Keine Jammer-Ossi-Story

Vor allem für meine Eltern war es schwer, im vereinigten Deutschland anzukommen
Am Brandenburger Tor am 3. Oktober 1990.
Foto: akg/Matthias Lüdecke
Am Brandenburger Tor am 3. Oktober 1990.

„Ich bin weiß Gott nicht stolz, Ostdeutsche zu sein. Aber froh bin ich, dass mein Weg in diesem Land ein leicht krummer ist. Während meine Geschwister und ich, vor allem aber meine Töchter, fast so etwas wie Gewinnerinnen der Einheit sind, dauerte es lange, bis meine Eltern  sich in der ganz neuen Republik zurechtgefunden haben“, erzählt die Autorin und taz-Redakteurin Anja Maier.

Es hat einige Jahre gedauert, bis meine Vergangenheit mir lieb und teuer werden konnte. Aber so ist es mittlerweile. Ich bin weiß Gott nicht stolz, Ostdeutsche zu sein – allein das Wort „stolz“ verböte sich. Aber froh. Ja, froh bin ich tatsächlich, dass mein Weg in diesem Land ein leicht krummer ist. Die Geschichte meiner Familie – meine 24 Jahre Lebenserfahrung in der DDR und die Zeit der Wende – ist mir wichtig. Wer in einem Land erwachsen geworden ist, das sich einerseits verdammt ernst nahm und andererseits geradezu meisterhaft selbstbetrügerisch agierte, sieht manches klarer.

Das verbreitete Vorurteil über uns Ostdeutsche, wir seien uns der Brüchigkeit politischer Systeme bewusster als unsere Brüder und Schwestern aus dem Westen, trifft tatsächlich zu. Erlebt zu haben, dass ein komplettes politisches System mit Mann und Maus untergehen kann, hinterlässt tiefe Spuren. Heute werden die Jahre 1989 und 1990 als Glücksfall der Geschichte gesehen. Das waren sie. Doch wie es so ist: Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden. Und vorne sah es erst mal ganz schön duster aus. Erst der Blick von hinten sollte zeigen, dass alles noch mal gut gegangen war. Jedenfalls für mich.

Glück und Niederlage

Keine Sorge, ich werde hier keine Jammer-Ossi-Story erzählen. Sie würde nicht stimmen. Denn das Gute und das Schlechte, das Glück und die Niederlage, sind in meiner Familie geradezu mustergültig verteilt. Im Sport würde man uns als Gewinner, Hoffnungsträger und Verlierer unterteilen. Meine Töchter, geboren kurz vor und kurz nach dem Mauerfall, sind die Gewinnerinnen. Meine Geschwister und ich sind solides Mittelfeld. Und meine Eltern? Haben mit Mitte fünfzig viel verloren: ihre Stellen, Geld natürlich, Anerkennung, Sicherheit und Leichtigkeit. Die Bezeichnung Wendeverlierer würden sie dennoch rundheraus ablehnen. Davon möchte ich hier erzählen.

Ich bin 1965 als jüngstes ihrer drei Kinder in Ostberlin geboren worden. Meine Eltern, beide Professoren für politische Ökonomie, waren wahnsinnig fleißige Menschen. Sie arbeiteten sehr viel, sie an einer Hochschule und er in einem Ministerium. Sie waren überzeugte Kommunisten und SED-Mitglieder. Und noch wichtiger: Sie waren Kriegskinder, Sohn und Tochter einfacher Leute, denen die DDR Bildung und Karriere möglich gemacht hatte. Sie zeigten sich erkenntlich mit hoher Loyalität, mitunter blindem Vertrauen und unerschütterlichem Optimismus und Lebensfreude, was uns Kinder anging. Bei uns zu Hause blieb eher das schmutzige Abendbrotgeschirr auf dem Tisch stehen, als dass wir eine hitzige Debatte über Gleichberechtigung, den globalen Süden oder Religion unterbrochen hätten. Wir wurden ermutigt, unsere Meinung nicht nur zu haben, sondern auch zu sagen. Heute denke ich, dass der feste Glauben meiner Eltern an die Idee des Sozialismus, ihre tiefe Verankerung im System der DDR sie zu diesen fast schon leichtfertig offenen Menschen gemacht hat. Aber so war es bei uns zu Hause. Dass es in vielen anderen Familien ganz anders war, verdrängte ich.

Ab Anfang der Achtziger hatte ich mich ohnehin innerlich vom politischen Geschehen isoliert. Ich liebte Kunst, Theater, Punk und all die kleinen Berliner Clubs und Eckkneipen, in denen Müllfahrer neben Philosophen saßen. Im Westen hätte man mich No-future-Generation genannt, im Osten als Nischenexistenz bezeichnet. Was ich dem Staat, in dem ich lebte, besonders übel nahm, war die Bevormundung. All die Filme, die ich nicht sehen, Bücher, die ich nicht (oder wenn, dann oft zensiert) lesen „durfte“. Das ganze Geschwurbel zwischen den Zeilen, das Lavieren, das Lügen und die Forderung nach Bekenntnissen zu diesem Land. Aus dieser Zeit rührt mein bis heute anhaltendes Misstrauen gegenüber dem paternalistischen Staat. Das Gängeln und um Erlaubnis Fragen führte ironischerweise nach der Wende dazu, dass ich genau diesen Vater Staat wiederum vermisst habe. Den Wettbewerb, die freie Entscheidung, das Scheiternkönnen – darauf war ich nicht vorbereitet. Und mit mir Millionen andere DDR-BürgerInnen. Als die „Mauer fiel“, wie es so poetisch wie unzutreffend heißt, waren meine Eltern in großer Sorge. Es war ihr Land; und ihr Land war gerade dabei, das Spiel der Kräfte zu verlieren. Und sie gleich mit. Es machte es nicht besser, dass die Wendezeit für sie persönlich sehr robust verlief. Während mein Bruder eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin eröffnete und meine Schwester zum ersten gesamtdeutschen Jahrgang an der Münchener Journalistenschule gehörte, wurden meiner Mutter 1990 Schlüssel und Ausweis ihres Hochschulbüros abgenommen. Sie hatte dort in den 1950er-Jahren studiert und war eine anerkannte Dozentin.

Mein Vater bekam das Angebot, in seinem eigenen Ministerium Pförtner zu werden. Am 4. Oktober 1990, dem ersten Tag in der Bundesrepublik, erhielt er seine fristlose Kündigung. Vor dem Haus unserer Familie am Ostberliner Stadtrand tauchte ungefähr zu dieser Zeit ein Westauto auf. Die Nachfahren der einstigen Bewohner machten Fotos über den Gartenzaun und insgesamt den Eindruck, als hätten sie gute Anwälte. Mein Vater schlief immer weniger, er nahm stark ab, irgendwann bekam er Herzrhythmusstörungen. Meine Mutter organisierte stur Weiterbildungen: einen PC-Kurs für beide, eine Steuer-Schulung für sich, den Grundkurs Business-Englisch besuchten sie abends gemeinsam. Wenn wir unsere Eltern besuchten, waren sie tapfer wie stets. Aber nicht mehr lustig. Leute wie sie galten als schuldig, jemand musste es ja sein; sie waren Vertreter des überwundenen Systems. Unsere Eltern sahen ihre Verantwortung, sie sprachen mit uns darüber. Sie waren bereit für neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Ihr Land, das sie mit aufgebaut hatten, hatte historisch gesehen verloren. Sie waren die Verlierer. Und wie gute Sportler waren sie bereit, die Niederlage anzunehmen und aus ihr zu lernen. Aber sie waren bereits ausgemustert; ihre Erkenntnisse wollte niemand hören. Für uns, ihre erwachsenen Kinder, für die gerade etwas großes Neues begann, war das schwer zu ertragen. Unsere Eltern, unsere Helden, unsere Welterklärer und Tröster, waren mit Mitte fünfzig zum Problem geworden. Sie wussten nicht, wohin mit sich. Für meine kleine Tochter, Jahrgang 1988, wurden sie zu den liebevollsten und engagiertesten Großeltern, die sich eine alleinerziehende Studentin wie ich nur wünschen konnte. Aber arbeitslos zu sein, blieb für diese beiden harten Arbeiter eine Strafe. Solche Geschichten sind in hunderttausenden Familien in Ostdeutschland passiert. Sie sind gewöhnlich und so zahlreich, dass sie nicht einmal zum Selbstmitleid taugen. Dafür war auch überhaupt kein Raum. Im Wendejahr verloren Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit. Der Run auf Jobs, irgendwelche Jobs setzte ein. Jeder versuchte irgendwas. Aus Verkäuferinnen wurden Händlerinnen, aus Journalisten PR-Leute, Mediziner gründeten Privatpraxen. Was von heute aus wie eine wilde Zeit des Aufbruchs aussieht, war für die Generation der Kriegskinder, die Generation meiner Eltern also, eine zweite Stunde Null. Manches gelang, das allermeiste aber eben nicht.

Jüngste Professorin der DDR

Meine Eltern waren nicht bereit, aufzugeben. Meine Mutter war eine kluge Frau. In den Sechzigerjahren war sie die jüngste weibliche Professorin der DDR gewesen. Sie hatte nicht vor, von nun an zu Hause zu sitzen, sich aus allem rauszuhalten und den Besuch der Enkelkinder als Wochenhöhepunkt zu akzeptieren. Als Politökonomen waren meine Eltern geübt in der Analyse politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse. Und wie gesagt: Sie waren bereit, dazuzulernen. Sie rissen sich zusammen, machten Weiterbildungen und Bewerbungs-Coachings, alles, was von problematischen Ostdeutschen wie ihnen erwartet wurde. Und dann wurden sie 1996 Rentner. Und das war auch wirklich besser so.

Zehn Jahre später, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, rief meine Mutter mich an. Es gebe da eine kleine Feierstunde, ob ich nicht auch kommen wolle. Ich wusste, dass sie im Berliner Megabezirk Marzahn-Hellersdorf seit Jahren für die Linkspartei Lokalpolitik machte. Was genau? Keine Ahnung, irgendwas mit Wirtschaft. Mir erschien die Mitgliedschaft meiner Eltern in der SED-Nachfolgepartei zwar logisch; aber toll fand ich das nun auch wieder nicht. Ich war mittlerweile eine erstklassig angekommene Bundesbürgerin geworden – mit Westmann, halbwüchsigen Kindern und einem miserabel bezahlten Zeitungsjob. Ich hatte ein neues Leben. Ich war eine top angepasste Hoffnungsträgerin und hatte alle Hände voll damit zu tun, meine Kinder durch die rauen Zeiten zu lotsen. Sie sollten zur ersten Gewinnergeneration meiner Familie im wiedervereinigten Deutschland gehören.

Die Linke mit ihren Rentnergenossen war mir suspekt. Aber ich fuhr natürlich hin zu der „kleinen Feierstunde“. Und zu meiner Verblüffung wurde ich dort Zeugin, wie meiner Mutter, der Kommunistin aus Ostberlin, das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland angeheftet wurde. Aus den wirklich herzlichen Reden ging hervor, dass sie viele Jahren den Wirtschaftsausschuss geleitet hatte, dass sie Unternehmen in den Bezirk geholt hatte, Ausbildungsplätze organisiert, für die Bürger einen Tauschring von Waren und Dienstleistungen aufgebaut und Veranstaltungen organisiert hatte. Ich sah vorne in dem kleinen Saal meine Mutter mit hochroten Wangen stehen. Meine kluge Mama. Ganz offensichtlich hatte sie sich – immer zusammen mit meinem Vater – ihren Platz in diesem wiedervereinigten Land erkämpft und ihn gut ausgefüllt.

Ich war natürlich stolz auf die beiden. Aber ich schämte mich auch ein bisschen. Wie hatte es passieren können, dass meine Eltern gemeinsam durch all die Jahre gehen, dass sie Anteil am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder nehmen, und ich hatte im Grunde höchstens am Rande mitbekommen, wie einfallsreich und zäh sie für etwas anderes, etwas sehr Konkretes gearbeitet hatten? Woher rührte dieses Desinteresse? Wie kam es, dass die Kompetenzen und Erfahrungen ihrer Generation selbst mir, ihrer Tochter, als zweitrangig erschienen waren?

Nun lach doch mal mit!

Im Nachhinein weiß ich, dass die Phase des Umbruchs da immer noch lief. Der Mauerfall war Mitte der Nullerjahre erst anderthalb Jahrzehnte her. Wir alle, unsere ganze Familie, waren gerannt und gerannt. Wir hatten uns alle sehr darum bemüht, unseren Platz in diesem neu zusammengesetzten Land zu finden. Hatten Weiterbildungen gemacht und uns beruflich ausprobiert. Hatten die schlechter bezahlten Jobs erledigt und duldsam gelächelt, wenn Kollegen uns mal wieder einen Ossi-Witz erzählten. Motto: Nun lach doch mal mit! Bis zu diesem Tag, an dem der schwarzrotgoldene Orden an der Bluse meiner Mutter funkelte, hatte ich nicht kapiert, dass Ostdeutsche zu sein nicht zwangsläufig ein biographischer Nachteil, ein sozialer wie beruflicher Malus sein muss.

Als die Feierstunde zu Ende war, ging ich hinaus auf die Straße. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr nach Hause, zurück zu meinem Mann und den Kindern. Etwas hatte sich verändert. Und es ist anders geblieben, bis heute. Ich hatte endlich meine Identität gefunden, ich war angekommen in diesem Land. Und ich machte mich schleunigst daran, wenigstens zu versuchen, von der Hoffnungsträgerin zu so etwas Ähnlichem wie einer Gewinnerin zu werden. Ich war vierzig Jahre alt und hatte weiß Gott keine Zeit mehr zu verlieren. Wer ich bin, woher ich komme – das ist seither eine gute Geschichte. Es ist meine Geschichte, die meiner inzwischen erwachsenen Töchter. Aber ganz besonders die meiner Eltern.

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