Sansibar-Leopard

Howe Gelbs jüngster Streich

Dem Album Not On The Map können wir uns auf zweierlei Weise nähern: über die meist von Abschied und, wie im düs­teren Opener Counting On, von trügerischer Hoffnung geprägten Lyrics oder über das Klanggewand. Doch den Reiz macht aus, wie sie ineinandergreifen – außer beim groovigen Instrumental Tarantula, zu dem man unwillkürlich pfeift wie melancholisch schmachtet.

Aber der Reihe nach: Den jetzt 65-jährigen Howe Gelb kennen wir, seit er und seine Band Giant Sand aus Tucson/Arizona mit ihrem Desert Rock in den 1980ern den Indie-Zirkus betraten: Sie verbanden Americana-Begeisterung und -Können mit einer Art Beatnik-Familie, der ihre Musik­leidenschaft wichtiger war als Ruhm und Erfolg. Ein Kreis, zu dem auch die Calexico-Gründer und stets die mangelnde Scheu vor Versuchslabor und Lärm gehörten. Gelbs Diskographie hat mittlerweile über 50 Einträge, mit Band, solo und in Kollaboration. So tief wie auf Not On The Map haben wir ihn aber noch nie gehört – und meist nur knapp über dem Talking, was spontan an den späten Leonard Cohen oder Solomaterial von Ex-Walkabouts-Folkrocker Chris Eckman erinnert, der heute in Slowenien lebt.

Howe Gelbs Europa-Homebase war lange Dänemark, doch nun taucht er mit den Belgiern von The Colorist Orchestra (TCO) auf, einem achtköpfigen „Avant-Klassik“-Ensemble, dessen Spezialität frappantes Neu-Einkleiden von geschätztem Songmaterial ist. Nicht remixen, sondern „umgekehrtes Karaoke“ nennen sie das. Sie präparieren dazu Instrumente, setzen Essstäbchen statt Bogen oder auch mal Kaffeemühlen ein. Markenzeichen sind das perkussive Bett (die TCO-Gründer sind Schlagzeuger) und penibler Ton- beziehungsweise Soundsatz. Für Desert-Rocker Gelb mit anarchischen Impulsen trotz aller Harmonium-Experimente seither ein Graus, zumal ohne Gitarren, aber er konnte sich mehr als darauf einlassen: Sie schrieben die Musik zusammen, was auch die TCOler frappierte, und haben auf Gelbs Drängen die wunderbare Nachwuchs-Folkerin Pieta Brown mit an Bord. Zwei Songs schrieb sie, gesungen im Duett mit Gelb, auf drei weiteren ist sie im Chor zu hören.

Eine Freundin findet das Album nachdenklich, wir jedoch sagen: geballte November-Experience. Vergeblich- und Vergänglichkeit wird nicht nur nicht aus dem Weg gegangen, es steuert frontal darauf zu. Und das Erstaunliche ist, dass Not On The Map nicht runterzieht. Es hat vielmehr Witz, etwa im an die Anthropologin Helle V. Goldman gerichteten Dr Goldman. Darin geht es um den als ausgestorben geltenden Sansibar-Leoparden, der jüngst auf Kameras gesichtet wurde. Gelb teilt das in sanftem Croonen mit, referiert ihre Thesen über dessen Verfolgung als Hexen-Assistent und schwelgt ansonsten in Rätseln. Wie wir. Man staunt, liest nach und versackt im reizvollen Soundbett. Allerschönste November-Träume.

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