Every Feeling

Ezra Furman: Sex Education OST

Allen Verschwörungsgespinsten zum Trotz können wir uns sicher sein, dass der historische Jesus ein Jude war. Der 34-jährige Singer-/Songwriter Ezra Furman indes, selbst religiöser Jude, weshalb er am Schabbat auch nicht auftritt, würde das nie betonen. Ihm ist wichtig, dass jeder sein kann, wer er ist, und wir uns mit Respekt behandeln. Furman ist Transmensch, bildschön übrigens, Crossdresser, lebt bisexuell und akzeptiert weibliche wie männliche Pronomen. Wer ihm und seiner zwischen Indie-Folk und Psychedelic angesiedelter Musik begegnet, kann kaum anders, als begeistert zu sein. LGBT kommt hier diesseits dogmatischer Querelen wie jüngst etwa um Joanne K. Rowling daher, was guttut, ihn allerdings angreifbar macht. Die Welt ist nun mal nicht so. Wer Anstand hat, wird sich also solidarisieren. Grund zu danken gibt es zudem. Glücksfall oder Co-Genialität sei dahingestellt, die Macher der britischen Netflix-Serie Sex Education jedenfalls baten ihn um Musik zu ihrer empfehlenswerten Teenager-Erweckungsserie und hätten niemand besseren finden können. Und wir halten mit dem Sex Education Original Soundtrack (OST) nun quasi eine Best-of-CD in Händen: 15 funkelnde Songs (die digitale Version bietet 19), von denen er Every Feeling eigens dafür geschrieben hat, so ähnlich wie Bob Dylan einst Knockin’ On Heaven’s Door für den knallharten Western Pat Garrett jagt Billy The Kid. So ist er denn auch inszeniert. Furman singt getragen mit leicht krächziger Stimme zu akustischer Gitarre und spärlichem Bass, dazu dann der Frauenchor: „I‘m gonna feel every feeling in the book tonight/Fuck the hurt/Fuck the pain/Fuck the panic/Fuck the hate/I wanna feel every feeling in the book tonight/And only love/Only love and happiness will remain.“ Gänsehaut-Garantie.

Furman brilliert wie auch sonst als Melancholie-Experte, Spaß am so oft schmerzhaften Leben kommt aber beileibe nie zu kurz. Er schätzt den Witz, und vermutlich darum kennt er ihn auch, in der Musik wie in den Lyrics: „You know I Love You so Bad/I Don’t Believe in Love.“ Auf Every Feeling folgt Dr. Jekyll & Mr. Hyde mit Nick-Drake-Einstieg, dann kippt es in warmen Klezmer-Offbeat mit Schiffssirenen-Saxophon von Tim Sandusky, mit dem er nun schon lange, auch als Produzent, zusammenarbeitet. Und erst seine Stimme. Doch wie gesagt, der Witz: My Zero (so viel wie „Mein Gefrierpunkt“) über gekonntes Verfehlen, das auf das Baudelaire-Gedicht „A une passante/An eine, die vorüberging“ anspielt, kommt so erschütternd fröhlich daher, dass es genüsslich fröstelt. Up tempo, groovy, hupendes Saxophon. Und dann im Doo-Wop-Style ausgelassen lüstern, scheppernd, schmeichelnd (My) Body Was Made (this particular way), zu dem das Video empfohlen sei. Arglos, unverstellt, real, verletzlich, tastend, laut, zart, wie es großartiger Pop sein kann. Und sowieso ist Identität für alle, die wir mögen, ein ernster und letztlich letaler Prozess. Ezra Furman macht ihn als Fest kenntlich. Danke.

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