Ein Tausendsassa

Erinnerungen an einen leidenschaftlichen Theologen und Netzwerker

Wer hat eigentlich dafür gesorgt, dass in wissenschaftlichen Bibliotheken Fachreferentinnen und Fachreferenten eingeführt wurden, weil niemand mehr allein alle Fachgebiete, ihre Verlagskataloge und Bibliographien überblicken konnte? Wer hat in den großen Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik dafür gesorgt, dass angesichts der klammen öffentlichen Haushalte auch die Industrie in die Finanzierung der nicht unmittelbar anwendungsfähigen Grundlagenforschung einstieg? Wer hat schon vor der Einführung der Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium Studentinnen als Gäste in seinen Hauptseminaren zugelassen? Wer hat den entscheidenden Anstoß zur Gründung der heutigen Max-Planck-Gesellschaft gegeben und darin das Prinzip der größtmöglichen Freiheit für exzellente Wissenschaft verankert? Und wer hat die höchste Auszeichnung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die unser Land zu vergeben hat, den Orden Pour le Mérite, nach 1918 von seiner Verbindung mit der preußischen Monarchie gelöst und in die Republik überführt?

Menschen, die sich nicht näher mit deutscher Wissenschaftsgeschichte beschäftigt haben, werden niemals auf die Idee kommen, dass es ein einzelner Theologieprofessor war, der für alle diese so unterschiedlichen Leistungen im Wissenschaftssystem, die bis heute Bedeutung haben und fortwirken, verantwortlich war. Der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851 – 1930) war zuallererst ein staunenswert produktiver Historiker des antiken Christentums und evangelischer Theologe aus Leidenschaft. Aber nach seinem Wechsel an die Berliner Universität (1888), als deren Rektor er im Jahre 1900/1901 amtierte, übernahm er zunehmend Funktionen im Wissenschaftsmanagement: Er organisierte mit Theodor Mommsen bis heute bestehende Langzeitvorhaben der Preußischen Akademie der Wissenschaften, amtierte ab 1905 als Generaldirektor der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, wurde 1911 zum Präsidenten der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, 1920 zum Kanzler des Ordens Pour le Mérite gewählt und hatte erheblichen Einfluss auf den vor 100 Jahren gegründeten Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, einer freiwilligen Verbindung der Wirtschaft, die ursprünglich vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft auskömmlich finanzieren sollte.

In der zuendegehenden Woche trafen sich in Berlin im ehemaligen Sitzungssaal der Preußischen Akademie der Wissenschaften, dem heutigen Festsaal der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz die Nachfolgerinnen und Nachfolger Harnacks und erinnerten mit einem (Corona-bedingt nachgeholten und im livestream übertragenen) Festakt anlässlich seines 90. Todestages (und 170. Geburtstages) an den Tausendsassa. Denn das, was Harnack alles zusammenhielt und als einzelne Person im Hauptamt eines Professors für Kirchengeschichte erledigte (Generaldirektor der Staatsbibliothek war er beispielsweise im Nebenamt), sind heute anstrengende Hauptberufe oder ausfüllende Ehrenämter für sieben unterschiedliche Menschen.

Geisteswissensschaftliche Grundlagenforschung

Auffällig an dem Festakt, der als Podiumsdiskussion gestaltet wurde, war, wie lebendig die Erinnerung an den Theologen in den Institutionen, die er einst leitete, heute noch ist: In der heutigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gibt es immer noch diejenige Form geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung in quasi industriellem Maßstab, die Harnack mit seinem Freund, dem Althistoriker Mommsen, inaugurierte. Immer noch werden Texte des antiken Christentums in zuverlässigen Editionen erarbeitet und heute natürlich auch digital veröffentlicht. Die große, mehrbändige Geschichte der Berliner Akademie von Harnack ist nach wie vor ein zentrales Referenzwerk. Sabine Kunst, die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, berichte während des Festaktes, dass trotz aller Erfolge bei der Gleichstellung von Frauen der entsprechende Impetus Harnacks zu weiteren Aktivitäten anstachle und auch seine Kunst lebendig sei, effiziente Netzwerke zu etablieren und dadurch die Wissenschaft mit der Gesellschaft zu verbinden. Das elektronische Vorlesungsverzeichnis ihrer Universität heißt „AGNES“ – und das war der Vorname einer Tochter Harnacks, der ersten offiziellen Studentin der Universität.

Als ambivalente Wirkung Harnacks bezeichnete Kunst die Auslagerung exzellenter Spitzenforschung aus den Universitäten in die heutige Max-Planck-Gesellschaft, die zu gründen der Berliner Kirchenhistoriker Kaiser Wilhelm II. vorgeschlagen hatte. Das sah Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin-Dahlem, naturgemäß anders; er betonte die Bedeutung des sogenannten Harnack-Prinzips, also das souveräne Recht von Direktorinnen und Direktoren solcher Institute (und inzwischen auch von Nachwuchsgruppenleitenden), ihr Forschungsgebiet selbst zu wählen und dazu eine eigene Forschungseinrichtung aufgebaut zu bekommen. Die vielen Nobelpreise an Max-Planck-Forschende zeigen, dass dieses Prinzip nicht ganz falsch sein kann.

Barbara Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek, erwähnte nicht nur die Einführung des Fachreferenten-Systems unter Harnack, sondern lobte seinen Einsatz gegen die reine Präsenzbibliothek: Der Berliner Gelehrte war der Ansicht, dass man Bücher ausleihen und unter dem Schein der eigenen Wohnzimmer- oder Schreibtischlampe lesen können müsse, um wirklichen Gewinn aus ihnen zu ziehen. Die Tübinger Entwicklungsbiologin, emeritierte Max-Planck-Direktorin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard berichtete als Kanzlerin des Ordens Pour le Mérite, wie Harnack den Orden nach 1918 rettete, zu internationalisieren versuchte und mit Käthe Kollwitz die erste Frau in die Reihen der Männer des Ordens aufgenommen hat. Und Andreas Barner als Präsident des Stifterverbandes lobte nicht nur wie Kunst und Renn den Einsatz von Harnack für die Grundlagenforschung in Geistes- wie Naturwissenschaften und erzählte Details aus dem großen Netzwerk, das der Kirchenhistoriker mit Industriellen und Politikern zum Nutzen der Wissenschaft geknüpft hatte. Barner erinnerte daran, dass Harnack sehr früh davor warnte, dass das amerikanische Wissenschaftssystem ungeachtet mancher Probleme Vorteile habe und das deutsche System ins Hintertreffen geraten könne.

Bonhoeffers sensibler Nachruf

Was hielt diese vielfältigen Aktivitäten Harnacks eigentlich zusammen? Wo lag der Kern des Tausendsassas, der bald dies, bald jenes an einem streng geordneten Arbeitstag tat? Wolfgang Huber, systematischer Theologe, früherer Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, in jungen Jahren bei einem Enkelschüler Harnacks zu einem Thema der antiken Christentumsgeschichte promoviert, zerstreute zunächst die Legende, Harnack habe stets im Konflikt mit der Kirche seiner Zeit gestanden: Nach 1918 engagierte er sich in der preußischen Landeskirche in einem synodalen Gremium für deren Transformation und kämpfte für das Religionsverfassungsrecht der Weimarer Republik, das bis heute in Geltung steht. Harnacks Theologie betonte den unverlierbaren Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit – und darin sieht Wolfgang Huber ungeachtet aller Umwälzungen, die in Kirche, Theologie und Gesellschaft seither erfolgt sind und die eine direkte Anknüpfung an Harnack schwer machen, seine zentrale Bedeutung. Dietrich Bonhoeffer war übrigens ein sehr selbstständiger Schüler Harnacks, der ihm einen bewegend sensiblen Nachruf bei der großen Gedenkfeier im Jahre 1930 gehalten hat.

Harnack hielt Theologie und Wissenschaftspolitik zusammen, er verband Theologie und säkulare Wissenschaft, er kombinierte seine Netzwerke in Wirtschaft und Politik mit einem staunenswerten sozialen Engagement, weil er im Kern ein sehr frommer Mann war. Morgens hielt mit einer Sammlung von Lutherpredigten seines Vaters Hausandacht und wanderte regelmäßig mit Kindern wie Enkeln Choräle singend über Friedhöfe zu den Gräbern der Verstorbenen. Wie Bonhoeffer in seiner erwähnten Gedenkrede sagte, war Harnack zuerst Theologe und gestaltete von daher alles andere. An ihn zu erinnern, gibt Hoffnung, dass die Theologie in der späten Neuzeit nicht aus den Wissenschaftsinstitutionen verschwinden muss, sondern Theologie bleiben und trotzdem wertvolle Impulse für das ganze Wissenschaftssystem geben kann. Dazu muss man allerdings die richtigen Menschen berufen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem weiten Blick, einer interdisziplinären Neugier und Offenheit und der Fähigkeit, zu kommunizieren und zu netzwerken. Es müssen ja keine Tausendsassas sein.

Übrigens, ein Video der Podiumsdiskussion ist im Internet zugänglich unter: https://www.youtube.com/watch?v=A9vn8Y1_TRQ

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