Neugier, Abscheu und Respekt

Seit der Wiedervereinigung habe ich meine Meinung über die Einheit mehrmals geändert
Der Autor Stephan Kosch 1990 als Student in Irland.
Foto: privat
Der Autor Stephan Kosch 1990 als Student in Irland.

Als die deutsche Einheit kam, war er auf der Grünen Insel. Das war zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch recht so, denn eigentlich wollte er mit all dem nichts zu tun haben. Doch dreißig Jahre später und um viele Erlebnisse mit Ostdeutschen reicher, treibt ihn die Frage um, warum Deutschland in vielerlei Hinsicht noch immer ein geteiltes Land ist.

Dritter Oktober 1990: Ich bin im Westen, noch viel mehr als sonst. Mein Auslandssemester in Dublin beginnt in wenigen Tagen, noch suche ich eine Unterkunft und wohne in der Jugendherberge im Norden der irischen Hauptstadt. Im Gemeinschaftsraum läuft der Fernseher und zeigt die Bilder der Einheitsfeier in der vergangenen Nacht in Berlin: wieder mal Feuerwerk, Menschenmassen vor dem Reichstag, wieder Deutschlandfahnen, wieder die Nationalhymne. Glockenläuten um Mitternacht, auf der Rednertribüne Bundespräsident Richard von Weizäcker, Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, Bundesfinanzminister Theo Waigel, Willy Brandt – und irgendwo auch der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, der einzige Ossi, der mit in der ersten Reihe stehen durfte.

Das fällt mir aber erst heute beim Betrachten der alten Fotos und Filmaufnahmen auf, damals habe ich gar nicht so genau hingeschaut. Ganz anders als die Fernsehbilder vom Mauerfall elf Monate vorher ließ mich die Zeremonie kalt, nicht nur weil das alles ziemlich weit weg geschah. Ein historischer Moment, sicher, aber davon hatte ich in den elf Monaten vorher so viele serviert bekommen, dass sie begannen, fad zu schmecken. Ganz anders als der rauschhafte Mauerfall elf Monate zuvor. Für ein paar Monate schien es möglich, dass etwas Neues entsteht, ein echtes und nicht nur agitiertes „Neues Deutschland“. Ein dritter Weg, irgendwo zwischen dem verkalkten DDR-Sozialismus und der alten Bundesrepublik, die ja keineswegs nur aus blühenden Landschaften bestand. Als Ruhrgebietskind hatte ich gesehen, was sich hinter dem euphemistischen Begriff „Strukturwandel“ verbergen kann, was eine Arbeitslosenquote von durchschnittlich 15 Prozent für eine Region bedeutet. Nicht nur finanziell, sondern auch für die Mentalität derjenigen, deren Arbeitskraft nun nicht mehr gebraucht wurde, weil die Werke zu ineffizient und die Kosten zu hoch waren.

Das war nicht meine Einheit

Es gab auch andere Impulse. Der Initiativkreis Ruhrgebiet zum Beispiel, 1989 gegründet unter anderem vom Essener Bischof und späteren Kardinal Franz Hengsbach und Alfred Herrhausen, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank. Das ließ auf Investitionen aus der Deutschland AG hoffen, die neue Arbeitsplätze schaffen. Wenige Wochen nach dem Mauerfall wurde Herrhausen ermordet, und investiert wurde künftig im Osten. So zumindest meine wenig differenzierende Gefühlslage.

Ich war auch damals kein Sozialist, aber es hatte sich doch einige Skepsis gegenüber einer Politik angesammelt, deren Hauptvertreter schon ein paar Jahre zuvor im Westen zur „geistig-moralischen Wende“ gerufen hatte und der nun auch der Kapitän der nächsten Wende wurde. Weil die Mehrheit meiner neuen Mitbürger das so wollte. Die ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 hatten der „Allianz für Deutschland“ den Sieg gebracht, die möglichst schnell die deutsche Einheit wollte. Das war nachvollziehbar, klar. Trotzdem nahm ich meinen Landsleuten im Osten ihr Wahlverhalten ein wenig übel. Hatten sie wirklich dafür ihren bewundernswerten Kampf gekämpft? Hatten sie sich dafür mutig in den Kirchen versammelt, waren auf die Straßen gezogen, nicht wissend, ob nicht doch irgendwann der Staat zuschlägt? Hatte nicht die Kraft der Utopie sie begeistert? Und jetzt? Kein Ort mehr dafür? Nirgends?

Nirgends! Nicht nur die gerade zum Weltmeister gekürte Fußballnationalmannschaft hielt sich auf Jahre hinaus für unschlagbar. Auch der real existierende rheinische Kapitalismus hatte sein historisches Spiel gewonnen, das selbstgewisse Siegerlächeln Helmut Kohls schlug einem in vielen Gesichtern entgegen. Die Geschäfte liefen gut, 1990 und 1991 wuchs die deutsche Wirtschaft jeweils um über fünf Prozent, getrieben von der Binnenkonjunktur. Die Höfe der Autohändler im Ruhrgebiet waren ziemlich leer, der alte Golf, den meine Mutter Anfang 1991 kaufte, war deutlich überteuert. Kein Grund zum Jammern, das, was dem Osten bevorstand, waren Probleme viel dramatischerer Art. Natürlich war mir das alles so nicht bewusst, als ich vor dem Fernseher in der Jugendherberge saß und kühl die Glückwünsche der anderen Besucher entgegennahm. Aber das Gefühl war deutlich: Das war nicht meine Einheit. Und ich war froh, gerade ganz woanders zu sein.

Oktober 2020: Ich erschrecke ein wenig, wenn ich auf den jungen Mann von damals blicke, der sich zwar gerade in die Welt aufgemacht hatte, aber doch noch sehr in seiner kleinen Welt lebte und sich in seinem Beleidigt-Sein eingerichtet hatte. Wirkliches Interesse an meinen neuen Mitbürgern hatte ich nicht, die standen nach den Brandanschlägen auf Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen und den Bildern vom pöbelnden Mob sowieso unter Generalverdacht. Als meine Heimatstadt Castrop-Rauxel eine Städtepartnerschaft mit Zehdenick in Brandenburg initiierte und Begegnungen organisiert werden sollten, winkte ich ab. Sie haben so gewählt, jetzt müssen sie damit klarkommen.

Sieben Aktien als Begrüßungsgeld

Zum Glück hat sich das bald geändert. Ich zog nach Berlin, nicht nur der Liebe wegen, sondern wollte nachholen, was ich bis dahin versäumt hatte. Wollte viel lernen über die Wendezeit, zumindest einige meiner neuen Mitbürger und Mitbürgerinnen kennenlernen. Ich arbeitete als einer der wenigen Wessis in den Restbeständen der Nachrichtenagentur ADN, sah, wie hart die Belegschaft dort arbeitete, um in den neuen Strukturen zu überleben. Hörte auch hier, wie die Treuhand nicht zum Wohle des bestehenden Unternehmens agiert hatte und spürte, wie sich gesundschrumpfen anfühlte. Ich schämte mich, ein Wessi zu sein, als eines Tages sonnenbankgebräunte dynamische Medienmanager aus München vor der höchstrespektablen Belegschaft standen und ihnen erklärten, wie moderner Journalismus funktioniert. Als Begrüßungsgeld brachten sie jedem sieben Aktien des eigenen Unternehmens mit. Tarifgehalt sei leider nicht möglich, man müsse ja erstmal viel in das Unternehmen investieren. Später verkauften sie dann die Agentur an eine Investorengruppe, mittlerweile gibt es sie nicht mehr. 

Doch es gibt auch andere Geschichten zu erzählen aus dem vereinigten Deutschland und von meinen 17 Millionen neuen Landsleuten, von denen einige zu Freunden wurden. Manche haben in den vergangenen dreißig Jahren mehr von der Welt gesehen, als ich es jemals schaffen werde. Engagieren sich mit Haut und Haar für Klimaschutz, sind wandelnde Filmlexika, Experten für kulturelle Themen jeder Art oder für Gesundheitspolitik. Sie haben anspruchsvolle und spannende Berufe und sind wunderbare Gesprächspartner, nicht nur wenn es um den Osten geht. Ost-West ist immer seltener ein Thema, nur manchmal, wenn es um die Rolle der Frau in der Gesellschaft geht oder die Wahlergebnisse der AfD. Oder wenn mich aktuelle Umfragen daran erinnern, dass sich durch die Deutsche Einheit zwar mein Leben nur zum Positiven geändert hat, weil es reichhaltiger und vielfältiger wurde, dies aber nach dreißig Jahren offenbar nicht für alle gilt. Das zeigt zum Beispiel die jüngste Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, die Der Spiegel kurz vor dem Einheitsjubiläum veröffentlichte: 59 Prozent der Ostdeutschen stimmen der Aussage zu, dass Ostdeutsche wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Im Westen stimmen nur 21 Prozent dieser Aussage zu. Hingegen meint die Mehrheit der Westdeutschen (55 Prozent), dass Westdeutschland mehr Anerkennung dafür verdient, dass es die Wiedervereinigung finanziert hat. Und nur ein gutes Drittel der Ostdeutschen meint, dass es heutzutage keinen Unterschied mehr macht, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt. Die ernüchternde Bilanz der Berliner Forschungsagentur „Pollityx“, die diese Umfrage durchgeführt hat, lautet: „Es gibt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kein geeintes Deutschland.“

Die Mauer ist seit über dreißig Jahren weg, und noch immer prägt sie so stark unser Land? Menschen zweiter Klasse? Wer wurde denn befragt? Die Abgehängten? Die ewig Gestrigen, die noch immer von „denen da drüben“ reden? Die sich heimlich oder offen die DDR zurückwünschen, weil sie überfordert sind mit den gesellschaftlichen Umbrüchen? Ganz bestimmt nicht so welche wie meine Freunde, oder? Die nichtrepräsentative private Nachfrage per Telefon bestätigt die Umfrage. Die Mehrheit kann verstehen, wie man zu dieser Einschätzung kommt, hat zum Teil selber diskriminierende Erfahrungen gemacht. „Solange eine Altenpflegerin in Sachsen-Anhalt 1 000 Euro weniger verdient als ihre Kollegin in Baden-Württemberg, kann ich das Gefühl, zweitklassig behandelt zu werden, nachvollziehen.“ „Wenn bei der Auflistung der größten deutschen Autoren regelmäßig die Schriftsteller aus dem Osten ausgeblendet werden, muss man sich nicht wundern.“ „Wenn Du in einer Redaktion immer der Ossi vom Dienst bist und die Chefredaktion nur aus Wessis besteht, macht das schon was mit Dir.“

Mangelnde Wertschätzung

Selbstverständlich kennen alle auch die, die in der Opferrolle glänzen und sie nur zu gerne spielen. Keiner sieht sich selbst als Wendeverlierer, auch die Eltern hätten es trotz erzwungener erneuter Berufsanfänge geschafft und lebten ein besseres Leben als vor der Wende. Aber die Stichworte, die immer wieder fallen, gleichen sich: mangelnde Wertschätzung der geleisteten Arbeit oder Ausbildung in der DDR, die Zerschlagung und sogenannte Abwicklung von Unternehmen durch die Treuhand, die „Rückgabe vor Entschädigung“-Regel, die Wessis zu neuen Eigentümern von Land, Unternehmen und Immobilien gemacht hat. Der Begriff „kollektives Unrecht“ fällt, und das sei noch lange nicht aufgearbeitet. Und dann ist da noch die von Westlern beanspruchte Deutungshoheit über die DDR, die ein allzu verzerrtes Bild in die kollektive Erinnerung projiziert.

Offenbar wird auch dieser Jahrestag der deutschen Einheit nicht der letzte sein, an dem benannt werden muss, was Ost und West trennt. Vor dreißig Jahren war ich froh, weit weg in einem fremden Land zu sein und nicht mitfeiern zu müssen. Weil statt einer konkreten politischen Utopie ein institutioneller Rahmen errichtet und als deutsche Einheit ausgegeben wurde. Heute bin ich froh, hier zu sein. Denn ein „Wir“ und damit eine neue Welt entsteht ja erst durch ein gemeinsames Leben. Insofern konnte damals die deutsche Einheit noch gar nicht wirklich gefeiert werden. Und noch immer gibt es Brüche, die man nicht wegjubeln kann. Corona-bedingt fällt die große Party in diesem Jahr allerdings sowieso aus. Schaukästen sind das zentrale Element der Einheitsfeier in Potsdam. Eine Verlegenheitslösung, klar, aber vielleicht kein schlechter Hinweis. In Ruhe mal hingehen zum anderen und gucken, was eigentlich los ist und was war. In den vergangenen dreißig Jahren und davor. Darüber reden, was noch nicht stimmt. Im Westen wie im Osten. Und irgendwann dann auch über das Gemeinsame. Ich bin gerne dabei.

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