Keine blühenden Landschaften

Warum die evangelische Kirche den Boom der Wendezeit nicht verstetigen konnte
Die überfüllte evangelische Kirche in Oberschöneweide (Ost-Berlin) am 26. Oktober 1989 kurz vor dem Mauerfall bei einer Diskussion mit Gründungsfiguren der DDR-Opposition – unter anderem mit Bärbel Bohley (2. v. l.).
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Die überfüllte evangelische Kirche in Oberschöneweide (Ost-Berlin) am 26. Oktober 1989 kurz vor dem Mauerfall bei einer Diskussion mit Gründungsfiguren der DDR-Opposition – unter anderem mit Bärbel Bohley (2. v. l.)

Das Christentum stellt eine Kombination von Ideen, Orten und Praktiken dar. Nur wenn alle drei Elemente vorhanden sind, kann es vital bleiben. Nicht zuletzt der schleichende Verlust der als selbst-verständlich erlebten Handlungsformen des Christseins hat dazu geführt, dass die Blüte der Kirche während der Friedlichen Revolution in der DDR nur kurz währte, erklärt Reiner Anselm, Systematischer Theologe an der Universität München.

Für einen Moment sah es so aus, als könne nach den Jahren der Repression und der Erosion eine neue Blüte der Kirchlichkeit in Ostdeutschland einsetzen. Denn in der Wendezeit waren die Kirchen nicht nur ganz buchstäblich die Orte, von denen die Proteste gegen den SED-Staat ihren Ausgang nahmen, vielfach waren auch Pfarrerinnen und Pfarrer während und nach der Wende Führungs- und Integrationsfiguren, die dann auch schnell politische Ämter innehatten. Doch die Hoffnung trog: Die Entkirchlichung konnte nicht gestoppt werden. Gerade nach der Übernahme des westdeutschen Kirchensteuerkonzepts wurde deutlich, dass sich noch weniger Menschen zur Kirche bekannten, als man es zuvor gedacht hatte. Seitdem hat sich nichts verändert, abgesehen von einzelnen Inseln, die zumeist um konfessionelle Schulen entstanden sind, setzt sich die Säkularisierung ungebrochen fort.

Warum konnte die Kirche aus der Wende kein Kapital schlagen und den Boom von 1989/90 nicht verstetigen? Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Frage keine einfache, vor allem keine eindimensionale Antwort gibt. Insbesondere ist schon kurz nach der Wende darauf hingewiesen worden, dass der kirchliche Einfluss beim Zustandekommen des Umbruchs in der ehemaligen DDR eher gering einzuschätzen und daher der vermeintliche Boom von vornherein eine Illusion gewesen sei. Doch selbst wenn man hier anders votieren möchte, lässt sich aus Perspektive der Systematischen Theologie aus der Situation des Christentums in der DDR heraus ein ganz wesentlicher Grund dafür benennen, dass die Saat von 1989 keine reiche Ernte für die Kirchen bedeutete: der Verlust der als selbstverständlich erlebten, routinisierten Handlungsformen des Christseins. Das Christentum stellt eine Kombination von Ideen, Orten und Praktiken dar. Nur wenn alle drei Elemente vorhanden sind, kann es vital bleiben. Dabei sind die drei Elemente zwar gleich notwendig, aber unterschiedlich volatil. So eignet den Orten die größte Stabilität, gerade Gebäude setzen Zeichen, auch wenn sie nicht mehr aktiv genutzt werden. Ideen sind flüchtiger, lassen sich aber verhältnismäßig schnell wieder aneignen; Bekehrungserlebnisse bringen das beispielhaft zum Ausdruck. Besonders sensibel sind dagegen die Praktiken. Ein Traditionsabriss in diesem Bereich ist besonders schmerzhaft und nachhaltig, weil sich solche Routinen im Gewebe des gesellschaftlichen Zusammenlebens nur langsam aufbauen und vorrangig über Sozialisationsprozesse weitergegeben werden. Die Verluste in diesem Bereich wirken sich bis heute aus.

Betrachtet man diese Trias aus Ideen, Orten und Praktiken, dann zeigt sich schnell, dass in der DDR nur die Orte, die Verfügbarkeit entsprechender Räume, einigermaßen stabil blieben. Die Verbreitung der Ideen und vor allem der Praktiken, in denen das Christentum sich ausdrückt, hatte dagegen unter der SED-Herrschaft nachhaltig gelitten.

Während der Wende wurden die Orte des Christentums, die Kirchengebäude, Gemeindehäuser und Foren, die die evangelischen Kirchen bereitstellten, weithin wahrgenommen. Wenn man Gleichgesinnte treffen wollte, so waren die Kirchen die erste Adresse. Dies dürfte auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Bereitschaft, sich für Kirchengebäude etwa in Kirchbauvereinen zu engagieren, weit über die Mitglieder der Kirche hinausreicht.

Die Ideen des Christentums, von der SED nachdrücklich als konkurrierende Ideologie bekämpft, standen weit weniger im Mittelpunkt. Zwar dürften die Aufrufe zur Gewaltlosigkeit im Sommer und Herbst 1989 einige Resonanz gefunden haben, ebenso das Eintreten der Kirchen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das eine Brücke zu den Oppositionskreisen der Umweltgruppen und der Bausoldaten bildete. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass für diese Thematiken eher Kirche und Theologie versuchten, den Anschluss an christliches Traditionsgut herzustellen, als dass die Fragestellungen direkt aus den Leitideen des Christentums entstanden wären. Die ideelle Nähe war daher eine, die vorrangig durch die Kirchen gesucht wurde, die Oppositionsgruppen standen in ihrer Selbstwahrnehmung keineswegs der Kirche so nahe, wie diese es vielleicht gerne gesehen hätte. Vor allem aber fehlte es, bedingt durch den durch die staatlichen Stellen erzwungenen Traditionsabbruch, an selbstverständlich eingeübten Praktiken des christlichen Glaubens. Hier machte auch die Wendezeit keine Ausnahme.

Die Verankerung der christlichen Lebenspraxis als Konvention, als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, hatte durch die Verdrängung der Kirche aus der Öffentlichkeit gelitten, vor allem aber auch durch den doch schnell einsetzenden Entfremdungsprozess in den Familien. Der Rückgang der Kasualien ist dafür ein besonders instruktives Beispiel. Gerade diese selbstverständlich eingeübten Praktiken sind es aber, die die Kirchenbindung ganz wesentlich stabilisieren. Die Annahme, dass sich die Verbundenheit mit der Kirche einer explizit getroffenen Entscheidung verdanke, unterschätzt die Bedeutung der Konvention.

Eine solche Auffassung, die unter anderem durch die fünfte Untersuchung der EKD zur Kirchenmitgliedschaft bekräftigt wurde, steht allerdings in Spannung zum protestantischen Selbstverständnis, das die individuelle Zustimmung zum Glauben in den Mittelpunkt stellt. Das Christentum kennzeichnet eben nicht nur ein Set von Ideen, bei denen es auf die bewusste, kognitive Zustimmung ankäme. Dieses Element spielt eine Rolle, darf aber gegenüber dem spezifischen Habitus, der selbstverständlichen Einstellung, nicht überschätzt werden. Wie wichtig die Verankerung in solchen Praxisvollzügen ist, kann man gut am Umfeld der evangelischen Schulen beobachten: Hier ist jene Selbstverständlichkeit christlicher Lebenspraxis entstanden, die in der Breite fehlt.

Umgekehrt war es gerade der Zugriff auf die Jugend, deren Berufs- und Lebensperspektiven das SED-Regime für diejenigen, die kirchlich verbunden waren, zu sanktionieren verstand, die effektiv eine solche Selbstverständlichkeit christlicher Praktiken zu unterbinden vermochte. Je stärker nun die Kirche in der DDR unter Druck geriet und sich aus dem gesellschaftlichen Alltag zurückziehen musste, desto mehr kam es auch zum Verlust entsprechender habitueller, während des Sozialisationsprozesses erworbener Selbstverständlichkeiten. Die Kirchen standen vor einem Dilemma: Ihre Positionierung als Gegenüber zum Staat machte ihre Stärke aus, der Preis dafür war aber, dass sie sich dadurch zugleich aus dem Gewebe des Alltags zurückziehen mussten und so genau das verloren, was die Selbstverständlichkeit christlicher Praktiken ausmacht. Die Lage wurde auch dadurch nicht einfacher, dass sich ein harter Oppositionskurs kaum durchhalten ließ, sondern im Interesse Einzelner, im Interesse aber auch der institutionellen Selbstständigkeit sowie der Präsenz in der Fläche Kompromisse geschlossen werden mussten. Dies ermöglichte es auf der einen Seite, als Institution im Gegenüber zu einer auf Uniformierung bedachten Staatsmacht bestehen bleiben zu können, führte aber zwangsläufig zu Glaubwürdigkeitsverlusten. Augenfällig wurde dies im Sommer 1989, als die Kirchen zwar die Räume für die Opposition öffneten, gleichzeitig aber dafür warben, doch im Land zu bleiben und die Möglichkeiten zur offiziellen Ausreise zu nutzen.

So wurde die Christlichkeit als selbstverständliche Praxis von zwei Seiten hin in die Zange genommen. Auf der einen Seite löste sich das Gewebe volkskirchlich verankerter christlicher Praktiken rapide auf, auf der anderen Seite konnte auch eine Strategie, zum Sammelbecken der Opposition zu werden und darin hohe Verbindlichkeitsstrukturen aufzubauen, nicht verfangen. Vor allem aber kam es hier schon programmatisch nicht zu einer Übernahme christlicher Lebensformen und Praktiken, die Opposition pflegte in all ihrer Vielgestaltigkeit ganz unterschiedliche kulturelle Milieus.

Überhöhung der Entscheidungskirche

Dieses Defizit wurde flankiert durch eine verständliche, aber problemverschärfende theologische Überhöhung der Entscheidungskirche. Parallel zur organisatorischen Abkoppelung von den westlichen Landeskirchen und der EKD vollzog sich hier auch ein theologischer Abkoppelungsprozess, in dem Dietrich Bonhoeffers Formulierungen von der Kirche für andere, die in einer mündig gewordenen Welt agiert, zum Begründungsmuster für eine Bekenntniskirche wurden, die zwar in der Gesellschaft agiert, ihr aber doch als eine Gruppe Entschiedener gegenübersteht – mit einer klar identifizierbaren Botschaft, die eben so deutlich gar nicht war. Der erzwungene Rückzug aus den Alltagsvollzügen wurde hier theologisch vielleicht nicht unbedingt überhöht, aber dennoch schöngeredet und in seiner Bedeutung bagatellisiert.

Die Verdrängung aus dem Alltag und die – teils erzwungene, teils selbst gesuchte – Verlagerung in ein Entscheidungschristentum wurden durch die Wende in keiner Weise rückgängig gemacht. Vielmehr waren ja die Ereignisse von 1989 und 1990 in vielfacher Hinsicht eine Ausnahmesituation. Darüber hinaus kam es durch den Wechsel von Pfarrerinnen und Pfarrern in die Politik ebenfalls nicht zu einer Wiederbelebung entsprechender Praxisroutinen. Zumeist bemühten sich die entsprechenden Personen, ihr politisches Wirken gerade nicht als ein identifizierbares Christentum erscheinen zu lassen und dadurch auch für die wählbar zu bleiben, die sich selbst von der Kirche entfremdet hatten.

Den Kirchen in den dann neuen Bundesländern wurde die Problematik, die aus dem veränderten Selbstverständnis resultierte, nicht oder zu spät deutlich. Die ekklesiologischen Deutemodelle, in die sie sich während der SED-Herrschaft geflüchtet hatten, standen dem im Weg – und sicherlich auch die kritische Auseinandersetzung mit der zwar durchaus für die Wiederbegründung christlicher Alltagsvollzüge wichtigen, aber dennoch in ihren gesellschaftlichen Folgen insgesamt problematischen Rechristianisierung im Adenauer-Deutschland. Dennoch lässt sich aus dem Vergleich bei aller notwendigen Vorsicht ableiten, dass es mit Sicherheit nicht zielführend für die Kirche ist, auf die Transformation zu einer kleinen, aber entschiedenen Bewegung zu setzen – zumindest dann nicht, wenn dies mit einem Gestaltungsanspruch gegenüber der Gesellschaft verbunden werden soll.

Die Folgen dürften, das kann man auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gut beobachten, nur eine weitere Erosion sein. Stattdessen gilt es, die noch verbliebenen Routinen des Christentums zu stärken. Dies aber ist in den neuen Ländern eigentlich nur im Umfeld der christlichen Schulen entstanden – auch in dieser Hinsicht sicher ein Erfolgsmodell. Für anstehende Reformentscheidungen auf dem Gebiet der EKD ist eine genaue Analyse der enttäuschten Hoffnungen für die Kirche nach 1989 unabdingbar.

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