Mauerblümchen gesucht

Warum Streetart-Botaniker auf Gehsteigen, Brücken und Plätzen Wildpflanzen markieren
Streetart-Botaniker
Foto: Martin Egbert

Europaweit markieren Guerilla-Botaniker städtische Wildpflanzen mit bunten Kreiden, um diese aus der Vergessenheit zu reißen. Die Journalisten Klaus Sieg und Martin Egbert haben einen Tag mit einem Aktivisten in Göttingen verbracht, der sie in die faszinierende Welt urbaner Natur geführt hat.

Multiplexkino, Systemgastronomie, die Filialen gesichtsloser Hotelketten und jede Menge gepflasterte Parkplätze. Eigentlich sollte der große Platz hinter Göttingens Hauptbahnhof nur als erster Treffpunkt dienen. Von hier aus will Fionn Pape uns mitnehmen auf seine Tour durch die Innenstadt, bei der er nach Wildpflanzen sucht, um diese mit Kreide zu markieren und zu beschriften. Die einfache und gleichzeitig spektakuläre Naturschutz-Aktion breitet sich derzeit rasant in europäischen Städten aus. Botanic Streetart oder auch Guerillabotanik betreiben Aktivisten in Nantes, Toulouse, dem niederländischen Leiden oder London. Und in Göttingen. Als engagierter Naturschützer war Fionn Pape sofort begeistert von der Idee. „So kann ich die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner auf den großen Artenreichtum an Wildpflanzen lenken, der sie umgibt“, sagt der 28-jährige Biologe. „Nur was die Menschen kennen, sind sie auch bereit zu schützen, anstatt es als vermeintlich lästiges Unkraut zu bekämpfen.“

Unter seinem Arm klemmt ein dickes Bestimmungsbuch. Im schwarzen Rucksack steckt eine Packung mit Malkreiden. „Im Sommer muss der Biologe heraus.“ Der sonnengebräunte junge Mann wirft den Rucksack über seine Schulter, die in einem hellblauen Kapuzen-Sweater steckt.

Nur was Menschen kennen, sind sie auch bereit zu schützen.
Foto: Martin Egbert
 

Anstatt aber wie geplant loszuwandern, knien wir auf der Stelle nieder. Was wohl die Leute denken? „Als Biologe braucht man ein dickes Fell.“ Fionn Pape grinst. „Wenn ich mit dem Kescher auf der Wiese hinter Schmetterlingen herrenne, gebe ich ja auch eine komische Figur ab.“

Eine zarte Graspflanze vor seinen Turnschuhen hat Papes Aufmerksamkeit geweckt. Dann zeigt er auf die stark behaarten Halme und purpur-weißen Blütenrispen, die aus der Fuge zwischen zwei Verbundpflastersteinen sprießen. „Das Wollige Honiggras hätte ich an dieser Stelle nicht unbedingt erwartet.“ Eigentlich wächst dieses Gras auf Wiesen mit ausreichend Feuchtigkeit und nicht an Extremstandorten, wie dem großenteils versiegelten Vorplatz eines Mulitplex-Kinos. „Das ist zwar ein mickriges Exemplar, aber irgendwo muss die Wasser herbekommen haben.“ Pape schaut herum, über weiße Parkplatz-Markierungen, Firmenschilder, Gitterroste, sorglos abgestellte E-Scooter und Fahnenmasten mit Werbebannern. Dann senkt er den Blick. Kaugummipapier und Zigarettenkippen liegen auf dem porösen Betonpflaster. Ein getrockneter Wasserrand verrät, dass sich in der leichten Senke rund um das Wollige Honiggras beim letzten Regen etwas Feuchtigkeit gesammelt haben muss. Das hat genügt, um ein herbeigeflogenes Samenkorn zum Keimen zu bringen.
Fionn Pape zeigt noch zahlreiche Beispiele dieser äußerst zähen Anpassung an unwirtliche Standorte. Der Breitwegerich wächst zwar eigentlich auch gerne auf Wiesen und Weiden, gilt aber als trittfest und ist deshalb häufig an verkehrsreichen Stellen in der Stadt zu finden. Seine Wurzeln bis zu einem Meter Länge ermöglichen das Überleben auch auf stark verdichteten Böden. Für die weite Verbreitung sorgt die Tatsache, dass seine Samen an Fell, Federn, Kleidung oder Autoreifen kleben. Das feinblättrige Kahle Bruchkraut ist Sandmagerrasen gewohnt, kommt aber mit sandigen Fugen ebenfalls gut klar. Auch das sehr kleine Niederliegende Mastkraut ist spezialisiert auf das Schwierige. Innerhalb von nur zwei bis drei Monaten keimt, wächst und vermehrt es sich. So stellen gleich drei bis vier Generationen pro Jahr das Überleben sicher. Viele der Pflanzen auf dem Parkplatz sind Einwanderer, teils schon vor sehr langer Zeit mit dem Frachtschiff oder per Güterzug gekommen oder als Zierpflanzen ausgekniffen aus Gärten, Balkonkästen oder Parks. Alleine die Namen sind die Aufmerksamkeit für die Taube Trespe oder das Kanadische Berufskraut wert.

Wildpflanzen
Foto: Martin Egbert

 

Der karge Platz hinter dem Göttinger Hauptbahnhof sieht auf den ersten Blick einheitlich aus. Das täuscht. Die von den Pflanzen geschickt genutzten Nischen sind von Meter zu Meter verschieden. Es sind Schatten von Nachbargebäuden oder Müllcontainern, Senken rund um Hofabläufe oder Mauerspalten. Pflanzen ranken an Gitterzäunen, Feuertreppen und Halteverbotsschildern. Hinter Mauervorsprüngen verstecken sie sich vor Wind. Tief ausgewaschene Fugen im Pflaster bieten Samen Schutz vor Vogelfraß, sonnenhungrige Kräuter brauchen eher mit Sand gut gefüllte Ritzen. Mancher Keimling sprengt sogar den Asphalt. „Alleine auf diesem Platz wachsen rund fünfzig verschiedene Arten.“ Fionn Pape lässt wieder den Blick umherschweifen.

Jetzt müssen wir aber mal weiter. Wir passieren ein weiteres Hotel, eine Spielhalle, ein Parkhaus und eine Bahnunterführung mit Kachelwänden voller Graffiti. Bereits an der ersten Kreuzung in Richtung Göttinger Altstadt kniet der Biologe wieder nieder. Echte Kamille, Schöllkraut, Pyrenäen-Storchschnabel, Natternkopf, Ferkelkraut und die Große Kratzdistel wollen markiert werden. Hummeln summen an den bunten Blüten. Die Kreide kratzt über die Gehwegplatten. Hinter uns lärmt der Autoverkehr. Vom Bahnhof wehen Lautsprecherdurchsagen und das Quietschen eines einfahrenden Zuges herüber.

Klatschmohn und Mäuse-Gerste

Das nächste Mal bleibt Pape vor einem Bauzaun stehen. Auf dem sandigen Boden am Rande der Baugrube entdeckt er zwischen Schuttcontainern, Schalbrettern und achtlos liegengelassenen Plastikplanen Klatschmohn, Mäuse-Gerste und gelb blühende Färber-Reseden. Neben den Trivial-Namen der Pflanze schreibt Fionn Pape #mehralsunkraut oder #KrautSchau auf das Pflaster vor dem Bauzaun. Unter diesen Hashtags posten auch andere Aktivisten in Deutschland. Wer sie eingibt, findet im Netz weitere Informationen. So hat sich das Ganze auch zu einer digitalen Bewegung ausgewachsen, voller Faszination für den Artenreichtum im Asphaltdschungel. „Nichts ist schöner, als die Welt zu verstehen, durch die wir laufen“, schwärmt Fionn Pape. Alleine in Göttingen schätzt er die Wildarten auf sieben- bis achthundert. Nur würde sie kaum jemand erkennen. „Es gibt leider nicht nur ein Sterben der Arten, sondern auch der Kenner von Arten.“
Viele der Wildpflanzen bieten Nahrung und Habitate für bedrohte Insekten und andere Tiere. Ist die Stadt der neue Ort, um Natur und Biodiversität zu retten? Fionn Pape schüttelt den Kopf. „Der große Reichtum in der Stadt kann den Artenverlust nicht aufhalten.“ Denn der findet vor allem auf und um die landwirtschaftlich genutzten Flächen herum statt, die über die Hälfte Deutschlands ausmachen. Botanic Street Art aber sensibilisiert für das Thema. Und kann den Umgang nicht nur mit den städtischen Wildpflanzen ändern. Muss denn das vermeintliche Unkraut immer von den Parkplätzen, Acker- und Feldrändern, Einfahrten, Gärten und Bürgersteigen gekratzt, gebrannt oder weggespritzt werden? Weil es niemand absichtlich gepflanzt hat und unordentlich aussieht? Im Gegenteil: Ist diese nur aus unserer Sicht anarchische Kraft der Natur nicht ermutigend angesichts der umfangreichen Zerstörung durch den Menschen? Und sollten wir aus dieser Erkenntnis heraus nicht unseren Umgang mit selbiger endlich ändern?

Wildpflanzen
Foto: Martin Egbert

 

Diese Fragen treiben auch Boris Presseq vom Museum für Naturgeschichte in Toulouse um. „Indem wir sie markieren und benennen, geben wir den Wildpflanzen eine Existenz.“ Man kann den Wissenschaftler getrost als einen der Erfinder der Bewegung bezeichnen. Seit über 15 Jahren inventarisiert er die Wildpflanzen seiner Heimatstadt. Mit Kollegen brachte er Tafeln mit den Namen an. Angeregt durch einen Aktivisten in Nantes begannen sie im August 2019, mit Kreiden auf den städtischen Artenreichtum aufmerksam zu machen. Belohnt werden die Botaniker mit sehr viel Interesse und Beifall. Passanten sprechen sie an. Lehrer und Dozenten fragen nach Kooperationen. Boris Presseqs YouTube-Video über Wildpflanzen in der südfranzösischen Stadt haben sieben Millionen User angeklickt. Woher kommt die große Resonanz? „Die Menschen haben vergessen, wie unglaublich faszinierend die Vielfalt an Formen, Größen, Farben und Anatomien der Natur ist.“ Dank der Markierungen würden sie nun auf ihren täglichen Wegen durch Toulouse, ob zum Bäcker, zur Schule oder ins Büro, daran erinnert.

Brütende Mauerbienen

Seit in Frankreich ein Verbot von Pestiziden in den Gemeinden gilt, müssen die städtischen Bediensteten Wildpflanzen aufwändig mechanisch entfernen. Das hat zwar zur Zunahme und größeren Sichtbarkeit der fast neunhundert Arten in der Stadt geführt, stellt Boris Presseq zufrieden fest. Warum aber lässt man diesen Reichtum nicht einfach sprießen, anstatt ihm nun mit Hacken, Haken und Harken, Stechern, Mähern und Brennern den Garaus zu machen? Zumindest dort, wo er nicht stört: auf den Bürgersteigen, Straßenrändern, Baumscheiben oder städtischen Flussufern?Auch in Göttingen wurde der Einsatz von Pestiziden untersagt. Dort hat Fionn Pape mittlerweile die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern erreicht. Aus aufgeplatzten Fassaden wächst Schöllkraut, auf Höfen mit Kopfsteinpflaster Wegrauke und Ackerwinde.

Muss denn das vermeintliche Unkraut immer von den Parkplätzen, Acker- und Feldrändern, Einfahrten, Gärten und Bürgersteigen gekratzt, gebrannt oder weggespritzt werden? Indem Wildpflanzen benannt und markiert werden, bekommen sie eine Existenz.
Foto: Martin Egbert

 

Derart aufgebrochene Strukturen wusste schon im Mittelalter das Aufrechte Glaskraut in Burgmauern zu nutzen. Fionn Pape findet es an einer alten Kirchmauer. An einer anderen Mauer mit breiten Rissen im Putz und offenen Backsteinen markiert er zudem Zimbelkraut. Zerfall schafft Habitate. Alte Mauern sind sehr wertvolle Lebensräume, hier finden auch zum Beispiel Mauerbienen Löcher zum Brüten. „Wenn alles glatt geschniegelt wird, gehen diese Habitate verloren.“

Ein letztes Mal kniet Fionn Pape nieder, um zwischen Tattoo-Shops, Hostels und Bioläden einen Gelben Lerchensporn mitten auf dem Gehweg zu markieren. „Ein optimaler Platz, hier laufen viele Fußgänger vorbei“, sagt er. Aber eigentlich wollte Pape wahrscheinlich nur noch ein weiteres Mal der wilden Natur in seiner Stadt Respekt erweisen. Schließlich ist er Biologe. 

Wildpflanze
Foto: Martin Egbert
 

 

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