Urteil und Fehlurteil

Vor 25 Jahren erschien Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“
Freiheitsstatue
Foto: Eduardo Munoz

Vor einem Vierteljahrhundert veröffentlichte Samuel Huntington seine bekannte These vom „Kampf der Kulturen“. Eberhard Pausch, Studienleiter für Religion und Politik an der Evangelischen Akademie in Frankfurt/Main, stellt diese Formel auf den Prüfstand und fragt, inwiefern sie ein taugliches Analyseinstrument ist.

Im Jahr 1996, vor genau 25 Jahren, erschien das Buch „Kampf der Kulturen“ des renommierten US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington (1927 – 2008). Es löste schon unmittelbar nach seinem Erscheinen und besonders dann nach den Terror-Anschlägen des 11. September 2001 in New York und Washington eine hitzige und komplexe Debatte aus: Hat jetzt unwiderruflich der „Clash of Civilizations“ begonnen? Ist Huntington Recht zu geben, der bereits in einem 1993 in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ erschienenen Aufsatz prognostiziert hatte, der Wiederaufstieg des Islams führe wahrscheinlich zu einem „Kampf der Kulturen“ mit dem westlichen Kulturkreis?

Die einen, die „Falken“, sagten: Ja, das ist so – und der Westen müsse deshalb möglichst stark und geeint in diese Auseinandersetzung gehen und sich dabei auch militärisch behaupten. Die anderen, die „Tauben“, versicherten, keineswegs stehe „der Islam“ für Krieg und Gewalt, dies gelte nur für eine kleine Minderheit von Terroristen. Deshalb komme es verstärkt darauf an, den „Dialog der Kulturen und Religionen“ zu fördern.

Wer hat nun Recht? Für die Falken spricht: Die Taliban, Al-Kaida und der „Islamische Staat“ (IS) waren und sind höchst gefährlich und auch keine zu vernachlässigende Minderheit – das sich zurzeit vollziehende Elend in Afghanistan nach dem Abzug der westlichen Truppen führt uns das vor Augen. Mit dem IS ließ sich nicht friedlich diskutieren, er musste militärisch bezwungen werden. Für die Tauben spricht: Die Invasion der USA im Irak im Jahr 2003 war völkerrechtlich zweifelhaft, sachlich nicht hinreichend begründet und hatte alles andere als friedliche und demokratische Folgen. Die Aufgabe des Dialogs stellt sich vielmehr an allen Orten und zu allen Zeiten immer wieder neu. Zumindest aber kommt es darauf an, diesen Dialog zu versuchen und zu wagen. Und gewaltsame Lösungen sind in jedem Falle eine ethisch fragwürdige „ultima ratio“.

In manchen Hinsichten erwiesen sich Huntingtons Voraussagen als hellsichtig und zutreffend. So konstatierte er, dass islamistische Terroristen sich wohl vor allem aus der technischen Intelligenz rekrutieren würden. Genau dies traf für Mohammed Atta und die anderen Attentäter des 11. September 2001 zu. Seine Warnungen vor dem Erstarken von Antieinwanderungs-Parteien haben sich erfüllt. Die AfD in Deutschland erscheint heute weitaus gefährlicher als die „Republikaner“ in den 1990er-Jahren. Und ob sich in Frankreich Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen wird behaupten können und in den USA die Präsidentschaft Donald Trumps eine einmalige Episode bleiben wird, ist noch nicht entschieden. Auch Huntingtons Prognose eines Erstarkens des politischen Islamismus in der Türkei hat sich bestätigt. Von Özal über Erbakan hin zu Erdogan führt eine klare, bedrohliche, antidemokratische Linie. Geirrt hat sich Huntington im Blick auf den ehemaligen serbischen Staatschef Slobodan Milosevic. Diesen 1995/96 als „Friedensstifter“ zu bezeichnen, war eine absolute Fehleinschätzung.

Eine Beleidigung Afrikas

Wesentlich gravierender sind andere Bewertungen und Fehlurteile Huntingtons, die teilweise auf mangelnder Sachkenntnis beruhen. Dass er den Islam insgesamt als „Religion des Schwertes“ kennzeichnet, wird diesem sicherlich im Blick auf seine Geschichte und seine vielfältigen Erscheinungsweisen nur bedingt gerecht. Eine grob beleidigende Fehleinschätzung und Herabwürdigung erlaubt Huntington sich im Blick auf den Kontinent Afrika: Dieser habe „nichts“ zum „Wiederaufbau Europas“ (wann? nach 1945? nach 1989?) beigetragen „… und speit stattdessen Heerscharen von entwurzelten Menschen aus“.

Solche Semantik und Rhetorik sind selbst ein Beitrag zum „Kampf der Kulturen“ und verkennen sowohl die Grausamkeit der Sklaverei- und Kolonialgeschichte, die den Kontinent Afrika geschwächt und arm gemacht haben, als auch die Notlage der auf der Flucht vor Hunger, Gewalt und den Folgen des Klimawandels befindlichen Menschen. Auch der afrikanischen Menschen immer noch und immer wieder fast überall begegnende Rassismus wird hier nicht ins Kalkül gezogen. Bei einer gerechten Einschätzung müsste man mindestens all diese Faktoren mitberücksichtigen.

Interessant ist allerdings, dass man Huntington keineswegs zu den „Falken“ rechnen kann. So lehnt er in „Kampf der Kulturen“ etwa jede Art von Intervention in anderen Kulturkreisen strikt ab. Er rät stattdessen ausdrücklich zum „Prinzip der Enthaltung“. Das galt dann, ganz konsequent, auch 2003 für den Irakkrieg, den die Bush-Administration gegen zahlreiche internationale Appelle und Widerstände durchsetzte. Anders als etwa der heutige US-Präsident Joe Biden plädierte Huntington seinerzeit an der Seite von Bernie Sanders für die Nicht-Einmischung im Irak – und sollte, historisch betrachtet, Recht behalten.

Aus heutiger Perspektive kann man Huntingtons Werk noch einmal anders lesen und interpretieren. Auch wenn der englische und deutsche Titel den Blick auf die Kulturen/Kulturkreise und Zivilisationen richten, geht es in dem Buch, wenn man seine Tiefengrammatik beachtet, um das, was heute Identitätspolitik heißt. Diese ist bekanntlich aktueller und brisanter denn je. Unter der berechtigten Überschrift: „Black lives matter!“ kommt es leider auch zu überzogenen, problematischen Entwicklungen wie der „Cancel culture“-Bewegung. Ist das ein Zufall? Wohl kaum.

Fatalistische Interpretation

Huntington betont zwar markant: „Kultur zählt“. Aber was für ihn wirklich zählt, wird in den unmittelbar an diese These anschließenden Ausführungen deutlich: Es geht ihm nämlich um die „Identität der Kulturen“, also nicht um die Kulturen an sich. „Das zentrale Thema dieses Buches lautet: Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.“

Die Grundfrage der Völker und Nationen lautet nach Huntington: „Wer sind wir?“. Das ist unzweifelhaft die Frage nach der Identität. Für Logiker anders als für Historiker und Politikwissenschaftler eine recht einfache Frage. Denn Identität besagt im logischen Sinne: A ist gleich A. Mit der Identität ist aber immer auch die Differenz verbunden: A ist ungleich B. Wenn dem so ist, was ist dann, oder was wäre dann „Identitätspolitik“? Eine Politik, die A als A erkennbar werden lässt? Eine Politik, die A gleich A sein lässt und sorgfältig von B unterscheidet? Eine Politik, die A als A identifiziert und keine Gemeinsamkeiten mit B erkennen kann? Eine Politik, die A aufwertet, ohne dabei B in den Blick zu nehmen? Oder eine Politik, die das einstmals abgewertete A auf Kosten und zu Lasten von B aufwertet? Gegen die erste und die zweite Variante wäre nichts einzuwenden. Gegen die dritte, vierte und fünfte schon.

Die menschliche Geschichte sei eine Geschichte von Klassenkämpfen, meinten Karl Marx und ihm folgend der Kommunismus. Die menschliche Geschichte sei als Kampf zwischen Rassen zu deuten, meinten und meinen Rechtsextremisten auch heute noch. Huntingtons These lautet: Die menschliche Geschichte handelt von der Identität und Rivalität von Kulturen. Dabei fasst er den Kulturbegriff recht weit: Nationalitätszugehörigkeit (symbolisiert durch „Flaggen“), Religion (symbolisiert durch „Kreuz“ und „Halbmond“), Sprache, Geschichte, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche seien darunter zu fassen. Leider entsagt auch Huntington dabei nicht gänzlich dem Konzept der „Rasse(n)“, das bei ihm zwar keine vorrangige Rolle spielt, aber doch im Umkreis der Kulturfaktoren erwähnt wird und offenbar – und sei es auch in homöopathischer Dosis – die Identität von Kulturen mit ausmacht.

Zu einer ausgewogenen und gerechten Beurteilung von Huntingtons Werk gehört es allerdings auch, darauf hinzuweisen, dass für ihn die Erhaltung des Weltfriedens das vorrangige Ziel war. Und dieser Frieden schien aus seiner Sicht in der neuen, multipolaren und multikulturellen Welt nach dem Ende des Kalten Krieges allzu ungesichert zu sein. Ein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) hatte er ebenso wenig im Blick wie eine harmonische Welt ohne Bedrohungen und Konflikte. In einer globalisierten Welt, in der es um die Identitätsfrage geht, ist der Friede gefährdet. Dem wollte er mit seinen Analysen, Thesen und Prognosen etwas entgegensetzen.

Eine Unvermeidlichkeit des „Zusammenprallens der Kulturen“, also ein historischer Determinismus oder Fatalismus, lässt sich aus seinem Buch nicht herauslesen. Dass aber eine fatalistische Huntington-Interpretation dem Dschihad-Terrorismus auf der einen und dem nationalistischen Rechtspopulismus und -extremismus auf der anderen Seite in höchstem Maße zuträglich war und ist, steht außer Frage. Gerade deshalb stehen wir vor der Aufgabe, die Globalisierung politisch zu gestalten und den Dialog der Kulturen und Religionen konstruktiv zu führen.

Der Dialog der Kulturen und die Kultur des Dialogs sind Eckpfeiler des Weltfriedens. Mit anderen Worten: Die Tauben haben zwar Recht, aber den Frieden gewinnen werden sie nur, wenn sie „ohne Falsch“ sind und zugleich klug wie die Schlangen (Matthäus 10,16). Auch das ist eine Frage der Identität – und nicht die einfachste. 

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