Das Spiel mit der Zeit

Vor 150 Jahren geboren: der Dichter Marcel Proust
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Sein Geburtstag lief für Marcel Proust (1871 – 1922) immer gleich ab: Maman lud seine Freunde ein, die Köchin kredenzte einen Kuchen zu Kakao oder Café au Lait, und man kann zweifelsohne behaupten, dass Proust ein echtes Mamakind war. Nach ihrem Tod 1905 hat er seinen Geburtstag, der sich am 10. Juli 2021 zum 150. Mal jährt, nicht mehr gefeiert. Er war krank, blieb in der elterlichen Wohnung und lebte fortan überwiegend im Schlafzimmer, dessen Wände, um Lärm abzuhalten, mit Kork ausgeschlagen waren, umsorgt von seinem Dienstmädchen und Chauffeur. Korrespondenz und Telefon verbanden ihn mit der Welt. Sein monumentales Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, kurz „Recherche“ genannt, schrieb er im Bett.

Es ist ein Phänomen: Jeder, der sich mit Literatur befasst, kennt es, die meisten kennen allerdings lediglich Teile des siebenbändigen Werkes. Zu langweilig, sagen viele, die sich nur auf den ersten Band eingelassen haben, in dem wenig passiert, vieles angedeutet wird. Auf den ersten elf Seiten geht es nur um das Einschlafen des Erzählers, der sich dabei an das innere Kind erinnert. Aus der Sichtweise des Jungen ziehen sich die Stunden endlos und langsam, und so detailliert schreibt Proust, was Geduld einfordert und sehr viel Zeit. Aber gibt es nicht gerade jetzt, unter Corona, davon zur Genüge?

Anstatt die Tage zu füllen mit schnell vergessenen Filmen oder dem Internet, kann man hier in ein Experiment abtauchen: sich zur Langsamkeit zwingen, zur Genauigkeit, zum Spiel mit der Zeit. Und dann tut sie sich auf, die Schönheit des Proustschen Schreibens, denn er verfasst keine einfachen Sätze, sondern Labyrinthe aus Metaphern, Verweise auf Kunst, Anspielungen auf Politik, Judentum und Homosexualität. Seine Themen sind elementar: Freundschaft, Liebe, das Altwerden und der Tod. Es geht um Begierden, Eifersucht, Verrat und das alles spielt sich in der untergehenden Welt der Belle Époque im Paris des späten 19. Jahrhunderts ab.

Prousts Methode, sich zu erinnern, ist eine Hommage an die Sinne. Mit der berühmten Lindenblütentee-Madeleine-Episode führt er in das Motiv der sinnlichen Erinnerung ein. „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß“, schreibt er.

Alles, was im ersten Band angerissen, angedacht wird, variiert Proust in verschiedenen Konstellationen und Lebensgeschichten seiner skurrilen, egozentrischen, oft versnobten Protagonisten. Immer kurzweiliger werden seine Erzählungen, die Zeit vergeht schneller im neuen Jahrhundert oder – die alte Frage – ist es das Alter, was die Zeit schneller vergehen lässt? Die aus den Fugen geratene Welt des Ersten Weltkriegs und die Entdeckung der Homosexualität geraten in den Fokus des vierten Bandes Sodom und Gomorrha. Er ist endgültig erwachsen, erkennt Laster, Dünkel und Scheinheiligkeit, Intrigen und Skandale nehmen Fahrt auf. Im letzten Band Die wiedergefundene Zeit läuft Proust zu Hochform auf, auf dem „Ball der Greise“ vollführen die noch lebenden Personen eine letzte, groteske Pirouette.Proust fasziniert so, dass über ihn mehr geschrieben wurde, als er jemals veröffentlicht hat, und sein Geburtstag ist Anlass genug, dieses Proust-Universum zu erweitern. Voran geht eine neue Übersetzung der Recherche, gefolgt von bisher unveröffentlichten Briefen und Erzählungen. „Die Zeit ist zu kurz und Proust zu lang“, schrieb Alain de Botton vor Jahren in seinem amüsanten Buch Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Und wie kontert Marcel Proust kurz vor seinem Tod 1922? „Die Zeit, sie ist tückischer, als sie scheint – sie ist nicht nur verloren, sondern von jeher unsichtbar.“ 

 

Hörtipp

Seit Beginn des Jahres wird Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit im RBB als Podcast gesendet. Die 329 Folgen werden von dem Schauspieler Peter Matić gelesen.

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