Vorahnung

Theologie für die Diakonie

Was macht Diakonie heute noch dia­konisch? Dieses, insbesondere durch Ökonomisierung und Pluralisierung bedingte, hochbrisante Thema beschäftigt seit Jahren den diakoniewissenschaftlichen Diskurs. Meist geht es dabei um die Etablierung einer Unternehmenskultur als Summe der gelebten Werte und Haltungen einer Einrichtung („So machen wir das hier“), die es aktiv zu gestalten gilt.

Häufig wurde dabei die Trägerperspektive eingenommen und gefragt, was diakonische Einrichtungen tun können, um „diakonisch profiliert“ aufzutreten. Das Besondere an dem Buch „Merkmale diakonischer Unternehmenskulturen in einer pluralen Gesellschaft“, das als Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojektes (2015 – 2018) unter Leitung von Beate Hofmann am Institut für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement der diakonischen Hochschule Wuppertal durchgeführt wurde, ist die bewusste Einnahme der Mitarbeitenden- und Bewohnerperspektive zu diesem Thema. In 33 Einrichtungen der stationären Alten- und Eingliederungshilfe wurde durch Fragebögen und Interviews untersucht, wie insbesondere Mitarbeitende ohne kirchlichen Bezug Elemente diakonischer Kultur wahrnehmen und welche Relevanz sie diesen für die Einrichtung und sich selbst persönlich zurechnen. Quasi als „Bonus“ wurde dem Forschungsprojekt noch eine Komplementärstudie angehängt, bei der in einem eigenen Kapitel des Buches die Wahrnehmung und Bewertung diakonischer Elemente aus Sicht der BewohnerInnen der Einrichtungen untersucht wurde. Mitarbeitende und BewohnerInnen bewerten das diakonische Profil allgemein viel stärker anhand der verinnerlichten Haltungen und gelebten Beziehungen.

Sichtbare Elemente, Beziehungen zur örtlichen Kirchengemeinde oder Rituale kommen nur an zweiter Stelle vor und werden nur in Verbindung mit einer als diakonisch erfahrenen Haltung als authentisch und hilfreich wahrgenommen. Dabei wird durch eine wachsende Säkularisierung der Nutzer:innen diakonischer Angebote zunehmend die Relevanz religiöser Angebote und Rituale in Frage gestellt. Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist auch die Notwendigkeit von „Ankerpersonen“, die durch ihre gelebte Vorbildfunktion die Kultur mit Leben füllen. Generell zeigt sich durch die Studie ein gemischtes Bild:

Zum einen wird illustriert, dass auch in einer pluralen und zum Teil entkirchlichten Mitarbeiterschaft eine hohe Akzeptanz vorherrschen kann, sich mit diakonisch-christlichen Kulturmerkmalen und Praktiken auseinanderzusetzen und diesen für die Identität der Einrichtung und zum Teil auch persönlich eine hohe Bedeutung zuzuschreiben. Zum anderen muss es der Diakonie jedoch zukünftig viel mehr gelingen, die Relevanz dieser Praktiken zu kommunizieren und zu kultivieren, da diese immer weniger als gegeben vorausgesetzt werden kann. In den letzten beiden Kapiteln werden die Konsequenzen der Ergebnisse kurz erläutert sowie durch Beiträge externer Kommentatoren weiterführende Impulse gesetzt, wie dies gelingen kann und was noch zu tun wäre. Mit seinen zahlreichen Zitaten, in denen Mitarbeitende selbst zu Wort kommen, sowie Auswertungen und Zusammenfassungen gibt das Buch einen spannenden Einblick in die Denk- und Wahrnehmungswelt der wahren Kulturträger. Einige Ergebnisse decken sich mit den gefühlten Vorahnungen, andere überraschen und regen zum Weiterdenken an. Das Kernergebnis der Studie kommt letztendlich sehr deutlich rüber: Diakonische Identität ist auch mit einer pluralen Mitarbeiterschaft möglich, aber sie muss aktiv erarbeitet, reflektiert, kommuniziert und gelebt werden, wenn sie relevant bleiben will.

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