Das große Ost-West-Experiment

Fast wie eine Wiedervereinigung im Kleinen: das Werden und Wachsen der Nordkirche
Ein Fest zum Einigungsprozess: Die „Ratzeburger Mahlzeit“ auf dem Palmberg vor dem Dom am 27. Mai 2012.
Foto: dpa
Ein Fest zum Einigungsprozess: Die „Ratzeburger Mahlzeit“ auf dem Palmberg vor dem Dom am 27. Mai 2012.

Die vor acht Jahren gegründete Nordkirche ist der historische Versuch, erstmals eine Kirche zu bilden aus bisher  selbstständigen ost- und westdeutschen Landeskirchen – mit ihrer je eigenen Geschichte und Prägung. Ob und wie das  gelungen ist, analysiert Tilman Baier, ordinierter Theologe und Chefredakteur  der „Evangelischen Zeitung für  Norddeutschland“.

Es war ein großes, buntes Fest wie ein Kirchentag, als die Evangelisch-Lutherische Kirche Norddeutschlands am Pfingstsonntag, 27. Mai 2012, gegründet wurde. Aus erstaunlich vielen Gemeinden der drei Landeskirchen Mecklenburgs, Nordelbiens und Pommerns hatten sich, trotz mancher Vorbehalte gegenüber dieser neuen Großkirche, Gruppen auf den Weg gemacht. Auch Joachim Gauck, ehemaliger Rostocker Pastor und als Bundespräsident gerade frisch im Amt, hatte es sich nicht nehmen lassen, eine Rede zu halten zum Thema „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“.

Die Bildung der Nordkirche war ein großes Ost-West-Experiment. Zwar gab es mit Berlin-Brandenburg, Braunschweig, Hannover und Kurhessen-Waldeck Landeskirchen, die durch die deutsche Teilung zerschnitten worden waren und nach 1990 wieder zusammenwuchsen. Es gab den Anschluss der Schlesischen Oberlausitz an Berlin-Brandenburg und die ost-ostdeutsche Fusion zur Kirche Mitteldeutschlands. Die Nordkirche aber war der Versuch, erstmals eine Kirche zu bilden aus bisher selbstständigen ost- und westdeutschen Landeskirchen mit ihrer je eigenen Geschichte und Prägung. Als Ort für die Vereinigung war Ratzeburg ausgewählt worden, das als geografischer Mittelpunkt der neuen Nordkirche gelten konnte, die nun das Gebiet zwischen der Kirchengemeinde der deutschen Nordschleswiger in Dänemark im Norden, Helgoland im Westen, Fürstenberg/Havel im Süden und Garz an der Oder im Osten umfasste, einschließlich der Metropole Hamburg. Symbolträchtig war auch, dass die Ratzeburger Domhalbinsel selbst nach der politischen Zuordnung zu Schleswig-Holstein 1937 weiterhin kirchlich bei Mecklenburg geblieben war. Seit 1945 nur wenige Kilometer westlich der innerdeutschen Grenze gelegen, hatten so der Ratzeburger Dom und damit die Domgemeinde eine symbolkräftige Brückenfunktion zwischen Ost und West. Zudem hatten im September 2000 die drei Landeskirchen einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, der die Zusammenarbeit intensivierte. Auch die junge pommersche Theologengeneration hatte bereits gemeinsam mit den Vikaren ihrer nordelbischen Partnerkirche das dortige Predigerseminar besucht. Es gab also durchaus rege Beziehungen zwischen den drei Landeskirchen, als an eine gemeinsame Nordkirche noch nicht zu denken war. Und so war es dann auch ein Bild der Harmonie, als am Pfingstsonntag 2012 im Festgottesdienst drei Segel als Symbole der drei Landeskirchen in den Ratzeburger Dom getragen wurden und sich zu der Betakelung eines gemeinsamen Nordkirchenschiffes vereinigten. Ich fühlte mich an den 3. Oktober 1990 in seiner Ambivalenz erinnert, als es galt, Abschied zu nehmen von einer gerade erst errungenen wirklich demokratischen DDR – und voller Neugier in eine Zukunft in einem größeren, noch fremden Bezugsrahmen zu gehen.

Tiefes Misstrauen

Der Ausgangspunkt des Werdens der Nordkirche war allerdings wenig anrührend. Zur Jahrtausendwende war die Einsicht gewachsen, dass die kleine Pommersche Evangelische Kirche (PEK), die 1945 den größten Teil ihres Territoriums durch die Grenzziehung an der Oder verloren hatte, den Aufgaben einer selbstständigen Landeskirche nicht mehr gewachsen war. Aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kam die Aufforderung, die PEK möge sich doch einen Fusionspartner suchen. Die naheliegende Fusion mit der benachbarten Landeskirche Mecklenburgs (ELLM) im gemeinsamen Bundesland MV aber erwies sich als nicht möglich, trotz gleicher lutherischer Prägung, trotz gemeinsamer Institutionen wie Frauenwerk, Evangelische Akademie und Kirchenzeitung. Die im Januar 2004 aufgenommenen Gespräche über eine Föderation zeigten schnell das gegenseitige tiefe Misstrauen. Während die Mecklenburger immer wieder auf die Aufarbeitung der besonderen Staatsnähe des „Greifswalder Wegs“ zu DDR-Zeiten pochten und auch personelle Konsequenzen bei Leitungsämtern forderten, betrachteten die Pommern, deren Gemeinden eine größere Eigenständigkeit besaßen, mit Argwohn den „Mecklenburger Zentralismus“ und die Machtfülle des Schweriner Oberkirchenrates.

Zwar stimmten 2006 die Synodalen der PEK einem ersten Rahmenvertrag mit der ELLM zu, nahmen aber gleichzeitig Sondierungsgespräche mit den Berlin-Brandenburgern auf, mit denen sie die Mitgliedschaft in der Union Evangelischer Kirchen und die preußisch geprägte Geschichte verband. Als das bekannt wurde, reagierten die Mecklenburger empört. Allerdings machte der damalige Berliner Bischof Wolfgang Huber mit Nachdruck klar, dass es keine Verhandlungen geben würde, sondern nur den Anschluss als weitere Generalsuperintendentur ohne Sonderrechte.

Ein Brandbrief

Daraufhin schrieb Pommerns Bischof Hans-Jürgen Abromeit einen Brandbrief an seine Lübecker Amtskollegin in der nordelbischen Partnerkirche, Bärbel Wartenberg-Potter. Ob es dort nicht Interesse an einer gemeinsamen Kirche gäbe, unter Einschluss von Mecklenburg? Dieser Brief brachte Abromeit die harsche Kritik der „Berlin-Fraktion“ in der PEK ein, er habe eigenmächtig gehandelt. Auch in Mecklenburg und Nordelbien stieß diese Idee zunächst auf wenig Gegenliebe.

Dass dann doch im Februar 2007 aus Kiel die Einladung zu Vorab-Gesprächen kam, ist vor allem Bischöfin Wartenberg-Potter zu verdanken, die hier die Chance für ein bisher einmaliges Experiment zur Versöhnung zwischen Ost und West sah.

Über die folgenden fünf Jahre Verhandlungen ist bereits manches geschrieben worden, so in dem Sammelband „Gemeinsam auf dem Weg. Beiträge zur Entstehung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland“ (siehe unten). Vieles wurde hinter verschlossenen Türen erstritten, manches konnten wir Kirchenjournalisten auch von der Pressebank auf den Tagungen verfolgen.

Da war das Bemühen, es fairer zu machen als beim Beitritt der ostdeutschen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes 1990 und gemeinsam eine neue Verfassung zu erarbeiten. Und doch ärgerten sich manche Nordelbier, dass die Ostler nicht einfach die doch so guten und erprobten Gesetze und Strukturen von ihnen übernehmen wollten.

Dafür steht die Äußerung des wortgewaltigen Präses der nordelbischen Synode, Hans-Peter Strenge, der bei einer Plenumsdiskussion der Vereinigungssynode den Pommern und Mecklenburgern entgegenhielt: Seit wann wedelt denn der Schwanz mit dem Hund?!

Immer wieder gab es Punkte, an denen die Verhandlungsführer kurz davor waren, alles hinzuwerfen. Öffentlich zeigte sich das vor allem in der Debatte um den Sitz von Landeskirchenamt und Landesbischof. Diese für die Kirchengemeinden an der Basis eher marginale Frage erwies sich als symbolisch hoch aufgeladen – wie auch 1990 im deutsch-deutschen Einigungsprozess die Frage nach dem Regierungssitz. Andere strittige Punkte, wie die Vereinheitlichung des kirchlichen Arbeitsrechts oder die Segnung homosexueller Paare, wurden auf später verschoben, wobei die Hoffnung mancher Nordelbier deutlich zu spüren war, dass die Zeit für ihre Sicht arbeiten werde.

Bei den Fragen rund um schwule Partnerschaften und Kirche ist dies bereits geschehen. Auch innerhalb der Landeskirchen wurde heiß diskutiert. Ebenso wie Bischof Abromeit in der PEK mussten auch die Befürworter einer Fusion in Mecklenburg etliche Kritik einstecken. Von eher reformfreudiger Seite kam der Vorwurf, die Fusion mit einer im Verhältnis reichen Volkskirche würde die anstehenden tiefgreifenden Veränderungen nur unnötig hinauszögern. Und aus der konservativen Ecke kam die Sorge, bei einer Fusion würde das als sehr liberal geltende Nordelbien auch theologisch dominieren, was an den Fragen von Gender und Homosexualität festgemacht wurde. Dazu kam ein durch die Rolle der Kirchen in der Friedlichen Revolution gewachsenes Selbstbewusstsein – und die bittere Einsicht, dass die sich neu eröffnenden Möglichkeiten ab 1990 durch die eigene Finanzlage doch sehr eingeschränkt wurden.

Dass es trotz aller Schwierigkeiten doch zur Bildung einer Nordkirche kam und was sie zusammenwachsen lässt, hat aus meiner Sicht vor allem folgende Gründe: Vielfalt ist ein anerkanntes Wesensmerkmal der Nordkirche und ein Erbe der erst 1977 gegründeten Kirche Nordelbiens, die aus so unterschiedlichen Teilen wie Hamburg und der Landeskirche Eutin zusammenwachsen musste. Die in ihrer Verfassung verankerte und nun auch für die Nordkirche übernommene hohe Selbständigkeit der Kirchenkreise machte es den Mecklenburgern und Pommern leichter, ihre Landeskirchen in eben solche Kirchenkreise zu überführen.

Zudem verband und verbindet bei aller Unterschiedlichkeit eine gemeinsame norddeutsche Mentalität, die die Verständigung auch über Differenzen hinweg erleichtert. Für diese Verständigung in persönlichen Gesprächen über Lebensläufe, Sorgen und Hoffnungen hatte Bärbel Wartenberg-Potter zu Beginn der Fusionsgespräche vehement geworben.

Als positiv für das Zusammenwachsen erwies sich dann ein Jahr nach der Fusion der Deutsche Evangelische Kirchentag in Hamburg 2013 – wie generell das Arbeiten an gemeinsamen Projekten und das gemeinsame Feiern. Zwar gibt es auch die Kritik aus den Gemeinden, dass den Diensten und Werken in der Nordkirche eine zu hohe Bedeutung beigemessen werde. Doch die vielfältigen Angebote, die wiederum Gemeindeglieder und Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Gebieten zusammenführen, werden durchaus als Bereicherung angenommen.

Brückenbauer beim Zusammenwachsen

Als Brückenbauer beim Zusammenwachsen erweisen sich vor allem die Jüngeren in der Pastorenschaft. Bei der Entsendung im Probedienst ist die Frage Großstadt- oder Landgemeinde inzwischen mindestens so wichtig wie die Frage West oder Ost. Und in der älteren Mitarbeiterschaft ist zwar der jeweilige Kirchenkreis weithin der Bezugsrahmen, in dem man sich kennt. Doch etliche haben den Wechsel in eine kirchlich und gesellschaftlich anders geprägte Region mit Gewinn für sich und die Gemeinden vollzogen – allerdings überwiegt bisher die Richtung von Ost nach West.

Hirte oder Moderator?

Langsam verblassen auch die Unterschiede im Selbstbild der Pastorenschaft, die bisher die Vereinigung der drei Pastorenvereine verhindert haben. In einer Untersuchung noch vor der Fusion überwog bei den Geistlichen in Mecklenburg und stärker noch in Pommern das Selbstbild des Hirten, der immer im Dienst für seine Gemeinde ist. Dagegen überwog in Nordelbien das vom geistlichen Moderator und Anreger mit Freizeitanspruch, vergleichbar einem engagierten Lehrer. Immer mehr junge Geistliche auch in Mecklenburg und Pommern greifen nun dieses bürgerliche Verständnis ihres Berufs auf und bestehen auf einer ausgewogenen Work-Life-Balance.

Acht Jahre nach der Vereinigung ist das Zusammenwachsen zu einer Nordkirche ein großes Stück vorangekommen. Auch wenn der Weg manchmal etwas holperig ist, so sind doch die von manchem befürchteten großen „Kollateralschäden“ wie nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ausgeblieben. Dass auch nach Gründung noch viel für das Zusammenwachsen zu leisten ist, hatte schon gleich nach dem Fusionsbeschluss Gerhard Ulrich betont, Vorsitzender der Gemeinsamen Kirchenleitung: Einerseits sei die Nordkirche ein „Realsymbol“, das die immer noch bestehenden innerdeutschen Grenzen überwinden könne. Doch sei die Gründung erst ein Doppelpunkt. Nun komme es darauf an, diese neue Landeskirche auch zu leben.

 

Literatur

Michael Ahme, Elke Stoepker, Dorothea Strube, Annegret Wegner-Braun (Hg.), Gemeinsam auf dem Weg, Beiträge zur Entstehung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Lutherische Verlagsgesellschaft, 290 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Euro 19,95.

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