Umstrittene Hefte

Nahostexperten kritisieren kirchlich mitfinanzierte „SympathieMagazine“ zu Israel und Palästina
„Israel verstehen“ ist eines der beiden umstrittenen Magazine zum Nahostkonflikt, die vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung herausgegeben wurden. Beide sollen überarbeitet werden.
Foto: Pixabay/Thomas Klatt. Montage: Anika Müller-Näthe
„Israel verstehen“ ist eines der beiden umstrittenen Magazine zum Nahostkonflikt, die vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung herausgegeben wurden. Beide sollen überarbeitet werden.

Zwei Hefte, die Hintergrundinformationen zum Nahostkonflikt liefern wollen, stehen in der Kritik. Der Vorwurf: Sie befördern israelbezogenen Antisemitismus. Die Magazine werden auch von den kirchlichen Hilfswerken „Brot für die Welt“ und „missio“ finanziell unterstützt. Der Journalist Thomas Klatt hat nachgefragt.

"Mehr wissen. Mehr Durchblick im Nahostkonflikt. Mit den SympathieMagazinen Israel  verstehen und Palästina verstehen." Kaum flogen im Mai die letzten Raketen zwischen Gaza und Israel hin und her, bewarb der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung per Mail seine jeweils rund 80 Seiten umfassenden Hefte. Die stammten zwar aus den Jahren 2014 (Israel) und 2019 (Palästina), sollten aber auch im aktuellen Konflikt zwischen Israel und Palästina den Durchblick verschaffen. Unterstützt und gefördert werden diese Hefte vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ, dem evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt und dem katholischen Missionswerk missio. Da sollte man mit sachgemäßen Informationen rechnen können.

Für manche Nahostexperten allerdings sind diese „SympathieMagazine“ alles andere als sympathisch. Im Gegenteil werde darin mehr oder weniger unverblümt antizionistische Hamas-Propaganda verbreitet, so die Kritik. Mit Staatsgeldern und eben auch Kirchensteuermitteln werde so israelbezogener Antisemitismus befördert.

Einer der Kritiker ist Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committee in Berlin. „Fangen wir mit dem Palästina-Magazin an. Da ist interessant, was man alles nicht erfährt. Wir lernen nichts über die Menschenrechtssituation in den Palästinensischen Gebieten. Wir lernen nichts darüber, wie beispielsweise die Situation von Homosexuellen ist. Wir lernen nichts über die endemische Korruption in den Palästinensischen Gebieten“, sagt er mit Blick auf das SympathieMagazin „Palästina verstehen“. Der Politikwissenschaftler zeigt sich entsetzt, wie man von Deutschland aus den Nahostkonflikt derart falsch darstellen kann: „Das einzige, was wir in diesem Heft lernen, ist, dass für alles, was in den Palästinensischen Gebieten passiert, einzig und allein der Staat Israel verantwortlich ist. Und die Israelis tauchen entweder nur als Siedler oder Soldaten auf.“

Palästinenser dagegen würden in dem „SympathieMagazin“ durchgehend als passive Opfer dargestellt. Kein Wort darüber, dass sie seit mehr als 70 Jahren über nun schon drei Generationen im Flüchtlingsstatus gehalten werden. Kein Wort auch zum Antisemitismus der Hamas und deren Programm, das die Vernichtung des Staates Israel zum Ziel hat. Kein Wort über die antisemitische Hetze in palästinensischen Schulbüchern. Stattdessen Rezepte zwischen Frischkäse und Blattgemüse. Und rührselige Bilder von Palästinensern, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Olivenbäume zu besitzen wie einst ihre Ur-Großväter. Auch dass Hamas wie Fatah seit mehr als zehn Jahren demokratische Wahlen verwehren, wird nicht erwähnt. Stattdessen Fehlinformationen, etwa zum Tempelberg.

Viele Mängel

„Dann wird behauptet, dass den Muslimen der Zutritt zur Al-Aqsa verwehrt wird. Auch das entspricht nicht der Wahrheit. Seit dem Sechs-Tage-Krieg ist es die israelische Regierung, die dafür sorgt, dass alle Konfessionen Zugang zu den Heiligen Stätten in Jerusalem haben, was es vorher nicht gab, als es noch unter arabischer Besatzung war“, erklärt Leemhuis.

Die Mängelliste ist laut Leemhuis noch länger. So wird etwa behauptet, dass die Hamas das Existenzrecht Israels 2017 endlich anerkannt habe. Das aber ist falsch. Nach wie vor reden Hamas-Führer davon, dass Israel „ein Krebsgeschwür“ sei und „verschwinden“ müsse. Weiter wird insinuiert, dass die palästinensischen Selbstmordattentate lediglich eine Art Notwehrreaktion nach dem Terroranschlag von Baruch Goldstein in Hebron waren. Die Hamas hatte aber schon vorher mit ihren Terroranschlägen begonnen. Eine weitere Geschichtsverdrehung im Heft sei, dass die Selbstmordattentate während der zweiten Intifada der Palästinensischen Organisationen lediglich eine Reaktion auf die Brutalität der israelischen Armee gewesen seien. Auch das stimme, so Leemhuis, historisch einfach nicht.

Der Nahost-Experte vom American Jewish Committee in Berlin steht mit seiner Kritik nicht allein. Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Christian Staffa, äußert sich kritisch zu dem „Palästina Verstehen“-Heft. Dort werde eben keine Pluralität der Meinungen dargestellt, sondern einseitig etwa nur die Nakba, die Katastrophe der Vertreibung von Arabern aus Israel 1948, problematisiert.

„Man kann ja immer sagen, es gibt diese Geschichtsschau, die die palästinensische Seite und die Nakba und die Vertreibung in den Mittelpunkt stellt. Aber dann müssten wir als Menschen, die nicht direkt verwickelt in den Konflikt sind, sagen, es gibt noch eine andere Geschichte“, sagt Staffa. Der EKD-Vertreter wünscht sich eine ausgewogenere Darstellung. Dazu würden dann die bis zu eine Million vertriebenen Jüdinnen und Juden aus den arabischen Ländern seit 1948 zählen, die in dem Heft überhaupt nicht erwähnt werden.

Auch der Grünen-Politiker und Nahost-Experte Volker Beck findet kaum gute Worte für das Magazin zum Thema Palästina: „Da wird doch die Hamas tatsächlich mit dem Rubrum ‚Islamischer Widerstand‘ in der Artikelüberschrift bezeichnet. Das ist ihr Selbstbild. Aber das kann man doch nicht in Deutschland einfach unkommentiert übernehmen.“ Bei der Hamas handele es sich „um eine islamistische Terrororganisation, die nicht nur die israelische Zivilbevölkerung terrorisiert, sondern auch die arabische Bevölkerung, über die sie herrscht.“

Postkoloniale Optik

Immer wieder wird in dem 80-Seiten-Heft konstatiert, dass Israel ein Apart­-
­heidstaat sei. Die vermeintliche Aggression Israels wird an den Pranger gestellt. Dass der Krieg von 1967 aber damit begann, dass die ägyptische Armee mit Panzern und Soldaten durch den Sinai auf Israel zumarschierte und nicht Israel vorhatte, das Westjordanland, Gaza und den Sinai einzunehmen, wird schlicht verschwiegen. Volker Beck bringt es auf den Punkt: „Die Palästina Verstehen-Broschüre liest sich, als wäre sie in einem gemeinsamen Workshop von Hamas und der PLO-Führung erstellt worden. Das ist durchweg ziemlich einseitige Desinformation.“

Nicht nur die politische, sondern auch die theologische Einordung ist für Beck falsch. Ein Blick in die Bibel hätte genügt, um zu wissen, dass Juden seit Tausenden von Jahren in Galiläa, Samaria und Judäa zu Hause sind. Stattdessen wird die palästinensische Kairos-Theologie vorgetragen. „Diese Kairos-Palästina-Theologie ist ein Riesenproblem, und das würde ich in so einem Booklet auch mal mit einem Kasten gerne erklärt sehen. Da wird Jesus zum Revolutionär stilisiert und darüber hinweggeschrieben, dass er natürlich Jude war, und es wird eine Kontinuität der ersten christlichen Gemeinde zu den heutigen Palästinensern gezogen und dabei so getan, als ob es die Juden dort nie gegeben habe. Das ist haarsträubender historischer wie theologischer Unsinn“, regt sich Beck auf.

Dieser setzt sich auch beim „Israel Verstehen“-Magazin fort. Dort wird behauptet, dass die ersten Juden erst im 19. Jahrhundert nach Palästina kamen. Genau dieses Narrativ, so Beck, bediene eine postkoloniale Optik, als ob Juden in Israel Kolonisten seien und die Araber allein nur Kolonisierte und damit Unterdrückte: „Solche Verdrehungen kann man eigentlich nur als Propaganda bezeichnen.“

Kein einziges Kapitel findet sich dagegen zu den fatalen Folgen des palästinensischen Terrors in Israel, über die Narben und Verletzungen, die der angeblich legitime arabische Widerstand hinterlassen hat. „Wir hatten jetzt den 20. Jahrestag des Selbstmordattentates auf die israelische Diskothek Dolphinarium durch einen Hamas-Terroristen, bei dem 21 junge Israelis starben. Wenn man Israel verstehen möchte, muss man verstehen, was für tiefe Spuren der Selbstmord-Terrorismus über Jahre hinweg in der israelischen Gesellschaft hinterlassen hat. Das muss man auch wissen, wenn man verstehen will, warum dieser Sicherheitszaun zur Westbank gebaut wurde“, erklärt Remko Leemhuis.

Viele Kritikpunkte also an den „SympathieMagazinen“. Diese weist der Herausgeber, der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e. V., aber zurück: „Wir halten Ihre Kritik nach sorgfältiger Überprüfung der einzelnen Punkte insgesamt für nicht zutreffend. Insbesondere verwahren wir uns gegen den Vorwurf der einseitigen Desinformation. Alle Beiträge der „Sympa­thieMagazine“ ,Israel verstehen‘ und ,Palästina verstehen‘ zu Geschichte, Politik und Wirtschaft wurden von ausgewiesenen Fachleuten aus Wissenschaft und Publizistik verfasst. Bei der Auswahl der Autor:innen und Themen wurde auf eine Vielfalt der Narrative und Perspektiven Wert gelegt. Oberstes Ziel war, die Komplexität der Beziehungen und Lebenslagen zu veranschaulichen und auf diese Weise antisemitischen und antijüdischen wie auch antipalästinensischen Narrativen entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund möchten wir auch betonen, dass beide Magazine nicht den Anspruch erheben, sämtliche Positionen des Nahostkonflikts abzudecken.“

Allerdings war Anfang Oktober das Heft zu Palästina nicht mehr erhältlich. Auf Nachfrage begründete der Studienkreis dies wie folgt: „Wir haben den Anspruch, dass unsere „SympathieMagazine“ Hintergrundinformationen enthalten, die auch im Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen gültig bleiben. Aus diesen Gründen werden wir dieses Magazin neu auflegen. Denn die jüngsten Verschiebungen und Entwicklungen werden im Magazin nicht mehr abgebildet.“ Das SympathieMagazin „Palästina verstehen“ werde im kommenden Jahr ebenso neu aufgelegt wie auch das Magazin zu Israel.

Keine Interviews

Mitfinanziert werden die Magazine vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), vom evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt und von dem katholischen Werk missio. Auch dort ist man nicht zu einem Interview zum Thema bereit. Stattdessen heißt es aus dem Ministerium: „In einer Freiheitlichen Gesellschaft sollten unterschiedliche Positionierungen möglich sein, auch in einer Schriftenreihe, die pauschal vom BMZ finanziert wird.“ Von missio aus Aachen kommt die Antwort: „Die „SympathieMagazine“ legen Wert auf eine Vielfalt an Perspektiven und Narrative, die die jeweilige Komplexität der Lebensbedingungen und differenzierten gesellschaftlichen Debatten in den jeweiligen vorgestellten Ländern abbilden. Dies gilt aus unserer Sicht auch für die beiden „SympathieMagazine“ ‚Israel verstehen‘ und ‚Palästina verstehen‘, die sich in der Lektüre ergänzen.“

Und Brot für die Welt reagiert: „In Ergänzung zu herkömmlichen Reiseführern und Reisemagazinen bieten „SympathieMagazine“ einen Blick hinter die touristischen Kulissen in politische, soziale und kulturelle Hintergründe und fördern damit das interkulturelle Verständnis.“ Zwar ist zu hören, dass es zu dem Thema jetzt interne Gespräche gebe. Die Verwaltungs- und Entscheidungswege in dem evangelischen Hilfswerk seien aber kompliziert.

An keiner Stelle gehen die Verantwortlichen jedoch offiziell auf die vielen Kritikpunkte ein. Der grüne Nahost-Experte Volker Beck zeigt sich darüber geradezu entsetzt. „Ich bin wirklich ratlos, wie es dazu kommen kann, dass so etwas von Brot für die Welt und von der Bundesregierung über das Entwicklungshilfeministerium finanziell unterstützt wird.“ Und weiter: „Man muss sich nicht wundern, wenn solche Broschüren kursieren, dass Leute auf die Straße gehen und antijüdische Parolen rufen. Da wird am Beispiel Israel plattester Antisemitismus befördert.“

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung weist den Vorwurf zurück. Remko Leemhuis vom American Jewish Committee Berlin kann es aber nicht anders sehen: „Wir weisen immer wieder darauf hin, dass der israelbezogene Antisemitismus eine, wenn nicht die dominante Form des Antisemitismus ist. Es bleibt eben nicht folgenlos, wie über Israel gesprochen wird. Und wenn solche verzerrten Darstellungen in der Mitte der Gesellschaft ankommen, dann haben wir ein wahnsinnig großes Problem. Es besteht offensichtlich auf Seiten der Geldgeber überhaupt keine Sensibilität oder anscheinend auch kein Wille, dort historisch halbwegs korrekt Dinge wiederzugeben.“

EKD-Antisemitismusbeauftragter Christian Staffa jedenfalls will die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Spätestens jetzt müssten Gespräche mit den Verantwortlichen über Konsequenzen geführt werden. Daher möchte er das Urteil der anderen Experten gerne etwas abmildern, um die Kommunikationskanäle mit den Verantwortlichen offen zu halten: „Ich bin so ein bisschen vorsichtig mit dem Begriff ‚israelbezogener Antisemitismus‘, weil ich den immer so als Ende der Debatte verstehe. Mit Einstampfung von Broschüren löst man kein einziges Problem, weil wir an die Bewusstseinslagen der Leute heranmüssen. Warum ist die Israelfrage in deren Köpfen so affektgeladen? Warum ist die Ablehnung Israels so oft auch kenntnislos? Diesen Fragen müssen wir uns gerade innerhalb von Kirchen und kirchlicher Entwicklungspolitik natürlich stellen.“ 

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