Mutig und akribisch

Die Kirche und die Stasi

Dreißig Jahre nach der Friedlichen Revolution 1989, die in Mauerfall und Grenzöffnung gipfelte, hat der Autor Edmund Käbisch, früherer Pfarrer am Dom zu Zwickau, ein gewichtiges Buch vorgelegt. Inhaltlich hat der Leser mit Scharfem, Bitterem, Schockierendem, Traurigem zu kämpfen, sogar mit Giftigem im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn.

1992 fing Edmund Käbisch an, in seinen Stasiakten des Ministeriums für Staatssicherheit zu lesen, mit Herzklopfen und Erschrecken. Und er bekam bis heute nicht alles zu sehen, was er wollte. Verständlich, wenn man weiß, dass die Stasi damals auch Dokumente vernichtete.

Der Autor hat sehr viel erforscht und akribisch zusammengestellt, dass Leserinnen und Leser nur staunen. Aber das war nur die Grundlage für seine weiteren Aktionen: Er hat mutig versucht, mit über fünfzig Stasi-Mitarbeitern, Offizieren und Inoffiziellen Mitarbeitern (IM), die auf ihn angesetzt waren, Kontakt aufzunehmen, was mit den meisten seltsamerweise auch gelang. So hat er viele Gespräche geführt, mit manchen sogar mehrere. Seine Protokolle bilden den Hauptteil des Buches.

Manches kann man kaum glauben, etwa dass ein Stasi-Offizier sagte: „Der Beitrag des MfS sei es gewesen, geschickt Einfluss sowohl auf sämtliche staatliche Organe als auch auf die Kirchen auszuüben und so die friedliche Wende zu ermöglichen.“ Anderes schon: „Er könne sich nicht mehr erinnern … Und wenn er etwas wisse, dann verbiete ihm sein Berufsethos, etwas zu sagen, er müsse stattdessen Stillschweigen bewahren.“

Die Frage, ob es Stasi-Mitarbeiter gegeben hat, die sich nach der Wende Vorwürfe gemacht, Scham und Reue empfunden haben oder gar um Verzeihung gebeten oder sich zu „Wendehälsen“ gewandelt haben, also sich nur äußerlich geändert haben, aber innerlich bei ihrer Überzeugung geblieben sind, wird vom Autor beantwortet.

Nicht nur für Kirchenleute, sondern generell war es undemokratisch und gemein, speziell die Kirche zu bekämpfen und Religionsausübung möglichst zu unterbinden. Die Kirche wurde von Partei und Stasi als „politisch-operativer Schwerpunktbereich“ bezeichnet. Der Autor Edmund Käbisch beschreibt etliche Beispiele.

Das Buch ist keine Bettlektüre, aber es ist ein beachtliches Buch über einen schwierigen Abschnitt deutscher Geschichte. Hilfreich und gut sind am Ende insbesondere das Resümee des Autors, das Nachwort der emeritierten Theologieprofessorin Gisela Kittel, der Abschnitt „Abkürzungen und Glossar“ sowie eine „Übersicht über die staatlichen Akteure der Kirchenbearbeitung“.

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