Spuren

Eine deutsch-jüdische Familie

Im Jahre 1812 ließ sich Scholem, Sohn des Elias, in der preußischen Verwaltung von Glogau eintragen. Als er nach dem Nachnamen gefragt wurde, verstand er es nicht und wiederholte seinen Vornamen. Der Beamte trug als seinen vollständigen Namen „Scholem Scholem“ ein. So erzählte man es in der Familie, der Nachname war der erste Schritt zur Emanzipation. Das Edikt König Friedrich Wilhelm III. machte sie möglich, am 11. März 1812 hatte es der Monarch erlassen. Man kann die deutsch-jüdische Epoche auch 1743 beginnen lassen mit der Ankunft von Moses Mendelssohn in Berlin. Wann sie endet? Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus im Januar 1933 oder Januar 1939, als nach Saul Friedländer kein jüdisches Leben in Deutschland mehr möglich war?

Jay Howard Geller greift in seinem Buch das Jahr 1938 heraus, als Gershom Scholem, der berühmte jüdische Gelehrte aus Jerusalem, in New York das Schiff verlässt, um Vorträge über die Kabbala und den Chassidismus zu halten, als seine Brüder Reinhold und Erich, die in Berlin die väterliche Druckerei weitergeführt hatten, in den Hafen von Sydney einfahren, um ein neues Leben zu beginnen, und als der vierte im Bunde, Werner, im Konzentrationslager Buchenwald eintrifft, einer der bekanntesten Kommunisten des Reiches, ehemaliger Reichstagsabgeordneter und Journalist.

An diesen vier Brüdern ließen sich die verschiedenen Entwicklungen zeigen, „die für die Welt des jüdischen Bürgertums typisch waren“. So schrieb es der jüngste der vier Brüder, Gershom Scholem, in seinen Erinnerungen „Von Berlin nach Jerusalem“. Er hatte inzwischen seinen Vornamen von Gerhard in Gershom geändert. Der amerikanische Historiker Geller nimmt diesen Faden auf und es entsteht ein dichtes Geflecht von Lebensschicksalen, in deren Mittelpunkt das Ehepaar Arthur und Betty Scholem stehen sowie ihre vier Söhne. Die Familie, deren Vorfahren aus Schlesien in das aufsteigende Berlin kamen, wird durch die wirtschaftlichen und politischen Umbrüche geprägt und zugleich bestimmen sie diese auch mit. Sie erfahren Anerkennung und bekommen ebenso den immer stärker werdenden Antisemitismus zu spüren. Die jüdische Bevölkerung ist nicht nur Garant des Bildungsbürgertums, was selbst der zum Antisemitismus neigende Schriftsteller Theodor Fontane einräumen muss, sondern sie versucht auch die Demokratie im Reich zu stützen.

Es ist die tiefe Tragik, dass durch die Aufstellung von Ernst Thälmann Hindenburg Reichspräsident werden konnte. Bitter bemerkte Betty Scholem: „Die Kommunisten mit ihrem eigenen Kandidaten haben das angerichtet, ihre zwei Millionen hätten Marx durchgebracht.“ Und sie wusste dabei nur zu genau, dass es ihr Sohn Werner war, der Ernst Thälmann gegen starke Widerstände in der eigenen kommunistischen Partei durchgesetzt hatte.

Gellers Familiensaga ist ein geistreicher Reiseleiter durch die Zeit mit ihren unterschiedlichen jüdischen Strömungen und Verästelungen. Auch wenn jedes Detail akribisch belegt ist – immerhin enthält das 463 Seiten starke Werk rund 127 Seiten mit Anmerkungen, dazu ein umfangreiches Literaturverzeichnis –, wirkt das Buch wie von allem wissenschaftlichen Ballast befreit, bisweilen erscheint es geradezu unterhaltsam, stellenweise auch durchaus humorvoll erzählt, wenn zum Beispiel der junge Gerhard Scholem ausgerechnet unterm Weihnachtsbaum ein Porträt von Theodor Herzl findet.

Jahre später wird man sich wundern, dass unter dem Kidduschbecher die Aufschrift „Weihnachten 1921“ eingraviert steht. Die Zeiten hatten sich geändert. Betty Scholem, die den Zionisten einst trotzig ihr Deutschtum entgegenhielt, musste bitter feststellen, dass ihr nun mitgeteilt wurde, dass sie keine Deutsche sei. Und wenn sie dann sagt: „Ich begreife nicht, daß sich nicht 10 000 oder nur 1 000 anständige Christen finden, die das nicht mitmachen u. laut protestieren“, dann hallt das bis in unsere Zeit hinein.

Es geht um die Spuren dieser langen deutsch-jüdischen Geschichte, die Geller in den Lebenswegen der vier Brüder folgt, in denen sich jeweils eine der Möglichkeiten spiegelt, die sich den deutschen Juden nach dem Ersten Weltkrieg bot. Am Ende muss er feststellen, dass „die alte, spezifisch deutsch-jüdische Kultur … nahezu verschwunden“ ist. Dass sie aber die Geschichte unseres Landes wesentlich geprägt hat, macht Gellers Darstellung nur allzu deutlich. Sich dessen bewusst zu bleiben, ist das Verdienst dieses Buches. Dass es im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erscheint, ist naheliegend. Gershom Scholem war – verständlicherweise – sehr wählerisch, wem er seine Werke in deutscher Sprache anvertrauen sollte, er wandte sich an Siegfried Unseld, den Verleger des Suhrkamp Verlages. Dort ist auch Gellers Buch in guten Händen.

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