Jesus im Buddhismus

Mathias Schneider erforscht die wechselvolle Geschichte der buddhistischen Jesus-Rezeption
Mathias Schneider
Foto: MünsterView/Witte

In seiner Doktorarbeit untersucht Mathias Schneider an der Universität Münster, wie der Kontakt zwischen Christentum und Buddhismus ablief und wie sich die buddhistische Sicht auf Jesus im Laufe der Jahrhunderte wandelte – oft zum Positiven.

Der protestantische Pastor und sri-lankische Dialogpionier Lynn de Silva hat den Ökumenischen Rat der Kirchen 1975 einmal mit dem Satz herausgefordert: „Erinnern wir uns daran, dass Jesus Christus kein Christ war – er gehört allen.“

Diesem Impuls gehe ich in meiner Dissertation zum Thema „Buddhistische Interpretationen Jesu“ nach, an der ich an der evangelischen Fakultät der Universität Münster arbeite. Mein Promotionsprojekt ist an der Schnittstelle von Religionswissenschaft und Theologie angesiedelt. Zum Thema meiner Dissertation kam ich, weil ich im Laufe meines Theologiestudiums eine große Faszination für Kontemplation entwickelt habe – und natürlich auch für andere Religionen wie den Buddhismus. Daran interessiert mich vor allem, wie Angehörige anderer Religionen existenzielle Fragen beantworten und wie meine eigene christliche Theologie dazu steht.

In meiner Dissertation untersuche ich ein breites Spektrum buddhistischer Jesusdeutungen, das von der Dämonisierung Jesu bis zu seiner Anerkennung als Bodhisattva oder Buddha reicht. Eine Auseinandersetzung mit Jesus hat in allen großen buddhistischen Traditionssträngen stattgefunden, und auch international bekannte Buddhisten wie zum Beispiel der Dalai Lama, der Zen-Gelehrte D.T. Suzuki oder der vietnamesische Mönch und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh haben sich zu Jesus geäußert.

Es gibt vor der Zeit der beginnenden Kolonialisierung zahlreicher Regionen Asiens nur wenige Zeugnisse über den frühen Kontakt zwischen Christentum und Buddhismus. Spärliche Quellen belegen, dass sich beide ab dem 7. Jahrhundert an der Seidenstraße kennenlernten. Darüber hinaus weiß man leider nur sehr wenig. Von dem, was überliefert ist, erfahren wir vor allem etwas über die Sicht der Christen.

Dies änderte sich einige Jahrhunderte später, als europäische Kolonialmächte im 16. Jahrhundert nach Asien expandierten. Schiffe, die ihre Segel gen Osten setzten, transportierten nicht nur Kolonialbeamte und Soldaten, sondern auch Missionare einer den meisten Buddhisten bis dato unbekannten Religion, des Christentums. Unter dem dunklen Schatten des Kolonialismus waren die Begegnungen von Buddhisten und Christen äußerst konfliktbehaftet – ein Erbe, das die buddhistisch-christlichen Beziehungen bis heute vielerorts belastet. Es verwundert daher nicht, dass die ersten Interpretationen Jesu im 17. und 18. Jahrhundert von Feindschaft und Polemik geprägt waren.

Ein Beispiel aus Sri Lanka ist die Darstellung Jesu als Sohn und Inkarnation Maras, des diabolischen Widersachers des Buddha und Gott des Todes und des Bösen. Dieses Bild spiegelt die Art und Weise wider, wie die europäischen Christen von den Buddhisten Sri Lankas wahrgenommen wurden: imperiale Handlanger Maras, die den Buddhismus zerstören wollten und gegen die man sich mit aller Kraft zur Wehr setzen musste. Dementsprechend war der von den Missionaren gepredigte „Gottessohn“ aus buddhistischer Sicht alles andere als ein Erlöser: Er verführte die Bevölkerung mit seiner Irrlehre, verstieß gegen die Grundsätze buddhistischer Ethik, tötete und verspeiste Tiere, trank Unmengen an Alkohol, und seine Auferstehung war eine theatralische Inszenierung seiner bösen Jünger.

In einem derart feindseligen Klima stellte sich die Frage nach interreligiöser Verständigung überhaupt nicht. Erst nach und nach entwickelte sich im 20. Jahrhundert aus verschiedenen historischen Gründen ein wachsender buddhistisch-christlicher Dialog. Hier konnten sich Buddhisten und Christen als Partner auf Augenhöhe wahrnehmen und nicht mehr als Gefahr, die es abzuwehren galt. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen mit Christen entstanden auf buddhistischer Seite nun auch wertschätzende Deutungen Jesu.

Ein Beispiel für diese Entwicklung stammt von einem der wichtigsten Protagonisten der tibetisch-buddhistischen Tradition, dem 14. Dalai Lama. Nachdem er 1959 aus Tibet nach Indien geflohen war, trat der Dalai Lama unter anderem auch in einen Dialog mit Christen. Bei seiner Lektüre der Evangelien erkannte er vor allem in der Bergpredigt Jesu ein zentrales Ideal seiner eigenen Tradition wieder, das Mitgefühl. Dabei handelt es sich um die wichtigste Tugend eines Bodhisattva, einem Wesen auf dem Weg zur Buddhaschaft: Von Mitgefühl motiviert strebt ein Bodhisattva zum Wohl aller Wesen nach der Erleuchtung, um dadurch die besten Voraussetzungen zu haben, sie auf ihrem eigenen Weg zur Buddhaschaft unterstützen und beschützen zu können. Aber nicht nur Leben und Lehre Jesu strahlten in den Augen des Dalai Lama die Kraft eines solchen liebenden Altruismus aus. Auch Jesu Tod am Kreuz konnte er im Rahmen eines weiteren wichtigen Motivs seiner Tradition deuten: als Selbstopfer eines Bodhisattva, der die Anhaftung an ein Selbst aufgegeben hat und sein Leben für die Wesen hingibt.

In den vergangenen Jahren haben diese und andere buddhistische Jesusdeutungen, die aus dem Dialog erwachsen sind, zunehmend auch das Interesse christlicher Theo­logen geweckt. Einige davon haben sich auf einen Weg begeben, den der amerikanische Theologe John Dunne als ein perspektivisches „Hinübergehen“ und „Zurückkommen“ beschrieben hat: Beim Hinübergehen begeben sie sich auf das Terrain der buddhistischen Tradition und versuchen, Jesus aus buddhistischen Augen zu betrachten. Beim Zurückkommen in ihre christliche Heimattradition reflektieren sie die gewonnenen Eindrücke vor dem Hintergrund ihrer eigenen Theologie. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund, was die christliche Theologie von einer buddhistischen Perspektive lernen kann: Wie erscheint Jesus, wenn er durch eine buddhistische Brille betrachtet wird? Gibt es Aspekte, die in der eigenen christlichen Tradition vernachläs­sigt wurden und mithilfe einer buddhistischen Perspektive wiederentdeckt werden können? Können auch neue Aspekte Jesu ans Licht kommen, die Christen auf diese Weise noch nicht erkannt haben? Diese Fragen deuten auf eine veränderte Weise hin, Theologie zu treiben: als antwortende Theologie auf die Herausforderungen und Chancen einer religiös pluralen Welt und als dialogisches Nach­-
denken über die Frage Jesu: „Was sagt ihr, wer ich bin?“ 

 

Aufgezeichnet von Philipp Gessler
 

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