Das letzte Wort

Noch ein Text über Kasualagenturen. Nur noch einer. Und dann...
Foto: Christian Lademann

Karla hat ihr sexy goldenes Nachthemd angezogen. Die Wohnung noch voll mit Luftschlagen und halb leergetrunkenen Gläsern von der Party. Silberhochzeit von Karla und Stephan. Sie geht in die Küche, um ihren Mann ins Schlafzimmer zu entführen, und findet ihn mit dem Kopf auf dem Tisch. Aneurysma. Er war in Sekundenschnelle tot. Dann all die Gefühle: Mit den Kindern weinen, streiten, plötzlich lachen, wieder weinen...

Es kommt der Tag der Beerdigung und die Feier ist dröge. Karla hält das nicht mehr aus, stürmt nach vorne, fasst mit zitternden Händen auf die Urne und singt ihrem Mann die letzte Strophe des Liedes, das sie ihm zur Silberhochzeit gedichtet hat. „Ich weiß, dass Du an Deinen Socken riechst und beim Scheißen die Brigitte liest.... lass mich nie allein!“ Und plötzlich ist alles da: Tränen und Lächeln und all die Geschichten.

Karla beschließt Trauerrednerin zu werden. Sie will es besser machen als andere. Irgendwie näher bei den Menschen. Und das gelingt hier. Oft unkonventionell, aber immer authentisch, manchmal so, dass man als seelsorglich Geschulte drei Mal schluckt, aber dennoch immer so, dass Gefühle frei werden. Wilde Tanzeinlagen auf dem Friedhof, Töchter, die ihrer Mutter post mortem endlich all die Ungerechtigkeiten an den Kopf werfen können...

Es ist geballte Kasualtheorie in leicht verdaulich, was uns Netflix in der Serie „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke in der Hauptrolle serviert. Doch es gibt eine bittere Pille. Die Kirche kommt nicht vor. Da hätte doch wenigstens ein vertrottelter alter Pfarrer mit debilem Lächeln auftauchen können, der laufend Psalm 23 rezitiert. Wenigstens noch Kirche als Karikatur. Aber nichts. Wobei - halt. Nichts stimmt nicht. Im Vorspann sieht man kurz zwischen Särgen und Krematorium eine staubige Bibel und ein altes Kreuz zu Boden fallen. Nur diese toten, ausrangierten Symbole bleiben als letzte Referenz auf Kirche inmitten eines Themas, das nach ihrem Selbstverständnis zum Herzstück kirchlichen Handelns gehört.

Wir sind als Kirche auf dem Weg dahin bei dem Thema Kasualien in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch assoziiert zu werden. Das lehrt uns die Serie und das ist bitter. So mancher kirchlich Aktiver ist doch gerade erst noch dabei überhaupt den Schock zu verdauen, dass wir mittlerweile in einer Marktlogik als ein Player unter Vielen im Bereich der Kasualien agieren. Aber es bleibt keine Zeit, die Wunden zu lecken, denn es klopft bereits eine ganz andere Wirklichkeit an, innerhalb derer wir noch nicht mal mehr mit am Tisch sitzen. „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke gibt uns einen eindrücklichen Vorgeschmack darauf.

Vor dem Hintergrund der Serie erscheint die Debatte um Kasualagenturen in den vergangenen Monaten irritierend. Neue gesellschaftliche Kontaktflächen im Bereich der Kasualien zu schaffen, ist dringend notwendig, damit wir als Kirche sichtbar bleiben in diesem Arbeitsfeld und damit Menschen niedrigschwellige Zugänge zu kirchlicher Begleitung ermöglicht werden. Dabei geht es ja nicht um Parallelstrukturen zum derzeitigen Kasualhandeln, sondern um Orte der Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit.

All denjenigen, die darin eine Abwertung pfarramtlicher Arbeit wittern, sei gesagt: Ja, ihr macht Vieles gut, sorgsam und liebevoll in diesem Bereich. Aber wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der sich selbst das qualitativ Hochwertige inszenieren muss, um sichtbar zu sein. Deshalb ist es gut, dass Emilia Handke und andere die Idee der Kasualagenturen einbringen und dass kluge Kirchenleitungen sich von dieser Idee bewegen lassen.

Ob das funktioniert? Wer weiß? Die Wirtschaftsökonomie lehrt uns, dass Innovationen, die sicher sind, gar keine sind. Deshalb mutig probieren, so lange noch Spielräume da sind. Sauber evaluieren, klüger werden, vielleicht fallen, dann aufstehen, Krönchen richten und weitermachen. Die Argumente und Befindlichkeiten sind ausgetauscht. Jetzt ist keine Zeit mehr für Texte über Kasualagenturen. Dieser eine hier, der geht gerade noch. Das letzte Wort. Und nun: Machen!

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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