Chaiselonguesingen

Freigelegte Erinnerungen

Der Auftaktvers „Komm! Ins Offene“ aus der Elegie „Der Gang aufs Land“ ihres Landsmannes Friedrich Hölderlin mag als Synonym herhalten für den neuen, im Wehen gewebten Gedichtband Plötzlich alles da Dorothea Grünzweigs. Sie, die seit über zwanzig Jahren Finnland ihre Heimat nennt, bleibt Hölderlin in Sprache, Zuneigung, Vertrautheit und Wehmut inwendig verwandt. Plötzlich alles da gleicht einer Zauberformel. Alle Magie von Dichtung fußt in ihr. Verlorenes und Bedrohtes, Verblasstes und Ersehntes wird ins Leben gesungen, ist plötzlich da: sprachmächtig, öffnend und verwandelnd. Eine verborgene Ebene wird Wirklichkeit.

Im pointierten „plötzlich“ schimmert aber auch schon dessen Kehrseite auf – „Plötzlich alles weg“, eine Kehrseite, die die Versehrtheit und allen Verlust in einem Augenblick umspannt. Die Wesentlich- und Dringlichkeit alles hier zu Wort Kommenden legt Grenzen lahm und öffnet sich dem Ganzen. Also: Komm! Ins Offene. Vergessene Lieder steigen auf aus der Landschaft. Die Trennwand zwischen Mensch und Tier löst sich bis auf eine letzte, zitternd durchsichtige Membran; der Lebenstrieb alles Lebendigen neben mir, sein Schmerz, ist auch meiner. Lichte Erkenntnisse im lebendigen Einklang mit der Natur stehen neben dunkler Trauer und ohnmächtiger Wut über deren Zerstörung. Die feindliche Besatzung Lapplands während der NS-Zeit und ihre noch immer sicht- und fühlbaren Narben bilden ein weiteres Narrativ. Nur Worte halten, nur die Sprache kann auffangen – nur der Mantel der „pietà der poesie“ bietet Schutz vor unbewältigtem Vergessen.

Dorothea Grünzweig gelingt mit diesem Band Großes – weise, leise summt sie den Gesang der Erde. Dabei nistet ihr poetischer Webstuhl, aus dem in diesem Band neun jeweils eigen überschriebene Sektionen neuer Gedichte hervorgehen, zwischen den Zeiten, zwischen den Sprachen, im aufgeplusterten Federkleid des Rotkehlchens unter samischem Sommermond. Alle klarsichtige Rede hebt an aus gelebter Liebe; alle diese Liebe weitet den Blick, jeden Morgen von „frischem gütetau wohlwollend“ benetzt, in der Erkenntnis der „ganzen erdenkleine unseres daseins vor dem all“. Dabei strömt aus Dorothea Grünzweig, im rhythmisierten Verston stilistisch nahe am mittelalterlichen Epos, das Lied des uralten Wissens der Frauen, wie es wirkmächtig vor und mit ihr Christa Wolf freigelegt und angestimmt hat. Ein Lied aus langer Stummheit und Verborgenheit, ein Lied aber auch aus sich aufrichtender, ungebrochener Kraft und dem Wissen: „es sitzt uns unter den rippenbögen eine obdachlose stille“.

Thematisch legt Grün­zweig vor allem Erinnerungen frei – an die Mutter, an die Kindheit, an Gestern, an Heiles und Unheilvolles. Dabei verwebt sie in fließender Selbstverständlichkeit Worte des blau-grün-weiß Finnischen mit trollingerfarbig-glucksender schwäbischer Mundart, wozu sich im Anhang ein eigens eingerichtetes kleines Wörterbuch findet. Als Bindeglied zu allem Sein stimmt Dorothea Grünzweig immer wieder Liedverse an – Lieder, die in der Kindheit klingend in die Seele geschrieben wurden und im Alter einzig bleibende seelische Verbundenheit stiften.

Gedichte wie „zur guten nacht“, das einen abendlichen Besuch am Bett der Mutter beschreibt, oder „das chaiselonguesingen“, ein geschwisterliches Moment inniger Vertrautheit im gemeinsamen Gesang, lassen die Kraft dieser Lieder, ihre Heimat bei den „elfen oder engelwesen“ und ihre Anbindung an die Ahnen als seelischen Schutzmantel und unter aller Haut wirkmächtigen Trost gewahr werden. Dorothea Grünzweig beschwört nichts. Sie spürt und weiß: „heimsingen ist das schönste“.

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