Keine feste Burg

Johann Baptist Metz und seine gesammelten Schriften
Johann Baptist Metz (1928 – 2019)
Foto: dpa
Johann Baptist Metz (1928 – 2019)

Seit kurzem ist die Werkausgabe des katholischen Theologen Johann Baptist Metz vollständig erschienen. Der frühere Cottbuser Generalsuperintendent und jetzige Honorarprofessor für Evangelische Theologie in Paderborn, Rolf Wischnath, hat das Opus Ultimum gelesen. Er würdigt einen Theologen, dessen Werk in einzigartiger Weise über das Thema Leiden den Gedanken einer „Neuen politischen Theologie“ profiliert hat.

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Joseph Ratzinger: Ah, interessant.
Sie haben mit Metz gesprochen?
Student: Ja!
Ratzinger: Und? War es gut?

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Die Antwort auf diese Frage kann nun gegeben werden. Denn die „Gesammelten Schriften“ eines der ganz großen katholischen Theologen unserer Generation sind nun komplett in elf Bänden erschienen. Johann Baptist Metz (1928 – 2019) kommt aus Auerbach in der bayerischen Oberpfalz: „Man kommt von weit her, wenn man von dort herkommt. Es ist, als wäre einer aufgewachsen an den verdämmernden Rändern des Mittelalters“ (1979). Nach der Militärzeit (1944/45) nimmt er das Studium der Theologie und Philosophie auf. Er findet rasch den Kontakt zum Schülerkreis Karl Rahners, dessen wichtigster Schüler er wird.

Joseph Ratzinger und Johann Baptist Metz (JBM) lehren von 1963 bis 1966 nebeneinander an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster. 1966 verlässt Ratzinger Münster. Einen seiner Gründe für den Abschied aus Westfalen benennt er: „… dass ich das Gefühl hatte, dass mit der politischen Theologie von Johann Baptist Metz eine Himmelsrichtung hereinbricht, die auf eine verkehrte Weise die Politik in den Glauben hineinträgt. Und ständig in der Fakultät im Krach zu leben, wäre nicht meine Sache gewesen … Da schien es mir richtiger, nach Tübingen zu gehen und dort in die Tübinger Tradition einzutreten.“ Der zum Bischof von München avancierte Joseph Ratzinger vereitelt 1979 zusammen mit dem bayerischen Kultusminister Hans Maier die Berufung von JBM nach München. So bleibt er dreißig Jahre lang in Münster. Es hat den Westfalen genützt.

Am 19. April 2005 sagt Metz zur Papstwahl Joseph Ratzingers: „Benedikt der XVI. ist kein Fundamentalist. Denn Fundamentalisten reflektieren ihre Überzeugungen nicht. Die, die ihn einen Fundamentalisten nennen, sind vermutlich in seinen Augen selbst solche Fundamentalisten der Beliebigkeit, gehorsam jener ‚Diktatur des Relativismus‘, die er in seiner Rede vor dem Konklave (Kardinalsversammlung zur Papstwahl) anprangerte.“

Dem Wiener Theologen Johann Reikerstorfer ist nun zu danken, dass er seine interpretierenden und einordnenden Fähigkeiten selbstlos in diese elf Bände der „Gesammelten Schriften“(GS) JBMs gestellt hat. Er hat dessen Arbeiten entschlüsselt, systematisiert und herausgegeben. JBM selbst war daran noch zeitweise mitbeteiligt. Er ist 2019 gestorben.

Provozierendes Gedächtnis

Die Herausgabe seiner „Gesammelten Schriften“ ist hervorragend und – sehe ich recht – in jeder Hinsicht wohl makellos. Und es ist etwa so wie bei Karl Barth: Man kann mit jedem Band der Kirchlichen Dogmatik beginnen. Man hat recht eigentlich in einem Band schon das Ganze: JBMs zentrales Werk ist Memoria passionis: Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft (Band 4 GS). Dieses Buch vermag es, einen gleichsam „entflammenden“ Weg zu Metz schaffen.

Metz’ Theologie Mit dem Gesicht zur Welt hat recht eigentlich nur ein bestimmendes Thema: die Gottesfrage in der Krise des milliardenhaften, unendlichen Leids in der Gegenwart und zurückblickend in der Menschheitsgeschichte. Niemand sonst unter den derzeitigen Theologinnen und Theologen hat meines Erachtens die schwere Last der Theodizeefrage sich so auf die Schultern legen lassen wie JBM.

Metz schreibt mit einem „Schrei“ zu Gott: mit dem Schrei der Leidenden, mit der „Landschaft aus Schreien“ [Nelly Sachs] – besonders in der Geschichte Israels –, mit dem Schrei Jesu am Kreuz und dem Schrei am Ende der Bibel „Amen, komm Herr Jesus!“ (Offenbarung 22,20). Man könnte die Theologie des Johann Baptist Metz eine „Theologie des Schreis“ nennen. Metz bezieht sich immer wieder auf Auschwitz – den Ort, in dem der Schrei der Leidenden überlaut wird. Aber nicht nur in den Ohren des Menschen schreit das Leid ohrenbetäubend, sondern mehr noch bei Gott, der zu Kain sagt: „Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir empor vom Ackerland“ (1. Mose 4,10).

Es ist folgerichtig, dass JBM von Auschwitz her zur Frage nach Gottes Gerechtigkeit kommt. Metz spricht von Gott nicht als dem schlechterdings Jenseitigem. Von einem solchen wäre nichts zu denken und auszusprechen. JBM lehrt das „Vermissen Gottes“. Solch ein Vermissen fragt: Wo ist der Gott, der die Bitte und Klage der Vielen, der Unzähligen hört und handelt? Er vernimmt doch ihr Schreien.

Metz kann von der „universalen Autorität der Leidenden“ sprechen. Diese Autorität sei eine allen Menschen und Religionen zugängliche „Dimension“. Auf ihrem Hintergrund können Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen zur Kommunikation ihrer Überzeugungen und zu Verständigungen und zum gemeinsamen Handeln für die Leidenden kommen.

JBM postuliert, dass es zum Wagnis der Theologie gehören müsse, die Theodizeefrage nicht beantworten zu können und zu wollen (und auch dafür keine dogmatische Antwort parat zu haben). Sondern sie ist – im Widerspruch zu einer „vergessensgeleiteten Normalität“ – als ebenso unvergessene wie bedrängende Frage immer neu in Erinnerung zu rufen und ihrer ist gewärtig zu sein. Metz gibt seinen Studierenden die Aufgabe: „Fragt euch, ob die Theologe, die ihr kennenlernt, so ist, dass sie vor und nach Auschwitz eigentlich die gleiche sein könnte.“

Es ist eine Rückfrage an Gott, die sich wohl auch im Schrei nach seiner Gegenwart und Hilfe artikulieren kann: Statt die hilfreiche Gegenwart Gottes über die Leidenden hinweg als gegenwärtig zu postulieren, müssen sich die Theologie und das kirchliche Leben von der quälenden Erfahrung seiner Abwesenheit beunruhigen lassen, sagt Metz. Und er gebraucht hier das Verb und das Substantiv, das zur zentralen Kategorie seiner Gotteslehre wird: „vermissen“/„das Vermissen“. Hier artikuliert sich eine Bestürzung jenseits aller vertrauten Rede von Gott. JBM: „Die Katastrophe besteht nicht in der Katastrophe, sondern darin, dass wir sie nicht mehr als solche wahrzunehmen vermögen, dass wir vielmehr immer mehr zu Voyeuren des eigenen Untergangs werden?“

In der Katastrophe allerdings kann es zur Verheißung kommen, dass Gott – einst und unter allen Umständen – das Ende unserer Verzweiflung stiftet. Metz sagt, dass in seinen Augen „Rettung“ ein wesentliches Gottesattribut ist, gewissermaßen eine „eschatologische Auszeichnung“. Im Blick auf die Zukunft Gottes, in deren Ereignis die Antwort auf die Theodizeefrage gegeben wird, ruft dieser Theologe – ja, er schreit es: „Ich will, dass ER rettet!“

In der Gottesferne

Hier jedoch geht JBM einen anderen Weg als Jürgen Moltmann. Moltmann spricht davon, dass die Theodizeefrage zu einer interimistischen Antwort kommt: nämlich im Postulat, dass Gott selber sich am Karfreitag im Gekreuzigten und in die Gottesferne begibt und dass das menschliche Leid in Gott selbst, in einer inner-trinitarischen Gottesgeschichte aufgehoben wird. Metz entgegnet, dass durch diese Antwort auf die Gerechtigkeitsfrage, in welcher Moltmanns Theologie vom leidenden Gott spricht, es zu einer verheißungslosen „Verdoppelung“ des eigenen Leidens und unserer eigenen Ohnmacht kommt. Und er fragt: Führt das nicht zu einer „Verewigung des Leidens?“. Und gibt es bei einer Auskunft, Gott sei selber ein leidender Gott, nicht „eine heimliche Ästhetisierung allen Leidens“?

„Der sanftmütige Feuerkopf“ – wie ihn die Zeit einmal nannte – schreibt keine Dogmatik, denn: „[E]s“ geht doch den meisten Systematikern im Verhältnis zu ihren Systemen wie einem Mann, der ein ungeheures Schloss baut und selbst daneben in einer Scheune wohnt. Sie leben nicht selber in ihren ungeheuren systematischen Gebäuden.“ JBM baut kein Schloss, sondern er äußert sich auf Fragen oft mit eigenen Fragen. Im Anschluss an frag-würdige Begriffsbestimmungen kommen neue Fragen. „Und so nenne ich, was mich umtreibt und irritiert, ,Vermutungen‘.“

JBM baut kein Schloss. Er äußert sich in Stellungnahmen und Vorträgen, in Essays und Referaten, in Vorlesungen und Problemanzeigen, in Predigten und Impulsen. Es gibt wohl keinen Text unter den Gesammelten Schriften, der nichts mit seinem Leben zu tun hätte. Und Metz versteht seine Theologie nicht als feste Burg, sondern als Korrektiv, also als Maßnahme zur Abmilderung von theologischen Missständen. Er sagt oft, er betreibe eine sehr unvollkommene Theologie, die allerdings dafür sorge, einige geistige und geistliche Maßnahmen zur Milderung von Missständen und Abwegen zu benennen. Das kann man wohl sagen!

Vor diesem Hintergrund ist es gerechtfertigt, wenn die elf Bände seiner Werkausgabe auf den dunkelroten Umschlägen den leidenschaftlichen Lehrer JBM im erkennbaren Schemen zeigen: als engagierten Redner, Hochschullehrer und Prediger in der Absicht, seine Zuhörer zu erreichen und teilhaben zu lassen an seiner Leidenschaft. Das kann nun durch die Gesamtausgabe seiner Schriften geschehen.

Und zu Recht hat Jürgen Moltmann, wenn es um Ratzingers Frage geht – „War es gut?“ geantwortet: „Metz ist immer wieder für eine Überraschung gut.“ 

Literatur

Johann Baptist Metz und Johann Reikerstorfer (Hg.) Gesammelte Schriften. Ausgabe in elf Teilbänden. 3360 Seiten, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 1. Auflage 2020, Euro 198,–.

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