Zwischen „lost“ und „Wir schaffen das!“

Wider Fatalismus und Trägheit in Corona-Zeiten – eine kleine Generationenstudie
Foto: privat

Klare Ansage! Unser Online-Kolumnist Philipp Greifenstein nimmt in anschwellenden pandemischen Zeiten die ältere Generation aufs Korn. Tenor: Wir sollen etwas tun, statt „gut versorgt der Pensionsgrenze entgegenschlummern“ und dabei auf den vorgeblichen „individualistischen Hedonismus“ der Jugend zu schimpfen …

Das Jugendwort des Jahres ist „lost“. Gemeint ist damit, sich verloren, hilf- oder ahnungslos zu fühlen. In der Oktoberausgabe dieses Magazins unternimmt derweil Petra Bahr den Versuch einen „frommen Fatalismus“ zu rehabilitieren. Und die Kanzlerin beweist abermals ihr Gespür für die untergründig mäandernden Strömungen in unserer Gesellschaft, wenn sie auf der Pressekonferenz nach dem jüngsten Corona-Gipfel mahnt: "Wir müssen uns dem Virus nicht ergeben, wir können gegen dieses Virus ankämpfen."

Zahlreich sind in den vergangenen Tagen die Mahnungen an die „jungen Menschen“, sich doch am Riemen zu reißen. Derweil zeigen konkrete Nachfragen bei den Gesundheitsämtern, dass am neuerlichen Aufflammen des Coronavirus weniger die tiefnächtlichen Feierrunden auf den Grünflächen schuld sind, sondern häufiger Reiserückkehrer und Familienfeiern. Unsere Verantwortung für die Eindämmung der Pandemie ist unteilbar.

Ohnehin ist es nicht besonders klug, Wohl und Wehe einer Gesellschaft an das Wohlverhalten der Jugend zu hängen. Es sind – daran möchte ich Sie, werte zeitzeichen-Leser:innenschaft erinnern – stets die Alten und Weisen, die ihre Lebenserfahrung und Ressourcen in den Fortbestand der Gruppe investieren müssen. So war das schon immer und so wird es immer bleiben.

Der Hedonismus unsrer Zeit

Statt eines „frommen Fatalismus“ diagnostizieren der Volksmund und das Feuilleton der Jugend von heute einen „individualistischen Hedonismus“. Das passt nur augenscheinlich nicht mit #FridaysForFuture zusammen, denn jeder Aktivismus braucht eine ordentliche Prise Weltverachtung. Das ist 2020 nicht anders, als es in den 1960er-Jahren war. Aber das Vorurteil geht an den Erkenntnissen der Jugendforschung vorbei, die immer wieder aufs Neue zeigt, dass die Jugendlichen von heute erstaunlich konservativ ticken.

Familien und Freundschaft werden von ihnen beharrlich als besonders zentral für ihre Lebensgestaltung angeführt, Werte wie Treue und Toleranz stehen hoch im Kurs. Und auch #FridaysForFuture liegt mindestens ebenso so stark wie das Moment des Greenpeace-Revoluzzertums eine durchaus konservative Liebe zur Natur zu Grunde: Bewahrung der Schöpfung ist „in“. Bei manchen Akteur:innen kippt das dringend benötigte Engagement für den Klimaschutz auch mal in eine reaktionäre Geisteshaltung, die andere gesellschaftliche Notwendigkeiten (Arbeitsplätze, Individualverkehr, et cetera) leichtfertig außer Acht lässt. Ein Privileg der Jugend!

Leider machen es sich auch viele Erwachsene und unter ihnen die älteren und weiseren in einem solch unfrommen Fatalismus bequem. Sie wollen die Welt brennen sehen, oder nehmen die Brände unserer Zeit jedenfalls als Gültigkeitsnachweis dessen, was sie schon immer wussten (und beständig zur Kenntnis geben). Sie kennen diesen Typ Gegenwartsverweigerer auch in den Kirchen: Leute, die den ganzen Laden schon aufgegeben haben und gut versorgt der Pensionsgrenze entgegenschlummern. Leute, die in Abbruchfantasien schwelgen. Zum Beispiel jene, die die Kirchensteuer am liebsten heute und nicht morgen abschaffen wollen, ganz egal, ob das zu Massenentlassungen bei den Kirchen führen würde oder nicht. Leute, die ihren hartgesottenen Zynismus im Angesicht des lieben „Relevanzverlustes“ im Allgemeinen und des Reformstaus im Besonderen mit einem besonders protestantisch-abgeklärten Realismus verwechseln. Wer sind hier eigentlich die Hedonisten?

Die Jugend hat ein Wort für einen Zustand, den wir alle in diesem Jahr kennengelernt haben. Selbst die Reichen und multiperspektivisch Vermögenden spüren während der Pandemie, dass es ohne die Anderen doch nicht geht. Wir sind auf die Rücksicht und Solidarität anderer Menschen angewiesen, auch wenn wir beharrlich versuchen, uns da raus zu kaufen. Und wir können auf die Anderen vertrauen! Doch, glauben Sie mir! Daran festzuhalten, gelingt Menschen leichter, wenn sie es bereits erlebt haben. Das ist der Nexus von Glaube, Liebe, Hoffnung, den Paulus, der Heidenapostel, meinte. Mit der Liebe, dem ersten Schritt solidarischen Handelns fängt es an.

Potter, Sisyphos, Arendt

Harry Potter findet sich, nachdem er sich mutig dem Tod gestellt hat, in einer Zwischenwelt wieder, dem Limbo. Er ist maximal lost. Für ihn nimmt dieser „Ort“ die Gestalt des Bahnhofs King’s Cross an, von wo aus der Hogwarts-Express ihn immer wieder aufs Neue in die Welt der Magie befördert hat. Er ist am Ende seiner Reise angekommen. Dort trifft er auf ein Abbild seines zwischenzeitlich verstorbenen Schulleiters und Mentors Albus Dumbledore, der ihm schlussendlich die Wahl lässt: Soll er „weiter gehen“ oder zurückkehren unter die Lebendigen und sein Werk zu Ende bringen?

Harry entscheidet sich dafür, nicht in den nächsten Zug zu steigen, sondern zu seinen Freunden zurückzukehren und mit ihnen gemeinsam zu kämpfen. Durch sein Opfer legt er einen magischen Segen auf die Kämpfer:innen, denen zum Schluss wenigstens der temporäre Sieg über das Böse gelingt. „All was well“. Nun, in der Welt wird nicht alles gut. Doch ist die religiöse Semantik dieses zentralen Kapitels der Potter-Saga doch spannend: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ (Lukas 9,23).

Sie haben es nicht so mit zeitgenössischen Coming-of-Age-Romanen? Dann nehmen Sie stattdessen Ihren Band mit griechischen Mythen zur Hand: Was, glauben Sie, war für Sisyphos der beschissenste Moment?

Was die Corona-Pandemie angeht, ist der Stein uns wieder auf die Füße gefallen. Bevor wir einen neuen Anlauf unternehmen und den Brocken bergan schieben, müssen – so scheint’s – einige erst einmal durchatmen, Urlaub machen oder sich im Stadtpark ein paar Mollen hinter die Binde kippen. Jedem seine Vita contemplativa! Aber man kann ja nicht ewig im Garten Gethsemane bleiben. Irgendwann wird man abgeholt, fährt der Zug ab, muss man den Aufstieg antreten.

Also, liebe zeitzeichen-Leser:innen, stellen Sie neben Ihre Luther-Devotionalien eine Hannah-Arendt-Reliquie! Würzen Sie das „Mit unsrer Macht ist nichts getan“ mit einer Prise Vita activa[1]. Die Kanzlerin hat Recht: "Wir müssen uns dem Virus nicht ergeben, wir können gegen dieses Virus ankämpfen." Wir sind den Widerlichkeiten des Lebens nie vollständig ausgeliefert, sondern können uns erhobenen Hauptes wehren. Wir schaffen das!

 

[1] So der Titel des philosophischen Hauptwerkes von Hannah Arendt, das zunächst 1958 in den USA unter dem Titel The Human Condition veröffentlicht und 1960 auf Deutsch, von der Autorin selbst übersetzt, unter dem Titel Vita Activa oder Vom tätigen Leben.

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