Hitlerbild im Pfarrhaus

Daniel Lenski forscht über die deutschen Protestanten in Chile vor und nach 1945
Daniel Lenski
Foto: Julia Schwager

Daniel Lenski (37), evangelischer Pfarrer in Falkenstein im Taunus, untersucht in seiner Doktorarbeit die Haltung der Deutschen Evangelischen Kirche in Chile in der Nazizeit und was danach geschah.

Mit Chile fühle ich mich seit langem verbunden. In der Schule lernte ich Spanisch. Und ich interessierte mich für Lateinamerika. So machte ich ein Praktikum in zwei lutherischen Kirchengemeinden in Chile, die von der Befreiungstheologie geprägt waren. Und die Universität Leipzig, an der ich Politik, Theologie und Volkswirtschaft studierte, pflegt eine Partnerschaft mit der staatlichen Universität in Santiago (Universidad de Chile). Dort belegte ich Politik und an der Päpstlichen Universität in Santiago (Universidad Pontificia Católica de Chile) Theologie. An der historischen Fakultät der staatlichen Universität beschäftigte ich mich auch mit Erinnerungskultur.

Zur gleichen Zeit lernte ich Helmut Frenz (1933 – 2011) kennen. Die EKD hatte den schleswig-holsteinischen Pastor 1965 in die Evangelisch-Lutherische Kirche Chiles entsandt, deren Ursprünge auf deutsche Einwanderer im 19. Jahrhundert zurückgehen. 1970 wurde Frenz zum Propst gewählt. Nachdem sich General Augusto Pinochet 1973 an die Macht geputscht hatte, setzte sich Frenz für die Verfolgten ein. Aber 1975 verhinderte die Militärregierung, dass er nach einem Besuch im Ausland nach Chile zurückkehrte. Und im selben Jahr trennten sich die Kirchengemeinden, die Frenz unterstützten, und der regimetreue Teil der lutherischen Kirche.

Über Frenz schrieb ich eine Hausarbeit. Und damit begann meine wissenschaftliche Beschäftigung mit der lutherischen Kirche Chiles, die bis 1959 „Deutsche Evangelische Kirche in Chile“ hieß. Und in meiner theologischen Examensarbeit beschäftigte ich mich mit der Kirchenspaltung von 1975, bei der auch der Gegensatz von deutschsprachigen und spanischsprachigen Kirchenmitgliedern eine Rolle spielte. Ich wollte den historischen Hintergrund besser verstehen und beleuchten. Und zum Verhalten der Deutschen Evangelischen Kirche Chiles in der Nazizeit gab es auch noch keine wissenschaftlichen Arbeiten.

Für meine Doktorarbeit forschte ich im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin und in den Archiven der sächsischen und der hessen-nassauischen Landeskirche. Und in Chile konnte ich Akten sichten, die in einzelnen Kirchengemeinden verstaubt waren. Außerdem arbeitete ich in Chicago im Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika. Denn US-Theologen hatten in den 1950er-Jahren eine wichtige Rolle gespielt bei der Mission unter spanischsprachigen Chilenen und für die Annäherung der deutschen Kirche an den Lutherischen Weltbund.

In ihrer nationalistischen Gesinnung und Ablehnung der Weimarer Republik unterschieden sich die deutschen evangelischen Pfarrer Chiles und ihre 20- bis 30.000 Gemeindeglieder nicht von der großen Mehrheit der Protestanten in Deutschland. Dazu kam, dass die Deutschchilenen befürchteten, das „Erbe der Väter“, die deutsche Sprache und Kultur zu verlieren, so wie sie das in den 1920er-Jahren bei den deutschsprachigen katholischen Pfarreien beobachteten, die in die chilenischen Diözesen integriert wurden, in denen natürlich Spanisch dominierte. Außerdem verstärkten zunehmende Eheschließungen zwischen Deutsch- und Spanischsprachigen die Sorge um die eigene kulturelle Homogenität. So forderten die Pfarrer die jungen Männer auf, nur deutsche Frauen zu heiraten.

An die Ängste und Einstellungen in der Kirche konnte die Auslandsorganisation der NSDAP, die 1931 einen Ableger in Chile gegründet hatte, leicht anknüpfen. Die Ideologie der Nazis bestärkte die deutsch-chilenischen Protestanten in ihrer Überzeugung, etwas Besonderes zu sein und sich nicht mit Nichtdeutschen zu vermischen.

Die Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinden Chiles stammten aus Deutschland und Österreich. Sie wurden vom Kirchlichen Außenamt in Berlin entsandt. Dessen Leiter Theodor Heckel war kein Deutscher Christ, aber dem NS-Regime gegenüber loyal und immer wieder im Konflikt mit der Bekennenden Kirche. So verschickte er an die deutschen Gemeinden und Kirchen im Ausland eine Stellungnahme des nationalkonservativen Theologen Paul Althaus gegen Karl Barth, den theologischen Kopf der Bekennenden Kirche.

Pfarrer spielten in den chilenischen Kirchengemeinden eine größere Rolle als in Deutschland. Sie verstanden sich nicht nur als Geistliche, sondern als Botschafter der deutschen Kultur. So spielten sie vor allem im abgelegenen Süden Chiles, wo die meisten deutschen Protestanten lebten, eine wichtige Rolle bei der Interpretation dessen, was im „Dritten Reich“ geschah.

Der Großteil der Pfarrer gehörte der NSDAP an. Nur von Johannes Klink ist bekannt, dass er sich kritisch mit den Nazis auseinandersetzte. Der Geistliche kritisierte die Kampagne gegen Reichsbischof Friedrich von Bodelschwingh, den die Nazis zum Rücktritt zwangen und durch den Deutschen Christen Ludwig Müller ersetzten. Klink äußerte die Befürchtung, die evangelische Kirche gebe ihre Bekenntnisse zugunsten eines deutschchristlichen Bekenntnisses preis. Und er wehrte sich auch gegen den Versuch, in der evangelischen Kirche Chiles das „Führerprinzip“ durchzusetzen. Deren leitender Geistlicher sei immer nur Erster unter Gleichen gewesen, betonte Klink. Die Auslandsorganisation der NSDAP in Chile sorgte mit dem Kirchlichen Außenamt dafür, dass sein Vertrag nicht verlängert wurde. Und auch nach 1945 bekam Klink keine Pfarrstelle.

Kirchenleiter von 1937 bis 1964

1937 wird Friedrich Karle, der der NSDAP angehört, leitender Geistlicher der Deutschen Evangelischen Kirche in Chile. Und er bleibt es bis 1964. Nach dem Krieg nimmt Karle die Forderung des Kirchlichen Außenamtes der EKD auf, die deutschsprachigen Auslandsgemeinden und Kirchen sollten sich statt Deutsch als deutschsprachig bezeichnen. Karle ist klar geworden, dass seine Kirche aussterben würde, wenn in ihr die in Chile vorherrschende spanische Sprache nicht mehr Gewicht bekäme. Außerdem nimmt der Geistliche, der in den 1920er-Jahren in Harvard studierte, Kontakt zu den US-Lutheranern auf. Das führt schließlich dazu, dass sich die Deutsche Evangelische Kirche 1959 trotz des Widerstandes der Traditionalisten in „Evangelisch-Lutherische Kirche“ umbenennt und dem Lutherischen Weltbund beitritt.

Ein amerikanischer Missionar, der 1948 Chile besuchte, war erschüttert, als er im Amtszimmer eines deutschen Pfarrers ein Hitlerporträt sah. Sein Bericht schlug international hohe Wellen. Der Pfarrer hängte das Bild schließlich mit der Begründung ab, er habe gelesen, dass deutsche Soldaten wegen militärischer Fehlentscheidungen Hitlers ihr Leben verloren hätten. 1950 versuchte Martin Niemöller, der Präsident des Kirchlichen Außenamtes der EKD, bei einem Besuch in Santiago vergeblich, die Kirche zu einer kritischen Aufarbeitung ihrer Haltung in der Nazizeit zu bewegen. In Ansätzen gab es sie erst unter Helmut Frenz. Und dabei ist es geblieben. 

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

Literatur:

Daniel Lenski: „Die Kirche unserer Väter.“ Deutschtumskonstruktionen in der Chile-Synode und der Deutschen Evangelischen Kirche in Chile von 1933 bis 1959. Verlag Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2021, 413 Seiten, Euro 100,–.

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