Deutsche Einheit vor der Tür

Punktum
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„Es kann so einfach sein.“ Der unlängst vorgestellte Werbeslogan beschreibt mein Bundesland Brandenburg recht schlicht. Hätten seine Verfasser geahnt, was heute auf meinem Radweg zum Brötchenholen los ist, sie hätten wohl noch einmal brainstormen müssen.

In der Landeshauptstadt (Slogan: „Potsdam. Einzigartig. L(i)ebenswert.“) wird dreißig Tage lang der dreißigste Tag der deutschen Einheit gefeiert. Slogan: „Deutschland ist eins: vieles.“ Unübersehbar in der Landschaft stehen jetzt die schwarzrotgoldenen Herzen mit einer „30“ als nationale Schmusekissen. Aber damit nicht genug.

Ich lebe jetzt inmitten einer „EinheitsEXPO“ – tatsächlich, das ist der offizielle Titel. Auf einem Lageplan ist von EXPO- Towern und EXPOnaten die Rede. Mein Radweg wird also flankiert von interaktiven Medienstationen, flackernden Leuchtpylonen, himmelhohen Laserfingern und vor allem: den Cubes – vulgo in der Backfiliale: „Kjuups“. Denn 18 Bundesländer feiern ihre föderale Einheit in Corona-Zeiten kubistisch, hygienisch, gut. Keine Grüne Woche der Geselligkeit, stattdessen Infotainment-Container in Selbstbedienung. Ihre armdicken Stromversorgungskabel queren das  Potsdamer Kopfsteinpflaster, Plastikrollbrücken sollen sie barrierefrei machen. Doch bei jeder Überfahrung bleibt mir  nachhaltig ein holpriges Bundesland in Erinnerung.

Mein erschwerter Weg zur Einheit führt entlang dem früheren Verlauf der Stadtmauer. Das Nauener Stadttor ist für mich blockiert von einer dichtgedrängten asiatischen Smartphone-Gruppe. Danach, am Jägertor, schaut mir aus ihrem Video-Cube eine maskierte Muslima in die Augen. Durch das Brandenburger Tor endlich fällt mein Blick auf den Multimedia-Container des Bundespräsidenten, zwischen der Verkabelung erhasche ich noch ein „Wir miteinander“. Etwas weiter manifestiert sich der Spruch in drei übermenschlich großen Lettern WIR in den Nationalfarben. Der Selfie-Point ist mit einer gefühlt doppelten Busladung umlagert und muss von mir weiträumig umradelt werden.

In Gedanken dazu unterbricht mich ein schwäbelnder Tourist. „Saget Sie bitte, was ischt in dem riesige Cube am Bahnhof, wo das ‚Blue‘ draufsteht?“ „Der“, sage ich, „das ist nur unser Schwimmbad.“ In Potsdam auch „Wasserkasten“ genannt.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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