Zeitgeschichte

Porträt einer Kaiserin

Sie war rückwärtsgewandt und reaktionär. Das Urteil fällt der ausgewiesene Kenner der Hohenzollernfamilie, Jörg Kirschstein, über Auguste Victoria (1858 – 1921), die Ehefrau von Kaiser Wilhelm II., „aus heutiger Sicht“, wie er in seinem Porträt einer Kaiserin schreibt. Und doch hat es Auguste Victoria keineswegs verdient, dass man sich nicht für sie interessiert. Denn Auguste Victoria, im Volksmund auch „Kirchenjuste“ genannt, diese auffällig gekleidete Frau hat sich auf Fotografien mit ihren überlangen Perlenketten und der berühmten Ballonfrisur nicht nur optisch ins Gedächtnis geschrieben.

Nein, sie war zu ihrer Zeit populär, hat mit ihrem ausgeprägten sozialen Engagement und dem Bau zahlreicher Kirchen hohes Ansehen genossen. Noch heute tragen viele Kirchen und Einrichtungen ihren Namen. Zum 100. Todestag der Monarchen-Gattin hat Jörg Kirschstein, Kastellan im Schloss Babelsberg, bislang unerschlossene Quellen für sein Porträt gesichtet, Briefe an Auguste Victorias Vater oder das Tagebuch der Oberhofmeisterin Gabriele von Alvensleben. Und so zieht das Buch Seite für Seite die Leser in seinen Bann. Kirschstein beschäftigt sich mit Auguste Victoria in all ihren Facetten: von ihrer Kindheit und Jugend in Gotha und Primkenau, ihrer schwierigen Verlobung und Hochzeit mit Prinz Wilhelm von Preußen, über ihre Aktivität als Repräsentantin des Kaiserreiches, Ehefrau und Mutter und ihr kirchliches Engagement bis hin zu ihrem Tod.

Es war eine Liebesheirat und Wilhelm II. wusste, was er an seiner Frau hatte, schätzte ihre Güte, Treue und ihre Liebe, erfährt die Leserin von Kirschstein. Und doch fällt im Gespräch mit Reichskanzler Bernhard von Bülow der Satz: „Man merkt ihr immer wieder an, dass sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern in Primkenau.“ Dass die Kaiserin von einem übertriebenen Glaubenseifer geprägt war, schreibt der Hohenzollern-Experte. Schon in ihrer Kindheit und Jugend kam der religiösen Erziehung in ihrem streng lutherischen Elternhaus besondere Bedeutung zu. Diese legte den Grundstein für ihr späteres Engagement. Friedrich von Bodelschwingh gehörte 1888 zu den Gründungsmitgliedern des unter Auguste Victorias Schirmherrschaft stehenden „Evangelischen Kirchenhilfsvereins“. Auch die „Evangelische Frauenhilfe“ entstand 1899 auf ihre Anregung hin.

Seinen Reiz hat das Porträt einer Kaiserin auch als Zeitbild: die typische Erziehung einer Tochter aus hochadeligem Haus im 19. Jahrhundert, der Erste Weltkrieg, die Tage der Novemberrevolution 1918, der Verlust der staatspolitischen Macht mit dem niederländischen Exil. Jörg Kirschstein verbindet das alles wortgewandt und lebendig. Über 150 zum Teil bislang unveröffentlichte Abbildungen mit ausführlichen und wissenswerten Bildtexten dokumentieren das Porträt im Kontext seiner Zeit.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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