausgangslage, in der Henning Stein, Mitglied des ausgesetzten Betroffenenbeirats, auf einer Pressekonferenz vor Beginn der EKD-Synode am Sonntag sagte, er habe den Eindruck gewonnen, dass die EKD kein Interesse an einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe habe. „Wir wurden an Entscheidungsprozessen der Kirche nicht beteiligt. Wir wurden regelmäßig vor vollendete Tatsachen gestellt", erklärte Stein.

Am Dienstagnachmittag kamen nun auf der fast ausschließlich digital stattfindenden Synode bis in den Abend hinein viele Betroffene zu Wort, um den Synodalen ihre Analysen der Situation und ihre Forderungen an das Kirchenparlament zu schildern. Detlev Zander etwa, ein ehemaliges „Heimkind“ der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal in Württemberg, sprach von einem „Seelenmord“, der an den Opfern der sexualisierten Gewalt vorgenommen worden sei. Es fehle von Seiten der EKD ein klares Bekenntnis, dass eine Beteiligung der Betroffenen an der Aufarbeitung der Verbrechen nötig sei. Wer dafür keine Strukturen schaffe, „macht sich mitschuldig“. Stein erklärte, das bisherige Vorgehen in der EKD habe bei den Betroffenen zu einer „Serie an Retraumatisierungen“ geführt. Die bisher von den Landeskirchen ausgezahlten Summen zur Anerkennung des Leids seien lächerlich. Es brauche zur Aufarbeitung der Verbrechen eine staatlich installierte „Wahrheitskommission“ nach angelsächsischem Vorbild.

Karin Krapp, Opfer eines Missbrauchs in Bayern, mahnte die Verantwortlichen in der Kirche: „Sie reagieren mit Umarmung, und ich weiche zurück.“ Und: „Betroffenheitslyrik macht mich wütend.“ Das frühere Missbrauchsopfer Matthias Schwarz, seit vielen Jahren Pfarrer in Hessen, sagte, er fühle sich als Betroffener von der Kirche instrumentalisiert. Man müsse die Betroffenen ernst nehmen und gleichberechtigt mit ihnen reden. Nancy Janz erklärte als Sprecherin einer Reihe von Missbrauchsopfern, dass in Wirklichkeit die Kirche ein Problem habe, nicht die Betroffenen. Sie wollten nicht vereinnahmt werden – „nicht mit uns und nie wieder!“. Statt den Opfern auf die Schultern zu klopfen müsse es darum gehen, nun schnell zu handeln. Für eine „Rosinenpickerei“, bei der die Synode am Ende entscheide, welche der vorgeschlagenen Maßnahmen gegen Missbrauch nun umgesetzt werde, stünden die Opfer nicht zur Verfügung. Es gebe einen Raum der Verbrechen und der Vertuschung samt institutioneller Abwehrmechanismen. „In solch einer Kultur ist alles möglich.“ Sie endete ihr Statement mit dem Appell: „Sie Synodale haben die Chance, Kirchengeschichte neu zu schreiben.“

Flucht in Aktionismus

Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion sagte der Experte Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut, der Diskussionsstand in der Kirche gleiche dem vor sechs Jahren. Er erkenne in der Kirche noch drei typische Abwehrlinien, die er von anderen Institutionen auch kenne: Das ist nicht (mehr) unser Problem. Das waren nur Einzelfälle oder Außenseiter in der Kirche. Oder es gebe eine Flucht in einen Aktionismus, bei der man ganz schnell Maßnahmen ergreife, ohne zu wissen, ob sie etwas brächten. Erst wenn diese drei Abwehrmechanismen gescheitert seien, beginne die eigentliche Aufarbeitung des Skandals um sexualisierte Gewalt in der schuldig gewordenen Institution.

Gegen Abend sagte Karin Krapp, es brauche eine „Kultur des Hinhörens“ in der Kirche. Es müsse Schluss sein mit der Selbstlüge „Wir sind doch die Guten, das passiert bei uns nicht.“ Matthias Schwarz, Pfarrer in einer ländlichen Region, erklärte, es sei bei der nun nötigen neuen Kultur in der Kirche wie beim Kultivieren eines brach liegenden Feldes: Zuerst müssten alle Unkräuter herausgerissen werden. Dann müsse man tief graben, das Feld gut umgraben und gut belüften – und dann erst könne man auf diesem Acker neues säen. Detlev Zander unterstrich, die EKD müsse am Ende Macht abgeben, wozu auch die Deutungshoheit über die Verbrechen und die Aufarbeitung gehöre. Gleichwohl habe er den Eindruck, „dass die evangelische Kirche heute verstanden hat“.

Neue synodale Kommission

Zumindest äußerte sich die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich  sehr deutlich: „Wir brauchen  ein höheres Tempo, mit dem wir Aufarbeitung und Prävention vorantreiben.“ Geplant ist unter anderem eine Verschärfung des kirchlichen Disziplinarrechts. Dabei soll auch die Begleitung von Betroffenen verbessert und der Zugang zu Informationen für sie erleichtert werden. Zudem soll eine synodale Kommission eingerichtet werden, die die fortlaufende Vernetzung der Synode mit Betroffenen und Beauftragtenrat sicherstellt. Die Beteiligung von Betroffenen soll darüber hinaus durch die Unterstützung eines Betroffenennetzwerkes gestärkt werden.

Zuvor hatte der Sprecher des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, Landesbischof Christoph Meyns, eine gemischte Bilanz der bisherigen Schritte zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gezogen. „Ich möchte nicht verschweigen, dass trotz aller Fortschritte das letzte Jahr ein schwieriges war. Wir hatten uns mehr vorgenommen, als wir erreichen konnten. Wir haben erfahren, dass es auf unserem Weg harte Rückschläge geben kann, dass in bester Absicht Geplantes auch scheitern kann. Wir werden trotzdem nicht nachlassen“, so Meyns.

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