Der wahre Gott ist der am Kreuz

Justus Geilhufe über den großen US-amerikanischen Theologen Bruce McCormack
Justus Geilhufe
Foto: privat

Das Promotionsthema von Justus Geilhufe „Gnade als trinitarisches Sein. Bruce McCormacks  Theologie in ihrer Entwicklung aus analytischer und konstruktiver Barthrezeption“ ist aus der  Begegnung mit McCormack am „Center for Barth Studies“ in Princeton entstanden. Geilhufe ist
sich sicher, dass der amerikanische Theologe wesentlich Neues zur Theologie, ja zur Philosophie beizutragen hat.

Ich komme aus einem klassischen Pfarrerhaushalt: Mein Vater war seit Anfang der Siebziger Jahre Pfarrer in Sachsen, ausgebildet am Theologischen Seminar Leipzig, später war er Gemeindepfarrer und schließlich in der Krankenhausseelsorge tätig. Meine Mutter arbeitete als promovierte Musikwissenschaftlerin in der Kantoren-Ausbildung. Man kann also sagen, ich stamme aus der protestantischen Herzkammer. Dennoch lag es nicht unbedingt auf der Hand, dass ich auch Pfarrer werde, dazu brauchte es schon eine Überlegung, wenn auch keine deutliche Unterbrechung in meinem Lebenslauf. Ich wurde ausgerechnet am 17. Juni 1990 geboren und wuchs in dem typischen Ex-DDR-Milieu der ostdeutschen Großstadtgemeinden, in Dresden, auf, die damals zugleich sehr aufgeschlossen und sehr fromm waren. Und überlegen musste ich mir schon, ob ich auch wirklich Pfarrer werden wollte. Aber dann habe ich mich dazu entschlossen und mein Theologie-Studium mit anschließender Promotion in Jena, Princeton, München, Leipzig, Göttingen, Rom und St. Andrews in Schottland abgeschlossen. Ende Februar habe ich mein Vikariat beendet. Jetzt bin ich Pfarrer der Kirchgemeinde Großschirma in Sachsen. Ich habe erst einmal keine akademische Laufbahn eingeschlagen, weil ich immer im Kopf hatte, was mir ein Professor in Princeton einmal sagte: „Wir brauchen Pfarrer, die Professoren sind, und Professoren, die Pfarrer sind.“ Ich fühle eine eindeutige Berufung für den pastoralen Dienst und diese sächsische Kirche und ihre Menschen sind mir ans Herz gewachsen, gerade weil diese Kirche manchen als zu klein und etwas hinterwäldlerisch gilt. Aber ich finde sie sehr wertvoll, und wir brauchen hier gute Pfarrer. Ich glaube, dass in dieser zum Teil völlig entchristlichten Gegend Pfarrer mit guter akademischer Ausbildung wichtig sind, damit sie die Lebensfragen der Menschen gut beantworten können.

Mein Promotionsthema (mithilfe meiner Doktormutter Christine Axt-Piscalar aus Göttingen) „Gnade als trinitarisches Sein. Bruce McCormacks Theologie in ihrer Entwicklung aus analytischer und konstruktiver Barthrezeption“ ist aus der Begegnung mit McCormack am „Center for Barth Studies“ in Princeton entstanden. Ich bin mir sicher, dass der amerikanische Theologe wesentlich Neues zur Theologie, ja zur Philosophie beigetragen hat. Obwohl stark von Karl Barth beeinflusst, neigt er nicht zu dessen „Heiligsprechung“ (Friedrich Wilhelm Graf), die viele andere Theologen späterer Generationen vor diesem „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ pflegen. McCormack nimmt sich die Freiheit heraus, Barth neu zu interpretieren und ihm nicht zu unterstellen, er habe mit 38 Jahren genau die gleiche Theologie betrieben wie mit 82, also am Ende seines Lebens. Wenn Barth etwa die göttliche Erwählung der Menschheit betont, so ist dies mit Barths eigenem Begriff der göttlichen Freiheit nur schwer vereinbar, wie McCormack nachweist. Es gibt eben Brüche oder Neuorientierungen in Barths Opus Magnum, der „Kirchlichen Dogmatik“ mit ihren 14 Bänden – das Werk ist nicht aus einem Guss. Wie könnte es auch?

Knapp gesagt, erscheint mir hier aber auch entscheidend, dass McCormack Barth verteidigt in dessen Ansicht, dass sich Gott im sterbenden Jesus am Kreuz wesentlich und geschichtlich in einer Person offenbart hat – man also doch etwas sagen kann über Gott, obwohl er der „ganz Andere“ ist und Kant nachgewiesen hat, dass eine vernünftige Aussage über Gott im Rahmen unserer Vernunft schlichtweg nicht möglich ist. Der Leidende am Kreuz zeigt, dass Gott die Liebe ist, und er bleibt allmächtig und perfekt auch im Kreuzgeschehen. Der wahre Gott ist der am Kreuz, hier zeigt sich sein ganzes Wesen. Und das ist unvereinbar mit dem Gedanken, dass auch außerhalb Jesu ein ganz anderer Gott denkbar ist. Diese Einsicht schränkt unser Denken über Gott nicht ein. Und ein vernünftiges Denken über Gott ist möglich, auch dank McCormack.

Ich bin gerade dabei, mit einem Kollegen (Matthias Gockel aus Basel) die wichtigsten Aufsätze McCormacks ins Deutsche zu übersetzen, denn ich glaube, dass seine Theologie hierzulande noch nicht so bekannt ist, wie sie es eigentlich verdiente. Es scheint viele Barth-Fans in Deutschland zu irritieren, wie viel Freiheit der Kritik sich McCormack gegenüber Barth herausnimmt. Wahrscheinlich kommen auch viele Theologen in Deutschland nicht wirklich damit zurecht, dass die hiesige Theologie nicht mehr wie früher der Nabel der Welt ist, sondern dass wichtige, moderne Impulse eben auch von außen kommen, etwa von Bruce McCormack – und das, obwohl in Deutschland bald auf vierzig Vollprofessoren der Theologie nur noch vierzig Studierende kommen, um es etwas zu überspitzen.

Ich stelle meine theologischen Kenntnisse und Erkenntnisse übrigens auch auf YouTube online, weil ich glaube, dass Theologie heraus muss aus dem Elfenbeinturm. Natürlich haben diese Videos nicht wirklich eine Breitenwirkung. Aber ich bin überzeugt, und das mag mein Ost-Erbe sein, dass wir als Theologen die Pflicht haben, Alltagsfragen auch theologisch zu durchdringen. Es kann in der Theologie nicht nur um „Cluster“-Bildung gehen, was ja derzeit schwer in Mode ist, also Forschungsverbünde zu Themen wie „Religion und Politik“ oder „Religion und Soziologie“. Auch wenn, wie bei uns in Sachsen, 86 Prozent der Menschen nicht mehr in der Kirche sind und es allein in meiner Landeskirche bei den Pfarrerstellen derzeit siebzig Vakanzen gibt, traue ich auch den ganz einfachen, grundlegenden und großen dogmatischen Fragen der Theologie immer noch zu, dass sie zu Lebensfragen werden. Und die Menschen bewegen können. 

 

Aufgezeichnet von Philipp Gessler

Mehr zu Justus Geilhufes Doktorarbeit unter: www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/theologie-und-religion/systematische-theologie-religionsphilosophie/56894/gnade-als-trinitarisches-sein.

Seine YouTube-Videos zu Bruce McCormack finden sich unter: www.bit.ly/3svvp07

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