Was der liebe Gott hasst

Eine biblische Auskunft
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Liebe und Hass sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Unterscheidung geht immer durchs eigene Herz. Zu echter  Liebe gehört ehrlicher Hass, sagt der katholische Neutestamentler Thomas Söding.

Kann der liebe Gott böse werden? Kann er hassen? Muss er es sogar? Kann es sein, dass in Gottes Hass die Liebe brennt? Oder zerstört der Hass alles, auch die Liebe? Einfache Antworten gibt es nicht, ernste Fragen gibt es zuhauf.

Wer an Gottes Hass denkt, hat schnell die Bilder militanter Gotteskrieger vor Augen, die „Ungläubige“, „Sünder“ und „Verräter“ vernichten wollen, weil Gott es so wolle – angeblich. Viele Ältere haben Gott als den „Big Brother“ vor Augen gestellt bekommen, der alles sieht und noch das kleinste Vergehen streng bestraft. Ein solcher Gott verbreitet Angst und Schrecken um sich: Er ist ein „Moloch“, der Menschen tötet, zuerst ihre Seelen.

Aber ein Gott, der zu allem Ja und Amen sagt? Der wäre ein Zyniker. Er könnte nicht mehr zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Rettung und Zerstörung unterscheiden. Ein solcher Gott wäre nicht nur überflüssig – er wäre nicht Gott. Die Bibel ist nicht neutral, wenn sie von Gott spricht, sie ergreift Partei: für den einen Gott gegen die vielen Herren dieser Welt, die allesamt gerne Götter wären, um andere Menschen leichter beherrschen zu können. Die Bibel ist nicht im Himmel geschrieben worden, wo alle hoffen dürfen, Gott zu erkennen, wie er ist, sondern auf Erden, wo Menschen bestenfalls ein dunkles Spiegelbild erblicken können, wie der Apostel Paulus schreibt, wenn er die Liebe feiert (1 Korinther 13,12). Mit Gottes Hilfe können die Menschen der Bibel wie die Menschen heute ein Zeugnis ablegen, aber nicht einen Beweis führen und eine Erfahrung teilen, aber nicht ein objektives Wissen vermitteln: weil Gott sich zwar postulieren und denken, aber nicht wie ein Phänomen dieser Welt identifizieren, analysieren und interpretieren lässt. Er ist ein Geheimnis: in seiner Liebe, die den Hass umfängt. In den Grenzen menschlichen Wissens öffnet sich die Perspektive biblischer Theologie: für den Primat der Liebe. In der Bibel gibt es keine systematische Erörterung des Themas, aber doch eine Vielfalt von Ansätzen, die gut miteinander auskommen können. Erstens nehmen diejenigen, die glauben, die Tatsache, dass es überhaupt Leben und also auch sie selbst gibt, als Liebesbeweis Gottes: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast, denn hättest du es gehasst, hättest du es nicht bereitet“ (Weisheit 11,24). Zweitens leuchtet denen, die an ihn glauben, Jesus als Offenbarung der Liebe Gottes: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen ureigenen Sohn gegeben hat, damit alle, die glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16). Dass es so ist, kann man nur glauben. Wer es glaubt, kommt zu dem Schluss, dass Gott liebt, weil er Liebe ist (1 Johannes 4,8.16), denn er schenkt den Menschen nicht nur etwas, sondern sich selbst, wenn er aus dem Tod heraus neues Leben schafft. Der Primat der Liebe ist wesentlich. In der Bibel herrscht kein Dualismus zwischen einem alten Gott, der abgewirtschaftet hat, und einem neuen Gott, der ewiges Leben schafft, oder zwischen einem hellen Gott des Lichts und einem dunklen Gott der Finsternis. Gott ist einer, aber nicht einsam; er ist nicht zweideutig, sondern eindeutig „für“ die Menschen (Römer 8,31). Genau deshalb können Menschen ihn nicht auf den Begriff bringen, sondern immer nur neu nach ihm suchen. Wenn Gott Liebe ist, nimmt er nicht alles hin, sondern an. Ob in der Bibel die Stimme Jesajas oder Jesu erklingt: Gott hört auf den Schrei der Armen, selbst wenn ihre Worte verstummen. Er ist nicht barmherzig, ohne Gerechtigkeit walten zu lassen. Er verwirklicht seinen Heilswillen nicht, ohne das Böse zu besiegen.

Dieses Glaubenszeugnis, das sich auf vielen Seiten der Bibel findet, ist nicht die Hoffnung der Selbstgerechten, die meinen, von Gott nichts befürchten zu müssen, weil sie keine Schuld auf sich geladen hätten – wie der Pharisäer, der sich im Tempel vom reuigen Zöllner abwendet (Lukas 18,9–14). Dass Gott in seiner Liebe für die Gerechtigkeit brennt, ist vielmehr die große Hoffnung all derer, die zwischen Wollen und Machen zerrissen sind, zwischen guten Absichten und halbem Gelingen, zwischen Schuld und Tragik, Freude und Trauer. Die Bücher der Weisheit sind voll von den Eindrücken, die Menschen in diesen Spannungen gewinnen: „Siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf; doch die Frevler versinken im Unglück“ (Sprüche 24,16). Die Gerechten werden in einer ungerechten Welt zu Fall gebracht, doch Gott gibt ihnen Kraft zum Aufstand gegen das Böse und erhebt sie auch dann, wenn sie nichts mehr tun können; die Frevler hingegen verlieren den Boden unter den Füßen, weil Gott die Konsequenzen ihrer Freiheit aufdeckt, die sie verspielen, indem sie sich ihrer bemächtigen wollen. Das heiße Wort, das die Bibel für Gottes Leidenschaft prägt, ist „Zorn“. Menschen können in ihrem Zorn brutale Egoisten sein, zumal wenn sie sich auf Gott berufen: Sie handeln aus gekränktem Stolz; sie wollen dem Anderen schaden; sie sind blind in ihrem Zorn. Aber Menschen können auch zornig werden, weil sie sich über Unrecht empören, selbst wenn sie ihm abhelfen können. Gottes Zorn ist Abscheu vor dem Bösen, aber er ist nicht ohnmächtig. Sein Zorn ist Ethos mit Pathos. In höchster Bedrängnis betet David: „Herr, steh auf in deinem Zorn, erhebe dich gegen die Wut meiner Feinde und mache dich auf, mir zu helfen“ (Psalm 7,7). Ein Gott, der nicht zornig würde, wäre macht-, kraft- und lieblos. Ein Gott, der seinen Zorn nicht mäßigen könnte, wäre ein Scharfrichter, der einer Welt des Schreckens den Untergang bereiten müsste. So erzählt es Hosea, die ganze Geschichte Israels im Sinn, vom Exodus bis in die Gegenwart und die Zukunft seiner Zeit. Gott zürnt in seiner Gerechtigkeit, aber er bereut seinen Zorn. Im Ich-Stil Gottes schreibt der Prophet: „Wie könnte ich dich preisgeben … ? Gegen mich selbst wendet sich mein Herz, heftig entbrannt ist mein Mitleid. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken … Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte“ (Hosea 11,8–9). Viel riskanter, viel dialektischer und aufrüttelnder kann man von Gott nicht denken.

Aber der Ansatz ist charakteristisch: Paulus hat im Römerbrief das Evangelium als Gottes Kraft zu Rettung für alle gekennzeichnet, die glauben (Römer 1,16–17) – um direkt im nächsten Satz von der Offenbarung des Zornes Gottes „über alle Ungerechtigkeit“ zu sprechen (Römer 1,18) und dann von der „Gerechtigkeit“, die „jetzt“ durch Jesus Christus erschienen ist (Römer 3,21), so dass sie nicht verdammt, sondern die Erlösung bringt. Paulus hat keine Abfolge vor Augen: Zuerst kommt der Zorn, danach die Gnade. Die Zeitenfolge der Leitsätze ist gerade umgekehrt: Gottes rettende Gerechtigkeit ist erschienen (Perfekt); deshalb wird Gottes Zorn offenbart (Präsens). Er ist also immer schon von Gottes Liebe angestoßen; so wird er auch in ihr aufgehoben (Römer 8,31), weil sich Gottes Gerechtigkeit in seiner Barmherzigkeit vollendet. Es gibt kein Heil ohne Gericht, aber das Gericht gibt es um des Heiles willen; es gibt keine Liebe ohne Zorn, aber der heilige Zorn bringt die Liebe zum Ausdruck.

Die Menschen in Israel und in der Nachfolge Jesu erfahren Gott so, dass er nicht unempfindlich gegen Schmerz und Leid, Not und Tod ist. Er nimmt sich das Elend der Menschen zu Herzen. Er jammert aber nicht, sondern ergreift entschieden Partei. Er liebt – und deshalb hasst er auch: nicht willkürlich, nicht launisch, sondern getreu seiner Verheißung, zugunsten der Menschen. In elementarer Entschiedenheit bringt ein Psalm, der im Hebräerbrief zitiert wird, den Unterschied, aber auch den Zusammenhang zwischen Liebe und Hass auf den Punkt: „Du liebst Gerechtigkeit und hasst Gesetzlosigkeit“ (Psalm 45,8 – Hebräer 1,9). Dieses Wort bezieht sich nach dem Alten Testament auf einen König, der im Glanz Gottes Hochzeit feiert, und wird im Neuen Testament auf Jesus bezogen, der als Gottes Sohn den Menschen die Erlösung bringt. Liebe und Hass sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, kann die Gesetzlosigkeit nicht übersehen, die zum Recht der Stärkeren führt, und muss sie bekämpfen. Wer Gesetzlosigkeit erkennen und kritisieren will, muss eine Ahnung, eine Idee, einen Begriff der Gerechtigkeit haben und selbst nach Gerechtigkeit im eigenen Leben streben. Worin aber besteht der Hass, der aus Liebe folgt, und welche Liebe hat die Kraft, das zu hassen, was hassenswert ist? Mehr noch: Wer entscheidet, was Recht und was Unrecht ist? Und was ist, wenn es nicht um Entwicklungen und Taten, sondern um Menschen geht, die sie begehen und betreiben? Die Fragen gehören zusammen: Gott setzt die Liebe ins Recht, so dass auch sein Hass nicht Unrecht schafft, sondern Gerechtigkeit.

Der ehrliche Hass

Die Liebe ist in der Sprache der Bibel nicht nur ein Gefühl, sondern eine Kraft. Die Liebe sagt: Ich will, dass du bist. Sie sagt es, inspiriert von Gott. Sie ist kreativ. „Die Liebe ist stark wie der Tod“ (Hohelied 8,6), nämlich stärker. Deshalb verneint die Liebe alles, was das von Gott geschenkte Leben vergiftet und zerstört. Dieses Nein der Liebe ist ehrlicher Hass. Er verabscheut das Böse; er will das Unrecht aus der Welt schaffen; er wünscht dem Tod den Tod. Dieser ehrliche ist das genaue Gegenteil des zerstörerischen Hasses – den Gott hasst: „Du hasst alle, die Böses tun“ (Psalm 5,6). Es wird gefährlich, wenn nicht mehr vom Hass auf Etwas, sondern auf Jemanden die Rede ist. Denn es geht um Menschenleben. Die Rede ist notwendig, weil es inmitten allen strukturellen Unrechts immer wieder Menschen sind, die es anfeuern; sie ist gefährlich, weil Menschen bei allem Bösen, das sie in Gedanken, Worten und Werken vollbringen, doch auch Menschen bleiben; sie ist todernst, weil Menschen allzu schnell in Schablonen gepackt werden können: nicht von Gott selbst, wie man glauben darf, aber von Menschen, die gerne den lieben Gott spielen und über andere urteilen wollen. Im Neuen Testament wird das Risiko eher noch größer, weil die Frage ewigen Heiles aufgeworfen wird und die Antwort auf den Glauben verweist, der die Wahrheit erkennt.

Deshalb sind zwei wesentliche Unterscheidungen wichtig. Sie sind im Alten wie im Neuen Testament angelegt: In der Fundamentalunterscheidung zwischen Gott und Mensch, der entscheidenden Voraussetzung der Versöhnung und Vereinigung. Paulus hat im Römerbrief beide Unterscheidungen auf den Punkt gebracht. Zum einen: „Gott hat seine Liebe uns erwiesen, … als wir Sünder waren“ (Römer 5,8). Die Unterscheidung zwischen Hass und Liebe geht immer durchs eigene Herz. Zum anderen: „Vergeltet niemanden Böses mit Bösem … Besiegt das Böse durch das Gute“ (Römer 12,17.21). Zu echter Liebe gehört ehrlicher Hass. Aber ehrlicher Hass ist nicht sich selbst genug, sondern will sich auflösen, weil seine Grundlage entfällt. Deshalb ist nicht der Hass, sondern die Liebe „am größten“ (1 Korinther 13,13).

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