Fragen erwünscht

Klartext
Foto: privat

Die Predigthilfe dieses Monats kommt von Traugott Schächtele. Er ist Prälat in Schwetzingen.

 

Vertauschte Rollen

2. Sonntag nach Epiphanias, 17. Januar

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.  (Johannes 2,1–2)

Schon als Kind war dies mein Lieblingswunder: Dass Wasser in Wein verwandelt wird, fand ich besser, als – wie im Märchen vom Rumpelstilzchen – Gold aus Stroh zu spinnen. Denn Gold kam in meinem Leben nicht vor. Wir hatten keines zu Hause gehortet. Aber dass die Erzeugung von Wein mit viel Arbeit verbunden war, das ganze Jahr über, wusste ich schon als Kind. Schließlich wuchs ich in einem Weindorf auf. Und nun setzt Jesus den ganzen Zyklus der Weinerzeugung außer Kraft: kein Schneiden der Reben. Keine Weinlese. Kein Trotten und Ausbauen. Kein Gärenlassen im Keller oder in den großen Tanks der Winzergenossenschaft.

Stattdessen entsteht ein Spitzenprodukt, das den Kellermeister dazu bringt, dem Bräutigam die Leviten zu lesen. Denn wie kann man den besten Wein zum Schluss servieren, wenn ihn niemand mehr würdigen kann? Schließlich dürfte auch bei der Hochzeit in Kana ordentlich gebechert worden sein. Nur bei einer Weinprobe ist es sinnvoll, die beste Flasche erst am Ende zu kredenzen.

Interessant ist an der Geschichte vom Hochzeitsmahl, dass sich Jesus überhaupt einmischt. Denn er spielt in ihr nicht die Rolle, die wir ihm sonst gerne zuschreiben. So betonen wir beim Abendmahl, dass nicht wir, die Kirche, die Gastgeber sind, sondern er ist es. Aber es macht mir Jesus lieb, er kommt mir in seinem Menschsein dadurch nahe, dass er sich auch einmal einladen lässt und – mitfeiert und dabei sicher vom Wein des Gastgebers kostet. Doch unter der Hand vertauschen sich die Rollen. Mit harschen Worten verlässt Jesus die Rolle als Sohn seiner Mutter. Der Gast wird zum Gastgeber. Und Wasser, das man tagaus, tagein trinkt, im Alltag eben, entpuppt sich als Festgetränk des Lebens. Worte, die plötzlich alles in ein anderes Licht tauchen, gesprochen im Namen dieses Jesus – solche Wandelworte sind heute wichtiger denn je.

Gerade Linie

3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. (Ruth 1,1)

Auf den Tag genau einen Monat nach Heiligabend taucht der Ortsname Bethlehem wieder in einem Abschnitt der Bibel auf, der in den Sonntagsgottesdiensten der evangelischen Landeskirchen Deutschlands ausgelegt wird. Nach der Geschichte, die die Flucht Marias und Josephs mit ihrem Kind nach Ägypten erzählt, folgt wieder eine Fluchtgeschichte, die in Bethlehem ihren Ausgang nimmt. Und sie ist viel älter als die Erzählung von der Flucht der Heiligen Familie vor den Schergen des Herodes. In der älteren Fluchtgeschichte ist purer Hunger der Anlass für die Flucht von Elimelech, seiner Frau Noomi und den beiden Söhnen ins benachbarte Moab.

Verfolgung und Hunger sind bis heute Hauptursachen dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Bethlehem heißt auf Deutsch „Haus des Brotes“, aber ein Leben mit genügend Nahrung und in Sicherheit war dort anscheinend schon früher unmöglich und – ist es auch heute. Bethlehem ist immer noch, Gott sei’s geklagt, ein Ort, den Menschen verlassen, weil sie dort nicht sicher leben können.

Wäre die erste Geschichte der Flucht von Bethlehem nach Moab und zurück nicht mit einem Happy End ausgegangen, hätte die Generationenfolge über Ruth und Boas, David und Bathseba, Joseph und Maria nicht nach Bethlehem geführt. Und ohne die Geburt dort, im Stall, draußen vor der Stadt, jenseits aller Herbergsromantik, stünde Bethlehem heute nicht so sehr im Blick der Weltöffentlichkeit.

Gott schreibt auf den krummen Linien unseres Lebens gerade, ob in Bethlehem oder in unzähligen anderen Hotspots der Unmenschlichkeit. Aber vielleicht findet die Geschichte der rettenden Gegenbewegung Gottes hinein in unsere Welt ihren Ausgangspunkt gerade darum in einem Ort wie Bethlehem.

Die zu Herzen gehenden Worte, die Ruth an ihre Schwiegermutter Noomi richtet, lassen sich auch als eine Zusage Gottes verstehen, die Angehörigen aller Generationen gilt: „Wo ihr hingeht, da will ich mit euch gehen!“ Auch ein Monat nach Weihnachten ist dieser Satz noch aktuell.

 

Gottes Gesicht

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. (2. Petrus 1,16)

Als Kirche sind wir eine Erzählgemeinschaft. Hätten wir nicht Geschichten, die aufrütteln und zu Herzen gehen, Einsichten offenlegen und Mut machen, würden wir niemanden dafür gewinnen, im Vertrauen auf Gott noch einmal neu auf das Leben und die Welt zu blicken. Es sind Geschichten, die die Kluft überbrücken zwischen den Ereignissen damals und unserem Leben. Doch wo Geschichten Menschen und den Lauf der Dinge prägen, braucht es klare Kriterien für Unterscheidung und Bewertung. Ausgeklügelte Fabeln, wie der Briefschreiber sie nennt, mögen einen hohen Unterhaltungswert haben. Aber von ihnen kann man nicht leben. Es sind – in heutiger Sprache – Fake News, die nur das Ziel verfolgen, Menschen zu verwirren und sie für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Eine wahre Geschichte erkennt man dagegen daran, dass ich meine Lebensgeschichte in sie hineinschreiben oder in ihr entdecken kann.

Der Verfasser des Petrusbriefes birgt sich in der Autorität des Petrus und macht sich dessen Bekenntnis zu eigen: Jesus ist keine kreativ ersonnene Kunstfigur. Aus den Geschichten, die sich Menschen von ihm erzählen, lässt sich vielmehr heraushören: In Jesus hat Gott sein Gesicht gezeigt.

Damals wie heute erweisen sich diese Geschichten als wahr, weil ich mich in dem Geschehen entdecken kann, von dem sie erzählen, und mit eigenen Augen sehe, dass sich die Machtverhältnisse längst verkehrt haben: Die kleinen oder großen Despoten dieser Welt haben nicht länger das Sagen.

 

Anregende Skeptiker

Sonntag Sexagesimä, 7. Februar

Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. (Lukas 8,12)

Die Deutung des Gleichnisses vom Sämann (Lukas 8,11–15), dem dieser Vers entnommen ist, ähnelt einer soziologischen Studie über die Kirchenmitgliedschaft, die Aussagen über Intensität und Dauer der Kirchenbindung macht. Da gibt es Skeptiker, Randsiedler und die Hochverbundenen, die der Kirche die Treue halten. Ohne diese Mitglieder wären die Landeskirchen in Deutschland längst zu einer vernachlässigbaren Minderheit geschrumpft.

In der Kirche gibt es die Feurigen, deren Eifer erlischt, sobald die Zugehörigkeit etwas kostet – finanziell oder in Form von Engagement. Es gibt Gäste auf Zeit, die ein Leben lang suchen und sich mal hier und mal dort niederlassen. Und es gibt die Skeptiker, die immer neue Fragen aufwerfen, statt sich mit traditionellen Antworten zufriedenzugeben.

Ihnen fühle ich mich besonders verbunden. Im Gespräch mit ihnen übe ich, meinen eigenen Glauben in Worte zu fassen, alles zu prüfen, neu durchzubuchstabieren.

Den Christen im Umfeld des Lukas mag das ewige Fragen noch als Werk des Teufels erschienen sein. Schließlich war das Gebilde der gerade entstehenden Kirche höchst fragil. Konsolidierung, so dachte man womöglich, braucht Überzeugungstäter.

Heute scheint mir anderes vonnöten. Wenn wir nur mit dem argumentieren, was den Altvorderen über die Runden ihres Lebens geholfen hat, gehen uns womöglich diejenigen verloren, auf die die Kirche von morgen nicht verzichten kann. Den Teufel sehe ich hier jedenfalls nicht am Werk. Womöglich kommt uns der Herr der Kirche nur überraschend anders entgegen.

Wichtiger Austausch

Sonntag Estomihi, 14. Februar

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jesaja 58,7)

Dieses Jahr faste ich nicht“, sagte mir eine junge Frau, „ich übe seit einem Jahr Verzicht!“ Und ich verstehe sie: Denn seit elf Monaten bestimmen staatliche Verordnungen unser Leben. Vieles, was selbstverständlich war und das Leben bereicherte, ist schon über Monate ausgesetzt. Immerhin nur auf Zeit. Gott sei Dank. Denn am Ende des Tunnels leuchtet, wenn ich richtig sehe, ein Silberstreif. Aber in den Wochen zwischen Aschermittwoch und Karfreitag, in der Fastenzeit, müssen wir freilich noch einmal den Realitäten Tribut zollen. Doch der Verzicht auf direkten Kontakt zu Mitmenschen, auf Nähe, macht noch kein Fasten aus. Genauso wenig wie die großen Bußfeiern nach dem Ende des Exils, von denen der heutige Predigtabschnitt erzählt.

Eine uns auferlegte Reduktion von vielem Liebgewordenem mag seinen Sinn haben. Aber Fasten meint etwas anderes. Denn dabei geht es um ein zutiefst aktives Handeln. Mein Weniger muss zum Mehrwert für die werden, die nichts haben, auf der südlichen Erdhalbkugel wie im benachbarten Stadtteil.

Der Prophet ätzt mit Worten, die an Deutlichkeit nichts fehlen lassen. Mein Fasten darf nicht nur mir guttun. Keine Frage, auch Selbstsorge ist sinnvoll und hat ihr gutes Recht. Aber Fasten meint einen lebensdienlichen Austausch im Organismus des Leibes Christi. Was ich – und sei’s auch noch so schmerzlich – entbehre, kommt dann den Lebensmöglichkeiten der bedürftigen Nächsten zugute. Und trotzdem gehe ich nicht leer aus. Denn gelebte Gerechtigkeit ist ansteckender als jedes Virus. Und am Ende füllt Gott wieder, was wir aufgeben.

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