Kaninchen hervorgezaubert

Eine Replik auf „Fetisch Gegendiskriminierung“ in zz 3/2021
Ingolf U. Dalferth
Foto: privat

Der Journalist und Theologe Arnd Henze kritisierte in einem öffentlichen Brief in der Märzausgabe  der zeitzeichen den Systematischen Theologen und Religionsphilosophen Ingolf U. Dalferth scharf. Dalferth weist die Kritik nun entschieden zurück.

Ich war von zeitzeichen gebeten worden, von meinen Erfahrungen mit gegenwärtigen ideologischen Gefährdungen der Geisteswissenschaften in den USA zu berichten. Arnd Henze hätte gern anderes gelesen. Er wünscht sich eine bessere Welt. Ich auch. Aber die Welt ist nun einmal, wie sie ist, und nicht, wie wir sie gerne hätten. Sich darüber zu ärgern, ist sein gutes Recht. Aber warum er seinen Ärger an mir auslässt, bleibt sein Geheimnis. Und wie er es tut, spricht für sich.

Nicht in meinem Text, sondern zwischen den Zeilen, in seinen Hinzufügungen und abenteuerlichen Unterstellungen, findet er das, worüber er sich erregt. Von Anfang bis Ende wird vermutet, nahegelegt, hineingelesen, im Modus des würde, könnte und müsste spekuliert. Anstatt sich mit dem zu befassen, was ich gesagt habe, nimmt er meine Person ins Visier und basiert seine Anwürfe auf freie Assoziationen im weiten Feld dessen, was ich nicht gesagt habe. Aus dem Hut des Nicht-Gesagten aber lässt sich jedes Kaninchen hervorzaubern. Wer so „argumentiert“, will nicht diskutieren, sondern diffamieren. Wer nicht wusste, warum es das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gibt, weiß es jetzt.

Dabei wäre eine Sachdiskussion überfällig. Die wird es nicht geben ohne einen realistischen Blick auf Diversität, Diskriminierung und die realen Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen. Der Kampf um Teilhabe ist bei knappen Ressourcen immer auch ein Kampf gegen andere, die darum kämpfen. Das ist einer der selbstzerstörerischen Mechanismen identitätspolitischer Machtkämpfe, die auf den Kampf aller gegen alle hinauslaufen, wenn die Vernunft nicht rechtzeitig wieder einsetzt.

Für eine Sachdiskussion muss man sich allerdings kundig machen. Ich kann nicht erkennen, dass der Autor sich diese Mühe gemacht hätte. Die Unterstellung, ich hätte „die konkreten Erfahrungen der anderen als ideologisches ‚Geschäftsmodell‘“ diffamiert, ist so unsinnig wie diese Formulierung. Ein Institute for Religious Studies gibt es nicht in Claremont. Und die 14 Millionen Dollar, über die er sich ausbreitet, sind kein akademischer Erfolgsausweis und keine selbstlos für die indigene Bevölkerung eingesetzten Gelder zur Wiedergutmachung für die White Supremacy, sondern der Preis, den die San Manuel Band of Mission Indians für einen Kooperationsdeal mit der Claremont Graduate University zahlten. Wohlgemerkt: Sie haben gezahlt, nicht die Universität für sie. Es geht um Geld, nicht um Gerechtigkeit. Wer zahlen kann, bekommt den Zuschlag. Wer nichts gibt, erhält auch nichts. In diesem Geschäftsmodell liegt ein Konfliktpotential, das der Autor überhaupt nicht bemerkt. Die einen können sich in die Universität einkaufen, die anderen nicht. Die Realität der Diversität ist keine Idylle, sondern ein Kampf zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben. Da hilft es nichts, viel Staub aufzuwirbeln und dann zu erklären, man könne keine Probleme sehen.

Meine Kritik gilt nicht dem Einsatz für Diversität, sondern dessen Missbrauch für andere Zwecke, nicht dem Ernstnehmen der gesellschaftlichen Realität, sondern der Verharmlosung der damit verbundenen Probleme, nicht dem Ideal, sondern seiner Verkehrung zur Ideologie. Die rote Linie wird überschritten, wenn ethnische Kriterien ausgrenzend verwendet werden, wenn Universitätsleitungen bei Berufungsverfahren anordnen, dass keine weißen Männer und Frauen und keine asiatischen Männer berücksichtigt werden dürfen, wenn sie sich Regelwerke geben, die das als positive Diskriminierung zur Diversitätssteigerung legitimieren, wenn afroamerikanischen Doktoranden bedeutet wird, sie sollten nicht über europäische Philosophen publizieren, weil sie dann keine Chance mehr hätten, eine Professur zu erhalten. Nicht die Rassisten zu nennen, die so agieren, sondern die, die es kritisieren, ist absurd. Nach dieser Logik müssten die ins Gefängnis, die über Verbrechen berichten, und es gäbe keine Probleme, wenn man nicht über sie schriebe.

Man kann die Augen vor der Realität positiver Gegendiskriminierung verschließen. Aber ein Blick in die Regelwerke der Universitäten, die Praxis ihrer Verwaltungen und die konkreten Vorgänge in der akademischen Ausbildung macht deutlich, was da kaum beachtet von der Öffentlichkeit auf breiter Front passiert. Das ist zu kritisieren, nicht diejenigen, die das für kritikwürdig halten. 

 

Den Artikel von Arnd Henze, auf den sich der Autor bezieht, lesen Sie hier: 

zeitzeichen.net/node/8851.

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Foto: Clermont Graduate University

Ingolf Dalferth

Ingolf Dalferth, geboren 1948, war unter anderem von 1995 bis 2013 Professor für Systematische Theologie, Symbolik und Religionsphilosophie an der Universität Zürich und von 2007 bis 2020 Professor für Philosophie und Religion an der Claremont Graduate University in Kalifornien.


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