Trost- und Siegeslieder!

Heiko Herrmann und der Satan im Gesangbuch
Heiko Herrmann
Foto: Thomas Kretschel

Der Leipziger Theologe Heiko Herrmann hat sich für seine Dissertation alle Lieder im Evangelischen Gesangbuch  angeschaut, in denen der Teufel vorkommt, und machte dabei sehr beglückende Entdeckungen.

Als ich zum ersten Mal bewusst eine Kirche von innen sah, war ich vielleicht zwölf Jahre alt, denn ich wuchs in einer konfessionslosen Familie im entkirchlichten Mecklenburg auf. Als Jugendlicher genügten mir die säkularen Antworten auf meine Fragen des Lebens nicht mehr. Natürlich, man kann einen guten, sicheren Job haben, man kann etwas ansparen, kann Versicherungen abschließen. Aber das war mir zu wenig, und ich habe angefangen, mich mit Religion und Philosophie zu beschäftigen und kam zu der rein rationalen Einsicht, dass das Christentum sinnvoll sein könnte – Glaube war das noch nicht.

Dann entdeckte ich eine Bibel im Schrank, fing an, darin zu lesen und wurde sukzessive in ihren Bann gezogen. Viele Sätze forderten mich heraus. Zum Beispiel diese aus dem Johannesevangelium: „Wen der Sohn Gottes frei macht, der ist wirklich frei“, oder „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht“. Das ist eine Erfahrung, die man sogar machen kann, ohne religiös zu sein: Fehler, die man begangen hat, hängen einem nach.

So wurde ich mehr und mehr glaubend, und überlegte, mich taufen zu lassen. Allerdings zögerte ich auch und dachte: „Alles verstanden hast du noch nicht und alles glaubst du auch noch nicht – reicht das für die Taufe?“ Der Pastor, mit dem ich damals im Gespräch war, sagte mir, dass Glaube und Zweifel zusammengehören – wer keine Zweifel mehr hat, so sein lapidares Fazit, der schnallt sich Sprengstoff um den Bauch und sprengt sich in die Luft. Das überzeugte mich, und ich wurde mit 17 Jahren getauft. Damals wurde für mich deutlich, dass ich Theologie studieren wollte. Zum einen sagte ich mir: Du bist kirchen- und glaubensfern aufgewachsen und hast so viele Fragen auf diesem Feld; zum anderen war da ein missionarischer Gedanke: Wenn das wahr ist, was Dir in der Taufe zugesprochen ist – nämlich die Vergebung der Sünden und das Ewige Leben –, dann sollen dieses Geschenk auch andere haben und von der befreienden Kraft des Evangeliums erfahren. Ich will meinen Teil dazu beitragen.

So habe ich in Bethel begonnen, Theologie zu studieren, ging dann nach Leipzig und war zwischendrin zwei Semester in Erlangen. Als ich das Examen machte, war ich gerade Mitte Zwanzig und fühlte mich schlicht zu jung für all die Dinge, die ein Pastor eben tut. Das ist heute nicht mehr so, insofern habe ich die reichlich drei Jahre der Promotion als Reifezeit genutzt.

Zu dem ungewöhnlich klingenden Thema „Der Teufel im Gesangbuch“ kam ich durch die Beobachtung, dass der Teufel in der Bibel, der Popkultur und auch unserer Gesellschaft präsent ist, aber in meinem Studium kaum vorkam. Das hat mich verwundert und zugleich motiviert, mich damit eingehender zu beschäftigen. Ich musste eine Weile überlegen, wie ich mich dem Thema nähern kann, und kam dann zu einem Themenbereich, den ich im Studium durch Professor Jochen Arnold in Leipzig kennengelernt hatte, nämlich zum Feld der Hymnologie und der Frage, wie sich Theologie in Liedern niederschlägt. Ich war überrascht, wie viel da zu finden war, und entdeckte eine Fülle an Vorstellungen, mit denen Menschen jahrhundertelang gelebt hatten.

Gerade die Frage, wie wir mit dem Bösen umgehen, wie wir es verstehen können und was uns im Bösen trösten kann, lässt sich in besonderer Weise an Liedern studieren. Anfangs war ich skeptisch, ob nicht das Singen vom Teufel diesen selbst und die damit verbundenen Vorstellungen überhaupt erst heraufbeschwört. Meine Entdeckung bei der Arbeit an den Liedern war aber, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Die Lieder proklamieren die klare Botschaft, dass Gott alles in Händen hält und der Teufel immer eine untergeordnete Position hat. Der Satan ist eine Gestalt, die nur in dem Rahmen wirken darf, den Gott ihm lässt, und außerdem ist der Böse immer schon längst besiegt. Insofern sind diese Gesänge Trost- und Siegeslieder!

Ein gutes Beispiel für diesen Siegesgesang ist die dritte Strophe des bekannten Epiphaniasliedes „Jesus ist kommen“ (EG 66). Da heißt es: „Jesus ist kommen, der starke Erlöser, / bricht dem gewappneten Starken ins Haus, / sprenget des Feindes befestigte Schlösser, / führt die Gefangenen siegend heraus. / Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? / Jesus ist kommen, der starke Erlöser“. So eine spottende, direkte Anrede ist allerdings auch für das Evangelische Gesangbuch etwas Besonderes.

Wichtig ist mir der praktische Aspekt des Singens: Gesang überwindet Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Das Singen selbst verbindet meist schon, da man es gemeinsam tut. Aber selbst, wenn man allein singt, wird man in Gemeinschaft gestellt, da viele untersuchte Lieder nicht ein „Ich“, sondern ein „Wir“ auftreten lassen. Außerdem sprechen die Lieder zu, dass der Mensch nicht allein mit dem Teufel fertigwerden muss, denn in der Regel werden Gott, Christus oder die Trinität als Beistand angerufen – die eigene Sorge wird dem göttlichen Schutz anbefohlen.

Theologisch sind diese Lieder deshalb so anregend, da sie eigentlich beschreiben, wie Rechtfertigungsglaube funktioniert und was er bedeutet. Rechtfertigung bedeutet im reformatorischen Sinne, dass wir darauf vertrauen, dass Christi Opfer am Kreuz genug ist für alle Sünden dieser Welt. Die Hauptarbeit des Teufels ist es, das Gegenteil einzuflüstern: „Nein, Christi Opfer reicht nicht, Deine Sünden sind schlimmer.“ Das Gegenmittel sind – und davon ist in den Liedern reichlich zu finden – das Wort Gottes und die Kraft der Sakramente, die neu zusprechen: „Christi Opfer ist allezeit genug!“

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

Literatur

Heiko Herrmann: Der Teufel im Gesangbuch. Eine hymnologisch-satanologische Studie über das Evangelische Gesangbuch und ausgewählte Lieder. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020. 650 Seiten, Euro 98,–.

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