Trotz allem fröhlich

Heinrich Bedford-Strohms letzter Ratsbericht und die Frage der Nachfolge
Vorstellung der Ratskandidaten auf der EKD-Synode am 7.11. 2021 in Bremen
Foto: epd
Ratswahl 2021: Vorstellung der Ratskandidat:innen am 7. November 2021 in Bremen. Auf dem Bildschirm Landesbischof Tobias Bilz (Dresden)

Am ersten Tag der EKD-Synode in Bremen hält Heinrich Bedford-Strohm seinen letzten Ratsbericht. Seine Bilanz: Die Freude überwiegt. Dann stellten sich 22 Menschen für einen Sitz im neuen Rat der EKD vor – ein bunter Reigen mit vielen Links.

Das letzte Mal hatte sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bestimmt anders vorgestellt. Seinen Ratsbericht auf der 2. Tagung der 13.Synode musste er in einen fast leeren Saal hineinsprechen, denn die Adressaten saßen zum überwiegenden Teil zuhause am Zoom-Bildschirm – seit nunmehr drei Synoden fast schon Business as Usual. Davon aber ließ sich der bayerische Landesbischof  in seinem Elan nicht bremsen. Er entfaltete in der ihm eigenen Vitalität ein buntes Panorama seiner Amtszeit.

Sieben Jahr lang, von 2014 an, war Bedford-Strohm im Amt. Es ist die bisher zweitlängste Amtszeit eines Vorsitzenden in der Geschichte der EKD ist – lediglich Otto Dibelius amtierte mit zwei vollen Ratsperioden von 1949 bis 1961 länger. Alle anderen Ratsvorsitzenden nach Dibelius amtierten jeweils nur eine Ratsperiode von sechs Jahren – niemand stellte sich bisher der Wiederwahl. Zwei Ausnahmen gab es in jüngster Zeit: Die erste Ratsvorsitzende Margot Käßmann trat im Februar 2010 auf eigenen Wunsch nach genau 120 Tagen Amtszeit zurück, und auch ihr Nachfolger Nikolaus Schneider beendete seine Amtszeit aus persönlichen Gründen, sodass Bedford-Strohm nun insgesamt auf ein Jahr mehr im Ratsvorsitz kommt als die meisten anderen.

Der bayerische Landesbischof – in diesem Amt ist Bedford-Strohm noch bis 2023 gewählt – war ohne Frage ein äußerst öffentlichkeitswirksamer Ratsvorsitzender, der aber auch polarisierte – sicher nicht durch seine fröhliche, freundliche und überaus gewinnendes Persönlichkeit – aber durch klare Positionierungen, zum Beispiel durch sein unermüdliches Engagement für die Seenotrettung im Mittelmeer. Nun wird am morgigen Dienstag ein neuer Rat der EKD gewählt und aus dessen Mitte dann am Mittwoch auch die Nachfolge Bedford-Strohms im Vorsitz.

„Marathon im Februar“

Traditionell stellen sich die Kandidatinnen und Kandidaten dafür am Sonntagnachmittag der Synode und der Kirchenkonferenz vor. Dann müssen laut Paragraph 5 des Ratswahlgesetzes der EKD bis zur Wahl 24 Stunden vergehen. Die Vorstellung geschieht so: Pro Person sind fünf Minuten Vorstellung vorgesehen, die Reihenfolge geht streng nach dem Alphabet. Im Folgenden eine anmoderierte Aufzählung des Kandidatenkreises, in denen bei Interesse auf jede einzelne Vorstellung geklickt werden kann.

Den Anfang machte demgemäß Andreas Barner, der wie insgesamt neun der 22 Kandidat:innen auch schon dem scheidenden Rat angehört und im vergangenen Jahr durch seine Sparliste für einiges Aufsehen sorgte. Bei seiner Vorstellung in diesem Speeddating besonderer Art, kündigte der Nestor unter den Ratskandidaten unter anderem an, er bereite sich auf seinen ersten Nach-Corona-Marathon im Februar vor.

Mit dem nächsten Kandidaten, Sachsens Landesbischof Tobias Bilz, stellte sich dann derjenige vor, der leider als einziger nicht auf die Bühne des Bremer Congress Centrums treten konnte, denn er gehört zum Kreis der Personen, die sich als Kontaktpersonen des kurz vor der EKD-Synode an Corona erkrankten mitteldeutschen Landesbischofs Friedrich Kramer in Isolation halten mussten. Tobias Bilz sprach per Zoom aus Dresden.

Als dritte Person stellte sich Sabine Blütchen vor. Die Rechtsanwältin, Mediatorin und Synodenpräsidentin der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg sagte selbstbewusst von sich: „Ich bin blockfrei“, und hat damit durchaus recht, denn ihre Kirche ist, wie auch die württembergische, als Stätte milden Luthertums weder Mitglied der VELKD noch der UEK, sondern pflegt in beiden konfessionellen Verbänden einen Gaststatus. Nach ihr dann Michael Diener, bis vor kurzem Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und jetzt wieder Dekan in der Pfalz. Er gehört dem jetzigen Rat bereits und hofft künftig vor dem Hintergrund der 12 Leitsätze auf „Bewegung in der Institution“.

Kirche braucht „Schubsengel“

Als Nummer fünf dann der erste Theologieprofessor im Kreis in Gestalt von Michael Domsgen, eines Zeichens Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter der dortigen Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse. Er sagte unter anderem in Bezug auf die Zukunft der Kirche: „Die Veränderungen nagen am Selbstbewusstsein“, denn die Stimmung changiere häufig zwischen „mia san an mir“ und der „Kaiser ist nackt“. Gleich nach ihm sprach – das Alphabet wollte es so – mit Tobias Faix der zweite Theologieprofessor aus der Runde. Der Professor für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule Kassel wünschte seiner Kirche für die Zukunft einen „Schubsengel“, damit man vorankomme und die evangelische Kirche an den wichtigen Transformation der Gesellschaft eine gewichtige Rolle spielen könne.

Dann folgte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die bereits seit 2015 dem Rat der EKD angehört und durch ihre vielbeachtete Tätigkeit als Vorsitzende des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt von 2018 bis 2020 überregional bekannt wurde. Fehrs bezeichnete Seelsorge als „Muttersprache der Kirche“ und erinnerte eindringlich daran, dass der EKD-Punkte-Plan von 2018 nur „ein erster Schritt auf langem Weg“ sein könne. Nach ihr war als achter Kandidat der theologische Vorstand des Vereins Oberlinhaus, Matthias Fichtmüller, an der Reihe. Der einzige Diakoniewissenschaftler im Ratsaufsatz erinnerte an den tragischen Vorfall vom 29. April, als in seiner Einrichtung in Potsdam eine Pflegerin vier behinderte Bewohner:innen tötete und schilderte dann aber die seelsorgliche und gottesdienstliche Kraft, mit der die geschockte Belegschaft in dieser schweren Stunde gestärkt wurde.

„Familie mit allem, was dazugehört“

Als fröhliche, basisgeprägte Christin stellte sich auf Position 9 die SPD-Politikerin Kerstin Griese vor, die auch bisher schon im Rat mitarbeitet. Sie malte ein schönes Bild, dass Kirche für sie ein Zuhause sei, „mit allem was dazugehört“, also Geborgenheit, aber manchmal auch Genervtheit. Der Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales betonte, dass ihr der Kampf „gegen jede Art von Antisemitismus“ besonders am Herzen liege. Nach ihr war dann als Zehnter der Finanzfachmann Frank Hermann an der Reihe. Er charakterisierte sich als Quereinsteiger aus einer Freikirche in die württembergischen Landeskirche, in der er sich seitdem in besonderer Weise in der besondere Gemeinde Kesselkirche engagiert. Im neuen Rat möchte er besonders in Anbetracht der sich abzeichnenden schwierigen Finanzlag als Experte auf diesem Gebiet mithelfen.

Numerisch Bergfest feierte die Vorstellung mit der elften Kandidatin Claudia Jahnel. Die Professorin für Interkulturelle Theologie und Körperlichkeit an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, ist die dritte akademisch lehrende Theologin im Kreis der Kandidat:innen. Sie berichtete aus ihren reichen ökumenischen Erfahrungen und erwähnte ihre Mitwirkung an der jüngst erschienen EKD-Orientierungshilfe Pfingstbewegung und Charismatierung. Das Dutzend machte voll der Jurist Jacob Joussen, der dem Rat auch bisher schon angehört und zu Beginn seiner Vorstellung sein Auditorium mit „Liebe Kachelgeschwister“ ansprach. Der Professor für Bürgerliches Recht, Deutsches und Europäisches Arbeitsrecht und Sozialrecht an der Ruhr-Universität Bochum ist gleichzeitig Gründungsdirektor des bisher bundesweit einzigen Instituts für kirchliches Arbeitsrecht.

Eine Besonderheit enthielt die Vorstellung des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Volker Jung, dem 13. auf der Liste, denn er wies darauf hin, dass er nur für die erste Hälfte der Ratsperiode zur Verfügung stehe, da er voraussichtlich 2024 in den Ruhestand trete. Für diesen Zeitraum aber wolle er tatkräftig dabei mithelfen, die notwendigen Veränderungen „in guten Prozessen“ anzugehen. Als 14. Bewerberin sprach die westfälische Präses Annette Kurschus, die in den vergangenen sechs Jahren bereits als Stellvertreterin Bedford-Strohms amtierte. Sie wünsche sich, dass die Kirche ihre Vielfalt nicht nur nach innen hin verwalte, sondern auch im Handeln nach außen fruchtbar mache. Im neuen Rat wolle sie eine „erkennbare Rolle und eine wahrnehmbare Stimme“ präsentieren. Für evangelische Verhältnisse, in denen es ja zum guten Ton gehört, sich an Demut nicht übertreffen zu lassen, eine bemerkenswerte Äußerung!

Mit einer wirklich hinreißenden Geschichte eröffnete die Sozial- und Politikwissenschaftlerin Silke Lechner als 15. Kandidatin ihren Vortrag, als sie vortrug, wie ihr ein muslimischer Imam nach einer interreligiösen Begegnung auf Gemeindeebene strahlend erzählt habe: „Der Papst ist auch dagewesen … und seine Frau auch“ – womit er natürlich den evangelischen Gemeindepfarrer gemeint hatte. Nach ihr folgte als Nummer 16 die Juristin Anna Notz. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesverfassungsgerichts und Mitglied des Redaktionsrats des renommierten Onlineorgans Verfassungsblog und sagte unter anderem den einprägsamen Satz „Recht darf sich nicht genug sein“.

Als 17. Kandidat sprach Thomas Walter Rachel. Der erfahrene CDU-Politiker ist schon seit langem Staatssekretär im Bundesbildungsministerium und Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU. In seiner Vorstellung erzählte er von der interkonfessionellen Ehe mit seiner griechisch-orthodoxen Ehefrau und warnte des weiteren vor „Erstarren in geistigen Monokulturen und in den eigenen Resonanzräumen. Danach stellte sich als 18. Kandidat Oberkirchenrat Stefan Reimers vor, der im Landeskirchenamt der Bayerischen Landeskirche tätig ist. Auch er berichtete von seiner konfessionsverschiedenen Ehe in Gestalt der irisch-katholischen Tradition seiner Frau.

Als 19. Person sprach Julia Schönbeck. Die 24-Jährige sagte, dass sie nicht gerne auf Bühnen stehe und dass sie früher nie eine Leitungsrolle gewollt habe – jetzt aber traue sie sich. Zudem erzählte die Theologiestudentin im 11. Semester, dass ihr schönster persönlicher Gottesdienst „Heiligabend in einer Videokonferenz“ gewesen sei. Als Nummer 20 war Stephanie Springer, die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Hannoverschen Landeskirche, an der Reihe. Die Juristin bezeichnete Singen als „elementaren Ausdruck“ ihres Glaubens und gab preis, dass sie seit vierzig Jahren im selben Kirchenchor vor den Toren Hannovers sei.

An vorletzter Stelle kam dann der Berliner Bischof Christian Stäblein, seit 2019 im Amt. Der Hauptstadtbischof bekannte dialektisch „Ich mag Schnörkel aber auch Schnörkellosigkeit“. Ganz ans Ende hatte das Alphabet die Büdelsdorfer Pfarrerin und Social-Media-affine Josephine Teske gesetzt. Sie würde im neuen Rat gerne Veränderungsprozesse begleiten – immer wieder mit Mut.

PS: Morgen können von den 22 Kandidat:innen nur 14 gewählt werden, acht werden ausscheiden müssen. Das ist bitter. Deswegen kursierte am Sonntagabend, als einige der Kandidat:innen im besten Einvernehmen an der Hotelbar zusammensaßen, der Vorschlag, dass doch alle 22 in den Rat berufen werden sollten, dann müsse man nicht jedes Mal kommen. Ein interessanter Vorschlag, den jedoch die Grundordnung der EKD vorerst noch nicht vorsieht …

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