Resolut

Um das Hier und Heute

Mit gewaltigem Echo forderte der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz im Oktober 2000, Ausländer hätten sich an „deutscher Leitkultur“ zu orientieren. In einem Essay fragte Romanautor Johannes Mario Simmel, was das bedeuten soll: „Bach-Kantaten und Horst-Wessel-Lied? Holocaust-Mahnmal und geschändete jüdische Friedhöfe?“ Er schildert dann den „Hetzjagd-Prozess von Guben“, in dem ein „gütiger Richter“ Nazi-Anwälte verbal gewähren ließ, den Angeklagten nennenswerte Strafen ersparte, den zu Tode gebrachten Algerier aber mit der Feststellung schmähte, er sei selbst schuld gewesen. Am Ende fragt Simmel rein rhetorisch, ob man der „deutschen Leitkultur“ nun noch näher kommen möchte – erschienen 2001 in seinem verstörend aktuellen Aufsätze-und-Reden-Band "Die Bienen sind verrückt geworden", in dem er auch Tucholskys Satz vom „Küssen der Faschisten“ auf den Stand historischer Erkenntnis bringt: „Verflucht, schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft“! Erfreulich deutlich, aber manche winkten wohl gleich ab: „Simmel? Eh Trivialkultur.“

Dem mit ähnlicher Verve anschreibenden Berliner Lyriker, Theaterautor und Politikwissenschaftler Max Czollek gilt eher ein Schmähen als intellektueller Krakeeler, seit er sich und seine Freunde in dem viel beachteten Langessay "Desintegriert Euch!"  laut dagegen verwahrte, mit der Zuschreibung Jude oder Ausländer abgestempelt und für das „Gedächtnis“– oder „Integrationstheater“ missbraucht zu werden. Daran knüpft er mit "Gegenwartsbewältigung" jetzt an.

Natürlich, ein Seitenhieb à la Czollek – Vergangenheit ist und bleibt da, die lasse sich nicht bewältigen! –, aber passend, geht es ihm doch resolut um das Hier und Heute: „Es genügt nicht, mehr Zäune und Sicherheitskameras aufzustellen, damit sich Ereignisse wie die von Halle oder Hanau nicht wiederholen. Es bedarf nicht nur größerer gesellschaftlicher Sicherheit – sondern einer anderen Gesellschaft.“

Diese Einsicht sei aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu gewinnen und die plurale Gesellschaft, in der für alle, die darin leben, Gleichberechtigung und Teilhabe gleichermaßen gelten, zur Grundlage politischen Denkens zu machen. Entsprechend prinzipiell fragt Czollek, welche Vorstellungen wir allgemein von Gesellschaft haben „und davon, wen das überhaupt meint, wer dazugehört zu ihrem Wir“. Das spielt er an etlichen markanten Beispielen facettenreich polemisch durch, etwa an der Rede des Jungkatholiken Philipp Amthor zur 75-jährigen Befreiung von Auschwitz, in der er sagte, „dass Antisemitismus natürlich vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten ist“, von dort angesichts „der Migration“ zu den Sorgen der jüdischen Bevölkerung schwenkte, um darauf an „Migranten“ die Erwartung zu richten, „dass man sich hier an unsere Kultur hält“ – in der für Antisemitismus kein Platz sei. Czollek tobt, nicht nur, weil dies die zahlenmäßig belegte Hauptgefahr durch Rechte ausblendet und er muslimische Freunde hat, sondern vor allem, weil er den mitklingenden Leitkultur-Hintersinn bezeichnend für Unfug hält.

Nicht zuletzt die so gern bemühte „christlich-jüdische Tradition“ führe Behauptungen ad absurdum, Menschen sollten keinesfalls außerhalb einer Leitkultur existieren. Juden hätten stets in Parallelgesellschaften gelebt, und als sie dazu nicht mehr gezwungen waren, habe sie das ja auch nicht gerettet: „Die jüdische Anwesenheit auf dem Gebiet, das heute Deutschland heißt, beweist das Gegenteil – dass man nämlich nicht erst deutsch werden muss, um dazuzugehören. Und ebenso wenig ‚jüdisch-christlich‘. Nein, nein. Zugehörigkeit zur Gesellschaft entsteht nicht durch kulturelle oder religiöse Anpassung, sondern durch Anerkennung.“

Für nichts weniger tritt Czollek hier radikal ein. Mitunter, wenn sprachliche Euphorie ins Schrille kippt, strengt das an – etwa bei der Formel „Wehrhafte Poesie, oder: Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden!“, die auch Kapitelüberschrift, vor allem aber dämlich oder jedenfalls rechthaberischer Gedanken-Slapstick ist und besser unterblieben wäre. Ansonsten aber ist es ein rundum bedenkenswerter Beitrag zur Debatte.

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