Geschenkte Zeit

Sonntagspredigt

Die Predigthilfe dieses Monats kommt von Kathrin Oxen, Pfarrerin in Berlin.

Klein, aber kräftig

15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er
würde euch gehorsam sein. (Lukas 17,5–6)

Große Senfkörner gibt es nicht. Und das ist auch gar nicht nötig. Denn beim Senfkorn geht es nicht um die Größe, sondern um das Potenzial. So kann das winzige Senfkorn ruhig zu Boden fallen und scheinbar verschwinden. Denn mit einiger Wahrscheinlichkeit treibt das kleinste unter allen Samenkörnern aus und entwickelt sich zu einer großen Staude.

Selbst der größte Samen der Pflanzenwelt, die zwanzig Kilogramm schwere Nuss der Seychellenpalme, hat im Verhältnis zu ihrer Größe nicht mehr Wachstums­kraft. Wer beim Senfkorn also sofort „zu klein“ denkt, denkt zu kurz. Daher sind Übersetzungen wie „stärke uns den Glauben“ oder „mehre uns den Glauben“ nicht nur grammatikalisch falsch. Schließlich bitten die Apostel Jesus mit den Worten: „Gib uns Glauben.“ Und mit einem Senfkornglauben wird möglich, was unmöglich erscheint: Bäume ausreißen und ins Meer verpflanzen.

Das ist die botanische Entsprechung zum Wachstumspotenzial des Senfkorns. Über den Widerstand, die es zu besiegen hat, wird die Kraft des Glaubens ausgedrückt. Denn der Maulbeerbaum ist unter den Bäumen des Mittelmeerraums, was für Deutsche die Eiche ist. Seine Wurzeln reichen so tief, dass er doppelt so weit wie andere Bäume von Brunnen entfernt gepflanzt werden muss.

Im Blick auf die Forderung, Sünden zu vergeben, ist die Wurzelkraft des Maulbeerbaumes ein besonders sprechendes Bild. Fest verwurzelt, tief und zäh, siebenmal am Tag neu austreibend, ein Unkraut mit Baumwurzeln, so verhält es sich auch mit der Sünde des Menschen. Und dieser unglaublichen Wurzelkraft ist nur mit dem Glauben zu begegnen.

Die Macht des Glaubens liegt nicht in seiner Kraft, sondern in der Geduld, dem Beharren und Nicht-Aufgeben, das ihn auszeichnet. Einander vergeben wäre dann: Sich immer auch der eigenen, tiefverwurzelten Schwäche bewusst zu sein. Und an das Potenzial der anderen zu glauben.

Ansprechbares Du

16. Sonntag nach Trinitatis, 19. September

Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn  hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein  köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. (Klagelieder 3,22–26)

Es gibt Zeiten, in denen der Hoffnung der Garaus gemacht wird. Etwas davon haben wir seit dem Beginn der Corona-Pandemie erlebt. Steigende und sinkende Inzidenzen versetzten die Seelen kollektiv in eine Schwingung zwischen immer wieder aufkeimender Hoffnung und darauffolgender Ernüchterung und Enttäuschung. Ob ein Ende der Pandemie nun wirklich in Sicht ist oder ob das Einzige, was aufwärtsgeht, die Infektionszahlen sein werden, vermag niemand zu sagen. Eine ausweglose Situation, die uns ein übermenschliches Maß an Geduld abverlangt.

Wer keine Hoffnung mehr hat, der macht sich eben welche. Dieses bittere Fazit haben sie in der ausweglosen Situation im zerstörten Jerusalem gerade nicht gezogen. Die Klagelieder Jeremias haben im hebräischen Urtext eine sehr strenge sprachliche Form, als sei das Übermaß an Leid und Not nur so überhaupt zu bändigen. Worte wie ein Korsett, das fast mit Gewalt dazu zwingt, auch im Leid Haltung zu bewahren. Und ein Happy End ist nirgends in Sicht. Aber an einigen Stellen quillt die Hoffnung dann doch noch hervor.

Sicher: Viele Passagen der Klagelieder des Jeremias klingen beim ersten Hören ein bisschen wie Kalendersprüche: Denn dass Gottes Güte jeden Morgen neu ist und nicht die Verzweiflung, muss man erstmal erlebt haben. Aber an einigen Stellen bricht es doch hervor, das Du und das Ich: „Deine Treue ist groß ..., darum will ich auf ihn hoffen.“ Und wo ein Du ist, an das man sich wenden kann, und ein Ich, das mit dem Du in Kontakt bleibt, besteht eine Beziehung. Und damit besteht ein Grund zur Hoffnung.

Keine Parteien

17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September

Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. (Römer 10,9–18)

In den kommenden Wochen werden die Wahlplakate für die Bundestagswahl nach und nach wieder abgenommen werden. Von all den Gesichtern, Slogans und Appellen und anderen Anrufungen bleiben dann nur noch ein paar Kabelbinder an Laternenmasten übrig. Allenfalls hier und dort bleibt ein Plakat hängen wie ein Blatt, das sich einfach nicht vom Baum lösen will. Die Signalfarben der Parteien bleichen in den Herbst hinein.

Zwischen den Wahlslogans der Parteien bestanden meistens sowieso keine riesigen Unterschiede. Alle wollten bestimmte Probleme benennen und Lösungen andeuten. In einer Demokratie verteilen sich Erwartungen wie Enttäuschungen, wenn auch nicht gleichmäßig, so doch nach prozentual messbaren Anteilen. Es wäre ja auch zu viel verlangt, von einem alles zu erwarten.

Nur einen gibt es, bei dem ist es anders. So glaubt Paulus, dass Jesus für alle Menschen in gleicher Weise ansprechbar ist. Deswegen kämpft er in seinen Gemeinden auch so energisch dagegen an, dass sich unter den Glaubenden Parteien bilden. Denn es gibt nur einen und denselben Herrn für alle. Und deswegen soll es in der christlichen Gemeinde auch keine Parteien geben.

Dabei geht es nicht um eine religiöse Autokratie, sondern um das Vertrauen auf die großzügige Zuwendung Gottes zu den Menschen. Denn durch Jesus sind alle Menschen von Gott angesprochen, die sich ansprechen lassen. Weniger durch Slogans und Appelle, sondern durch das Evangelium, das in jeder Predigt neu lebendig wird.

Jeder zählt

Erntedankfest, 3. Oktober

Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. (2. Korinther 9,6–7)

Was hat dieses Jahr Gutes gebracht, wofür wir danken können? Die Bilanz zum diesjährigen Erntedankfest dürfte nach Pandemie, Sturzfluten und Hitzeperioden eher nüchtern ausfallen.

Und zu den erwähnten Katastrophen kommt noch etwas anderes dazu: Wo keine Gottesdienste stattfinden konnten und sich nur ein kleiner Kreis treffen konnte, konnten auch Kollekten allenfalls schwerlich gesammelt worden. Dabei sind viele Hilfsprojekte dringend auf sie angewiesen, rechnen sie doch jedes Jahr fest mit den Gaben der Kirchengemeinden. Das tut zum Beispiel „Brot für die Welt“. Bei den Gottesdiensten an Erntedank und am Heiligen Abend wird traditionell dafür gesammelt. Aber im vergangenen Jahr ist selbst die Heiligabendkollekte zu einem großen Teil ausgefallen. So sind wir, ohne es zu wollen, durch die Corona-Pandemie auch noch zu Gar-nicht-Gebern geworden. Es ist immer wieder beruhigend zu hören, dass bestimmte Probleme die christlichen Gemeinden von ihren Anfängen an begleiten. Die Reichen haben ihre Herzen und ihre Geldbeutel oft nur zögerlich geöffnet, zumindest in Korinth.

Diese Gar-nicht-Geber spricht Paulus an: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Das ist ein Satz von bezwingender Logik. Man kann dazu so lange nicken, bis einem einfällt, dass damit alle Arten von Gebern gemeint sein können, die Gering-Geber wie die Groß-Geber. Aber nicht die Gar-nicht-Geber. Zum Glück ist Geben jederzeit möglich. Nicht nur bei der Kollekte.

Geschenkte Zeit

19. Sonntag nach Trinitatis, 10. Oktober

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krank-heit gesund geworden war …Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. (Jesaja 38,9+12)

Als der König Hiskia „todkrank“ war, sprach „der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz, zu ihm: So spricht der Herr: Bestelle dein Haus; denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben“ (Jesaja 38,1). Und Hiskia steht vor diesen Worten wie vor einer Wand. Sie nehmen ihn weg von allem und von allen. Und das geht ganz schnell. Hiskia sagt: Ich bin wie ein Zelt, das einfach zusammensinkt, obwohl es doch so mühsam aufgebaut worden war.

Löse einen Pflock, nimm eine Stange weg, und auf einmal liegt alles am Boden. Ich bin wie ein Stück fertiger Stoff auf dem Webstuhl. Plötzlich sieht ihm niemand mehr an, wie sorgfältig das Schiffchen Reihe an Reihe, Jahr an Jahr geschoben worden ist. Wie schmal doch dieses Stück Leben am Ende ist. Und irgendwann schneidet einer den Faden ab und rollt das Stück Leben zusammen und nimmt es mit.

Aber dann sagt Gott: Gut, Hiskia, du hast recht. Es ist noch nicht die rechte Zeit, es ist zu früh. Du bekommst noch fünfzehn Jahre dazu geschenkt. Du darfst noch weiter in dem Zelt wohnen, das dein Leben ist. Du kannst noch ein bisschen weiter weben am großen Webstuhl. Fünfzehn Jahre, das entspricht in Deutschland einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe.

Alle unsere Lebensjahre sind geschenkte Zeit. Und Hiskia darf den Faden noch einmal aufnehmen. Er lebt weiter und webt weiter. Seine Jahre sind geschenkt und – begrenzt, gezählt und kostbar. Der König war krank, der König wird leben. Und selbst der Tod kann den Faden nicht zerreißen, der uns mit Gott verbindet. 

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