Vom Umräumen der Offenbarung

„Komm! Ins Offene, Freund!“ – Es gibt unterschiedliche Räume der Gottesbegegnung. Keine Angst?
Foto: privat

Eine Weite, ein Weg, ein geschlossener Raum. Drei Grundmomente menschlicher Raumwahrnehmung und: drei Möglichkeiten, eine Gottesbegegnung zu verorten. Lässt sich Offenbarung verorten? Oder: In welcher Weise verortet Offenbarung den Menschen? Und wie wird durch sie die Raumwahrnehmung umgeräumt? Um mögliche Orte aufzusuchen, seien drei biblische Erzählungen anberaumt, die vom Erfassen des Unfassbaren berichten: In der Weite begegnet der Prophet Ezechiel der Herrlichkeit Jhwhs (3,22–27), auf dem Weg ringt Jakob mit Gott (Genesis 32,22–33), im verschlossenen Raum erscheint der Auferstandene den Jüngern (Johannes 20,19–23).

Das Weite

„Geh raus!“, sagt Gott zu Ezechiel. Ezechiel geht ins Tal. Da steht Gottes Herrlichkeit vor ihm.

Man lebt gemütlich in seiner Komfortzone, doch jäh zieht es einen hinaus. Der Horizont wird erweitert, und das nicht aus Eigeninitiative. Gott ist es, der herausruft, sich zu erkennen gibt. Der Christenmensch, noch verfangen in seinem „wesentlichen Ungestelltsein“ (Christine Axt-Piscalar), kann nur deshalb frei hinausgehen, weil Christus in sein inneres Wohnzimmer einzieht, wenn er am Kreuz stirbt. Er entrümpelt das Innere des Menschen, indem er es selbst mit hinab nimmt ins Grab. Und überwindet. Ezechiel verfällt ins Anbeten, will Hütten bauen, den Augenblick verweilen lassen. Aber Gott bringt ihn zurück nach Hause, wo er stumm auf einen neuen Auftrag warten soll. Wie nett.

Doch: Die Rückkehr ins Vertraute ist progressiv veranlagt, hat man doch nun einen wohlwollenden Mitbewohner, der einen gnädig auf Vergangenes blicken lehrt. Die Rückwendung versöhnt mit Gewesenem und befreit für das Kommende, in dem das Erlebte erzählt werden will. Als wesentliches In-die-Welt-Gestellt-Sein des versöhnten Ichs provoziert die Gottesbegegnung die heilsame Begegnung mit anderen Menschen.

Das Verwegene

Jakob wappnet sich für die Begegnung mit seinem Bruder. Mit ihm will er sich versöhnen. Doch ängstlich ist er, war er doch vor dessen Mordslust geflohen. Unterwegs wird Jakobs Vorhaben durch die Kampfeslust eines anderen unterbrochen. Im Kampf mit Gott erfährt Jakob leiblich den inneren Kampf mit seinem Bruder. Das Um-Beziehung-Ringen ist die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Fluide sind Raum und Zeit (Jakob ist nachts an einem Fluss) – für Buber die Form von Gegenwärtigkeit, in der wahrhafte Begegnung als Gegenüberstellung geschieht. Nicht Wissen wird vermittelt, sondern eine grundlegende Umstellung in der Weltwahrnehmung, eine Lebendigkeit in Beziehungen. Jakob verbleibt verwundet und mit einem neuen Namen.

Das Verschlossene

„Aus Angst vor den Juden“ haben die Jünger sich eingeschlossen. Freiwilliges social distancing, physisch und emotional. Enttäuscht sind die Jünger über den Tod ihres Freundes, Jesus – da steht er plötzlich vor ihnen. Beatmet sie, die in ihrer Verschlossenheit knapp dem Tode entronnen sind.

Und dann wieder: der Auftrag, von dieser lebensschöpferischen Begegnung weiterzuerzählen. Der auferstandene Christus tritt ein, wann und wie es ihm passt, menschliche Begrenzungen gibt es nicht. Der Verschlossenheit eines Menschen setzt er den Lebensatem, sich selbst, entgegen.

Ver-, Um-, Zustellung

Drei Parallelen weisen diese drei Momente der Raumwahrnehmung auf. Der Gottesbegegnung ist die Angst vorangestellt. Die Personen finden sich verstellt in sich selbst und ihrer Umwelt; sie können sich selbst und dieser nicht frei begegnen. In der sich ereignenden Umstellung finden die Personen sich im Gegenüber zu Gott inneren und äußeren Begrenzungen enthoben. In der bekanntlich erschöpfenden Zeitumstellung werden sie schmerzhaft mit Gewesenem konfrontiert, mit dem die Gegenwart Gottes versöhnt. So kann Kommendes froh erwartet werden. Das Umräumen betrifft Körper und Geist des Menschen, ist ein immer wieder neues Austarieren von Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott – dank der Begleitung Gottes ein heilsames Unterfangen. Die Nachricht, die der versöhnte Mensch nun zustellen will, ist das ihm widerfahrene Lebens-Ja. Verschweigen bedeutete den Tod. Die christliche Existenz ruft der ihr zugestellten Welt zu: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2 Korinther 5,20). Oder mit Hölderlin: „Darum hoff ich sogar, es werde … mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen, und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.“

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Marie-Christin Janssen, geboren 1997 in Elmshorn, studierte Evangelische Theologie in Tübingen und Göttingen. Jenseits davon lässt sie ihren Horizont gerne in Theaterräumen oder in Gesprächen mit ihrem Bruder erweitern.

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