Gescheitert

Der Mächtigste seiner Zeit

Zur Erinnerung: Karl V. war jener Kaiser, vor dem Martin Luther auf dem Reichstag von Worms 1521 auftrat.

Der Kaiser war damals jung, einundzwanzig Jahre alt. Siebzehn Jahre jünger als der fromme Mönch Luther, der sich vorgenommen hatte, die „allumfassende“ („katholische“) Kirche zu reformieren. Auch der junge Mann auf dem Thron war fromm, er neigte zum Reformkatholizismus, aber andererseits: Für ihn waren der Kaiser – er selbst – und der Papst die tragenden Säulen der Welt. An ihnen zu rütteln, war für ihn ein Sakrileg, und also sollte ihn lebenslang der Konflikt um die Reformation der Kirche begleiten. Er hoffte, sie durch ein Konzil zu erreichen, doch das verhinderte mal der Papst, mal der französische König, und als es 1545 zum Konzil von Trient kam (vorher gab es schon ein ziemlich verunglücktes in Mantua) war es zu spät, es währte dann 18 Jahre lang und endete in der Gegenreformation.

Dabei war Karl jemand, der seine Aufgabe ernst nahm. Als junger Mann war er schüchtern und verschlossen – zumindest Letzteres blieb er zeitlebens –, zugleich aber von einem geradezu unerschütterlichen Majestätsbewusstsein, zutiefst überzeugt von seinem Gottesgnadentum. 1521 war er nicht nur Kaiser des Römischen Reiches und Herzog von Burgund, sondern auch erster König von Gesamtspanien. In seinem Reich ging „die Sonne nicht unter“ – immer größere Teile der „Neuen Welt“ wurden von den spanischen Konquistadoren unterjocht. Er wurde zum mächtigsten Herrscher seiner Zeit. Aber das hieß keineswegs unumschränkte Willkür, wie sie die Diktatoren des Zwanzigsten Jahrhunderts ausübten. Überall galt es, auf traditionelle Rechte, auf Stimmungen und Empfindlichkeiten zu achten.

Heinz Schilling, emeritierter Professor der Berliner Humboldt-Universität, sieht in Karl und in Luther, dem Kaiser und dem Reformator, die großen Gegenspieler des Jahrhunderts. Ein „Spiel“, in dem es keinen Sieger gab. Weder gelang es Luther, die Kirche als Einheit zu reformieren, noch Karl, die Einheit der Kirche auf friedlichem Wege zu wahren. Wenn es hart auf hart kam, griff auch er zur ultima ratio, der Gewalt.

Die Liste der von ihm geführten Kriege ist lang: Immer wieder gegen Frankreich, dessen König alles tat, um die „Einkreisung“ durch die Habsburger zu sprengen. Gegen den Papst (Clemens VII.), der seine Bündnisse nach Opportunität wechselte. Immer wieder gegen die Türken, die 1529 sogar Wien belagerten. Und gegen die protestantischen Fürsten und ihren „Schmalkaldischen Bund“, Karl schlug sie bei Mühlberg 1547.

Danach sah es so aus, als stünde er davor, wenigstens die Überwindung der reformatorischen Kräfte zu erreichen. Doch wenige Jahre später war alles wieder zerfallen, das „Reich“ folgte ihm nicht mehr, die Fürsten inszenierten einen Aufstand. Schließlich musste Karl sich mit dem Augsburger Religionsfrieden abfinden, in dem der lutherischen Konfession Gleichberechtigung zugestanden wurde. Das war 1555, ein Jahr später dankte er ab und zog sich in ein Haus an der Kirche des Klosters Yuste bei Madrid zurück, 1558 starb er.

Es gibt Fehler, die sich erst post festum als solche erweisen. Karls Fehler lag in seiner Hoffnung, das alte mittelalterliche Gebäude der zwei Säulen retten und zum Träger des Neuen machen zu können. Darin hat er sich getäuscht. Und auch seinem Riesenreich konnte er keine Dauer verleihen. Am Ende ist er auf ganzer Linie gescheitert. Auf diesen Grundton ist Heinz Schillings große und schwungvolle Schilderung gestimmt: „Der Kaiser, dem die Welt zerbrach.“ Aber natürlich ging es weiter mit der Welt, die „Neuzeit“ war auf dem Wege. Friedlicher wurde es nicht.

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