„Eine unmittelbare Gotteserfahrung“

Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther über den Sound Gottes und die Sackgasse, in der die Kirchenmusik seiner Meinung nach steckt
„In der Autobahn ist Gott entweder absolut präsent oder überhaupt nicht.“
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„In der Autobahn ist Gott entweder absolut präsent oder überhaupt nicht.“

zeitzeichenHerr Bayreuther, Sie schreiben in Ihrem aktuellen Buch, die Kirchenmusik sei zu einem Ohrensessel geworden, in dem man sehr weich und sehr tief sitze. Schon lange hätten sich Rückenschmerzen eingestellt. Sobald man sich erheben wolle, werde der Schmerz stechend. Was bringt Sie zu dieser Metapher?

RAINER BAYREUTHER: Viele eigene Erfahrungen und Gespräche. Einerseits setzt sie auf Bach, Bach und nochmal Bach. Auf der anderen Seite sucht sie Anschluss an die moderne Popmusik. Beides entspringt derselben Grund­haltung, zu einer bewährten Ausdrucksgestalt zu greifen. Aber das ist eine Sackgasse. Ich nenne das das protestantische Bausteinprinzip: Für alle religiösen Lagen eines Christenmenschen ist ein bewährter, normierter Baustein zur Hand.

Kirchenmusikalische Konzerte gehören doch aber zu den bestbesuchten  Veranstaltungen in den Kirchen. Wo sehen Sie das Problem?

RAINER BAYREUTHER: Zum Beispiel darin, dass die so beliebten Oratorien von Händel oder Haydn immer nur ein bestimmtes Milieu anziehen, nämlich eine vergleichsweise kleine Gruppe von recht gebildeten Menschen, die die Sprache dieser Werke in ihre Wirklichkeit übersetzen können. Und weil diese Oratorien nach ästhetischen Maßstäben so gut sind, erreicht man diese Gruppe mit einer hohen Zuverlässigkeit. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass breite Bevölkerungsschichten kein Interesse an dieser Form von Kirchenmusik haben. Nicht nur, weil ihr Musikgeschmack ein anderer ist. Sondern weil sie ihren spirituellen Durst auf andere Weise stillen, als sich konzertmäßig ein Stück anzuhören.

Aber war das denn jemals anders? Auch zu Lebzeiten Bachs haben doch nur sehr wenige seine Musik musikalisch und geistlich durchdrungen.

RAINER BAYREUTHER: Das mag sein, aber faktisch war der Gottesdienst damals eine Vollversammlung, in der sich sehr unterschiedliche gesell­schaftliche Milieus trafen. Die beiden Passionen Bachs wurden noch im regulären Hauptgottesdienst uraufgeführt. Wir bedenken noch nicht genug die Tendenz der Oratorien hin zum Konzertsaal, schon in der Bachzeit, etwa bei Händel in London, und dann in der Oratorienkultur des 19. Jahr­hunderts.

Wobei Sie ja auch etwas gegen das religiöse Lied haben, wie es in evangelischen Gottesdiensten seit Luther gepflegt wird. Was ist denn da das Problem?

RAINER BAYREUTHER: Lieder haben eine normierte Länge, irgendwo zwischen zwei und fünf Minuten. Es ergibt sich eine inhaltliche Rundung und  Überschaubarkeit. Damit passt das Lied sehr gut in das Bausteinprinzip der evangelischen Frömmigkeit. Ein Lied ist eine kleine, nicht zu komplexe Einheit mit einer theologischen Aussage. Aber es kann nie für sich selber stehen, sondern  Bedarf der Einbettung in einen größeren Zusammenhang, etwa im Gottesdienst, in dem mehrere solcher Bausteine aneinandergereiht werden. Und durch dieses Zurechtstutzen und Einbauen kommt dem Lied das abhanden, was für mich das Ziel von Kirchenmusik sein sollte: eine unmittelbare Gotteserfahrung.

Aber Luther ging es doch gerade um diese direkte und persönliche Gotteserfahrung, die man an ganz verschiedenen Stellen im Leben machen kann. Was hat er denn bei den Liedern Ihrer Meinung nach falsch gemacht?

RAINER BAYREUTHER: Seine Lieder sind so unglaublich menschlich. Sie waren für ihn vor allem eine Hülle für den menschlichen Ausdruck von Welt- und Gottesverhältnissen. Luther suchte ausdrücklich nach einer Form des Singens, die sich von der ge­sungenen katholischen Liturgie unterschied, und zwar fundamental, nämlich in den Akteuren Gott und Mensch. Holzschnittartig gesagt, in der  katholischen Liturgie singen die Engel, im Lutherlied singt der Mensch und Gott hört zu. Das kann man Luther natürlich zugutehalten und das hat evangelische Theologie ja auch häufig getan. Aber die Schwäche dieses menschlichen Ausdrucks ist seine Be­grenztheit. Ich bin auf meinen kleinen Horizont und meine Befindlichkeit reduziert.

Aber was kann Musik denn anderes sein als menschengemacht? Menschen komponieren sie und erzeugen sie mit ihrer Stimme oder einem von Menschen gebauten und gespielten Instrument.

RAINER BAYREUTHER: Hier empfehle ich einen Blick zurück in die Anfänge unserer abendländischen Musik. Da wäre die Vorstellung, dass Musik etwas Menschengemachtes ist, ziemlich absurd gewesen. Wer da gesungen, in die Leier gegriffen oder auch getanzt hat, tat dies in dem Bewusstsein, dass er sich in eine Realität einklinkt, die größer ist als er selber. Musikmachen war per se religiös. Dieses Große, dessen der Mensch teilhaftig wird, ist uns durch die Vermenschlichung des Liedes, wie wir sie bei Luther und generell im Humanismus seiner Zeit sehen, verlorengegangen. Die großen Komponisten, zu denen ich auch Bach zähle, streben in ihrem unbedingten Kunstwillen danach, diese Sphäre zu berühren. Daher richtet sich mein Einspruch nicht dagegen, diese Musik zu spielen. Sondern dagegen, dass wir oft nicht alles tun, um mit demselben unbedingten Willen die Nähe Gottes zu suchen. Das ist freilich nicht planbar, es geht nicht um bestimmte Kompositionstechniken oder so etwas. Dieser Pudding lässt sich nicht an die Wand nageln. Deshalb sind wir aufgefordert, mit dem Musikstück über das Musikstück hinauszugehen.

Die modernen Worship-Songs kommen in ihrem Buch sehr viel besser weg als Luthers Lieder. Woran liegt das?

RAINER BAYREUTHER: Die Worship-Musik macht einen großen Versuch, den sich die klassische evangelische Kirchenmusik schon lange nicht mehr zutraut. Sie will unsere irdische Realität durchstoßen und in eine göttliche Sphäre vordringen. Darin steckt eine Verhältnisbestimmung von Gott, Mensch und Musik, für die ich eine grundsätzliche Sympathie hege. Ich besuche immer wieder Veranstaltungen, die von dieser Musik geprägt sind. Aber sie erreicht ihr Ziel nicht. Denn sie versucht über einen Overkill an Klang, totaler Emotionalisierung und permanenter Wiederholung einfacher Elemente mit Gewalt in die göttliche Sphäre zu kommen. Sie lässt Gott nicht den Vortritt. Meine Beobachtung ist, dass das häufig nicht funktioniert. Diese Musik bleibt gefangen in der Selbst­bespiegelung des Menschen.

Aber wie kommen wir denn dann zu einer Gotteserfahrung durch Musik?

RAINER BAYREUTHER: Mein Plädoyer ist, nichts zu wollen. Die Klänge einfach nur Klang sein lassen. Keine emotionalen, pastoralen oder religionspäda­gogischen Absichten mit der Musik verbinden. Und darauf hoffen und vertrauen, dass Gott sich irgendwo in den Klängen zeigt. Aber danach auch suchen. Experimente machen im Grundsinn des Worts „experiri“, eine Gegend erfahren. Deshalb bin ich für eine Dekontextualisierung dieses klanglichen Experimentierens von allen pastoralen Zusammenhängen, aber auch von ästhetischen. Gerade der letzte Punkt führt dann an der Musik vorbei zu den Klängen. Solange ich in Musik denke, muss am Ende ein Lied oder eine Fuge oder so etwas herauskommen. Aber das presst uns weiter in das Korsett von gegebenen Ausdrucksgestalten. Sie sind so etwas wie eine Krücke oder eine Leiter, auf der man ein paar Schritte machen muss. Es gilt, den Moment zu finden, sie wegzuwerfen. Ab da beginnt das Er-hören und Er-fahren einer möglichen Gegenwart Gottes.

Und die Texte lassen wir auch weg?

RAINER BAYREUTHER: Sie sind nicht nötig. Aber sie schaden auch nicht, solange mit ihnen kein Ausdruckszweck verbunden ist. Man muss über die Bedeutungsebene von Worten hinauskommen. Ich meine das in genau dem Sinn, in dem Hölderlin oder Ernst Jandl dichteten und in dem Zinzendorf oder irgendein namenloser Bruder in einer Hahnischen Gemeinschaftsstunde aus dem Stegreif singt: mit Worten, aber jenseits von Wortbedeutungen. Die Wort-Gottes-Theologie bleibt oft auf der Bedeutungsebene stehen. Wenn man über die performative Ebene von Worten nachdenkt, wird plötzlich eine Sound-Gottes-Theologie erkennbar.

Es gibt ja Stücke in der Kirchenmusik, die in diese Richtung gehen. „Immortal Bach“ von Knut Nystedt, oder „Hear my prayer“ von Sven-David Sandström auf Grundlage eines Stücks von Henry Purcell. Könnten das Brücken sein in die Richtung, die Ihnen vorschwebt?

RAINER BAYREUTHER: Durchaus, das sind solche besagten Versuchsanordnungen. Und ein Versuch kann ge­lingen oder scheitern. Wenn mich nach religiöser Klangerfahrungen ver­langt, fahre ich manchmal ins Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, möglichst gemeinsam mit Anderen. Wenn wir uns dann vertiefen in die interaktiven Klangkunstwerke, in die Klänge, die das Medium mit uns zu­sammen hervorbringt, kann das eine besondere kollektive Erfahrung werden. Deshalb plädiere ich für mehr ergebnisoffene Interaktivität in der Kirchenmusik und dafür, digitale Technik und Medienkunst als große Chance für religiöse Erfahrungen zu sehen.

Das wäre doch mindestens so elitär wie die Aufführung einer Bachkantate.

RAINER BAYREUTHER: Im Gegenteil, ich sehe hier ein großes Potenzial für eine neue Breitenwirkung und dafür, Menschen zu erreichen, die wir mit der klassischen Kirchenmusik schon lange verloren haben. Ich habe mal an einer Musikhochschule eine Ausstellung mit interaktiven Soundobjekten kuratiert. Die Erfahrung war: Die Verwaltungsangestellten, die nie in ein Konzert der Hochschule kamen, weil ihnen die intellektuellen Hürden zu hoch waren, verbrachten gerne ihre Mittagspause mit Vesperbrot in diesen Soundwelten. An dem Punkt begriff ich, was Barrierefreiheit und Partizipation in der Kunst heißen können. Übrigens braucht es meist keine komplizierte digitale Technik. Es braucht nur den Willen, sich auf die Medialität einer Klangsituation einzulassen. Ergebnisoffene interaktive Settings sind eine große Chance, aus der Sackgasse herauszukommen.

Das würde die bisherige Arbeit von Kirchenmusikern ziemlich verändern.

RAINER BAYREUTHER: Ja, der leitende Kirchenmusiker wäre nicht mehr der, der wüsste, wie es geht. Er wäre der, der eine Klangsituation vorausimaginiert, aber ihren genauen Verlauf nicht kennt. Er muss dann mutig ins Wasser springen, und die anderen können ihm folgen. Bislang arbeiten Kantoren ja immer in einem engen Raster, in dem Töne und Klänge mit einem gegebenen Notentext  übereinstimmen sollen, als mehr oder weniger sauber empfunden werden und dann erstrahlen oder nicht. Wenn ich diese Strukturebene der Mu­sik aber verlasse, spielt das Kriterium der richtigen Töne keine Rolle mehr. Dann ist der Klang so, wie er ist, mit all seinem geräuschhaften „Dreck“, interessant.

Man müsste loslassen …

RAINER BAYREUTHER: … und sich einlassen. Klänge sind ja immer als solche da. Für jemand, der seine Arbeit dafür investiert, Klänge hervorzubringen, ist das vielleicht ein provokativer Satz. Natürlich, ich drücke eine Orgeltaste oder schlage mit einem Klangholz auf die Kirchenbank. Aber was dann mit dem Klang genau geschieht, hängt von vielen Faktoren ab, die ich nicht beeinflussen kann, die ich sogar in einem mathematisch strengen Sinn nicht wissen kann. Meine Bemerkung in einem Interview, dass ich gern dem „Singen“ der Autobahn lausche, die zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt verläuft, und manchmal etwas Göttliches darin vernehme, hat mir viel Häme eingetragen. Eine Freundin, die das Interview auch hörte, hatte die passende Replik: Ist es nicht eine viel ernsthaftere Religiosität, Gott in einer Autobahn tönen zu hören statt in einer Doppelfuge von Max Reger? Bei Reger kann sich die Gotteserfahrung immer aufs Symbolische der musikalischen Struktur berufen. Da ist Gott auf jeden Fall da, aber nur ein symbolisches bisschen. In der Autobahn ist Gott entweder absolut präsent oder überhaupt nicht.

Der Paradigmenwechsel, den sie für die Kirchen­musik fordern, bliebe doch auch nicht folgenlos für das generelle kirchliche Leben, oder?

RAINER BAYREUTHER: Wahrscheinlich nicht. Es würde ein formatsprengendes Prinzip in unsere Gottesdienste hineinkommen. Ein interaktives Setting ist schwer in Veranstaltungen einzutakten. Es würde alles amorpher, aber auch elementarer, grundlegender. Recht radikal würde das Laienprinzip in der evangelischen Kirche akzentuiert. Das Expertentum bekäme eine andere Rolle. Es wären suchendere, tastendere Gottesdienste, keine pastoralen Top-down-Veranstaltungen. Es würden sich Erfahrungsgemeinschaften zusammenfinden von Dürstenden, die nach dem einen Tropfen Wasser suchen, der ihnen Linderung verschafft. Regerfugen sind, um im Bild zu bleiben, dagegen wie zwei Flaschen Rotwein, serviert vom Kellner.

Ihr Buch ist erst vor wenigen Monaten erschienen, aber hat schon für heftige Reaktionen und viel Kritik gesorgt. Hätten Sie damit gerechnet?

RAINER BAYREUTHER: Wir können nichts wollen, das ist meine protestantische und gewissermaßen offenbarungstheologische Grundüberzeugung. Diesen Gedanken habe ich für die Kirchen­musik in einer Radikalität entfaltet, die alle traditionellen Formen hinterfragt und unterläuft, egal ob sie dreihundert Jahre oder eine Woche alt sind. Dass das Kritik hervorruft, damit habe ich gerechnet. Wie einseitig, denkfaul und frei von Kenntnis auch nur einer Zeile des Buches manche Reaktion daherkam, hat mich allerdings überrascht. Aber das ist nur die eine Hälfte, die andere sind viele Menschen, die sich in meinen Diagnosen wiederfinden und einen konstruktiven Austausch in der Sache, der Sache Gottes, suchen. Die wenden sich meist an mich persönlich.

 

Das Gespräch führten Stephan Kosch und Reinhard Mawick am 21. Juni.
 

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Rainer Bayreuther

Rainer Bayreuther (Jahrgang 1967) ist Musikwissenschaftler und seit 2001 Lehrbeauftragter für Musikgeschichte an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth.


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