Gegen die Krise

500 Jahre danach: Luthers Hauptschriften neu gelesen
Martin Luther Superstar
Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch

1520 veröffentlichte Martin Luther drei Schriften, die für die Reformation entscheidend waren. Ralf Meister, Leitender Bischof der VELKD in Hannover, sieht in ihnen Potenzial für die Kirchenreform.

Vor genau 500 Jahren erschienen wegweisende Texte Martin Luthers. Geschrieben in einer anderen Zeit, für eine andere Welt. Geschrieben in einer Zeit der Krise. Es trennt uns ein breiter historischer Graben von diesen Texten. Es war eine Kirche in Anfechtung, im Kampf und schließlich im Aufbruch. Eine Kirche in hie-rarchischer Erstarrung, machtbewusst und autoritär. Diese Krise der Kirche im ausgehenden Mittelalter infiziert die Theologie und findet in Martin Luther ihren wirkmächtigsten Vertreter. Im Jahr 1520 nahm die reformatorische Bewegung Fahrt auf.

Auf dem Höhepunkt des Ketzerprozesses gegen ihn, unter dem Druck dieser Krise, läuft Martin Luther mit knapp 37 Jahren zu theologischer Hochform auf. Es geht um zentrale Fragen des christlichen Glaubens und der Kirche. Seine Schriften gelten nicht mehr nur einem akademisch-theologischen Fachdisput. Schnell finden diese Schriften weite Verbreitung. Es geht um christliche Freiheit, Glaube und Sakramente und die Frage, wie Kirche sein muss, wenn sie dem christlichen Glauben in seiner Zeit dienen will. Keine Kirche des Rechthabens, sondern der Rechtfertigung aus Glauben. Luther ist überzeugt, dass die Kirche, in der er groß geworden ist, in dieser Weise nicht fortbestehen kann. Und er weiß, dass die Spitze dieser Kirche seine Überzeugungen nicht teilen und sich nicht verändern wird. So schreibt Luther buchstäblich „um sein Leben“, wie der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann es formuliert.

Nur ausschnittsweise und beinahe willkürlich soll an drei dieser Schriften aus dem Jahr 1520 skizziert werden, wie eine Kirche in der Krise reagierte: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. In der theologischen Auseinandersetzung und persönlichen Beschäftigung entfalten diese Texte eine Kraft, aus der auch noch nach fünfhundert Jahren Impulse für evangelisches Christsein, persönliche Frömmigkeit und die Gestalt der Kirche ausgehen könnten – allzumal in kritischen Zeiten. Wer trägt die Schuld an der aktuellen Lage? Die Bischöfe und der Papst. Sie trugen nach Martin Luther Verantwortung für den desolaten Zustand der Kirche. Wer hilft? Der Adel. So wenig sich auch von den Zeitumständen vom Beginn des 16. Jahrhunderts übertragen lässt – in diesem Jahr wird der hundertjährigen Abschaffung der Adelsprivilegien in Preußen gedacht –, die pointierte Bischofskritik Martin Luthers ist lebendig geblieben, ja, sie erfreut sich neuer Beliebtheit. Evangelische Kirchen hatten immer wieder Schwierigkeiten, sich mit dem Bischofsamt zu versöhnen. „Kirchenpräsident“ oder „Präses“ sind dabei nur Wortvermeidungsstrategien. Die Aufgaben im Kontakt mit Gemeinden, Kirchenkreisen, Verwaltungen und Synoden sind ähnlich. Das gilt, bei allen Unterschieden im Amts- und Weiheverständnis, auch für zahlreiche Aufgaben der katholischen Brüder im Bischofsamt. Bleibt der Klerus das Zeichen für die „Schwachstelle“ der Kirchen? Werden also Personen in leitenden geistlichen Ämtern den Anforderungen und vielfältigen Erwartungen an Redlichkeit, Sorge für die Jugend, geistliche Bildung, Demut gerecht? Liegt die Konzentration ausreichend auf geistlichen Aufgaben oder erdrücken administrative Tätigkeiten den Dienst?

Luther kritisiert in der Adelsschrift mit harten Worten die Bischöfe seiner Zeit, schätzt aber das Bischofsamt: „Die Bischöfe, die Priesterschaft und vor allem die Universitätsgelehrten, die dafür besoldet werden, hätten ihrer Pflicht gemäß einträchtig hiergegen schreiben und schreien müssen.“

Sie sollten gegen die geistliche Verwahrlosung der Kirche angehen. In diesem Auftrag allerdings versagten die Bischöfe. Steht das Amt der Bischöfin oder des Bischofs für solche Interventionen, steht es für grundlegende Reformen? Konnte es jemals dafür stehen? Oder muss, sowohl innerhalb der Corona-Krise wie in Zeiten der Missbrauchsskandale und der mühsamen Aufbereitung derselben, nicht konsequenter die Kirche von „unten“ gelebt, gedacht und gestaltet werden? „Darum ist die Weihe des Bischofs nichts anderes, als wenn er an der Stelle und im Namen der ganzen Versammlung einen aus der Menge nähme, von denen alle die gleiche Vollmacht haben …“, lesen wir in Luthers Adelsschrift.

Teilnehmen und Teilhaben

Der Begriff, mit dem diese geistliche Gemeinschaftsform säkular benannt wird, ist in aller Munde: Partizipation. Dabei ist weder der Begriff neu, noch sind es die grundlegenden Gedankengänge: das Teilnehmen und Teilhaben an der Willensbildung und Entscheidungsfindung über gemeinschaftlich zu regelnde Angelegenheiten. Es gibt Elemente, die die Grundlagen einer gelebten Gemeinschaft in ihrer Freiheit, Solidarität und dem fairen Streit um die Wahrheit stärken können. Eines dieser Elemente ist eine gelingende Beteiligung. Dabei ist diese Beteiligung nicht ein Therapeutikum zur Beruhigung von aufgeregten Mitmenschen, sondern eine Form der Mitsprache und Mitentscheidung, die zum Selbstverständnis der Gemeinschaft gehört.

Die evangelischen Kirchen brachten für die Partizipation einen Kerngedanken der Theologie Martin Luthers ein: „Das Priestertum aller Getauften“. Dieses Priestertum aller Getauften ist so etwas wie die Keimzelle von vielen Überlegungen und Initiativen, die unter Teilhabe und Beteiligung Gestalt gewinnen. „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und es ist zwischen ihnen kein Unterschied außer allein wegen des Amtes“, begründet Luther in seiner Adelsschrift die grundsätzliche Gleichheit aller Getauften. Das klärt auch gegenwärtige Debatten: Innerkirchliche Gegensätze müssen unter dem Vorzeichen der gemeinsamen Verantwortung angegangen werden. Erstaunlich, wie in der Corona-Zeit an vielen Stellen Ehren- und Hauptamt wieder auseinandergefallen sind. Die Kirche der Zukunft wird nach allem, was absehbar ist, aus einer Vielfalt der „Laienverantwortung“ leben; schon jetzt hat sich binnen zehn Jahren die Zahl der Menschen im Prädikanten- und Lektorendienst verdoppelt. Debatten, ob die Kirche eher Institution, Organisation oder Netzwerk sein sollte, können unter dem Vorzeichen der Verantwortung aller Getauften das Beste aus allen Modellen zu verwirklichen suchen: die Rahmen gebende Architektur der Institution mit gezielt übertragenen Entscheidungsaufgaben und zugleich einer Rückbindung an den Auftrag und seine Geschichte, die dynamische Organisation mit ihrem innovativen und beweglichen Charakter und die fortwährende, grenzüberschreitende Suche nach Gemeinschaftlichem in einem Netzwerk, in vielfältigsten Formen temporärer Anwesenheit. Diese Beteiligung lebt aus der Freiheit. Einer Freiheit, die nicht zugewiesen, sondern geschenkt ist. Nicht von der Institution, sondern von Gott selbst. Diese Freiheit war das Schlüsselthema der Reformation. Zurzeit erleben wir massive Irritationen, in denen individuelle Freiheit und Gemeinwohl miteinander in Konflikt geraten. Freiheitsrechte wurden eingeschränkt. Sind solche Eingriffe gerechtfertigt, um das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu schützen? Das Gemeinwohl wurde in weitgehender Zustimmung über individuelle Freiheitsrechte gestellt. Solche Eingriffe bedürfen immer wieder der theologischen, politischen und juristischen Rechtfertigung. Zugleich werfen sie die Frage auf, wie diese Freiheit genau zu bestimmen ist.

Glutkern der Freiheit

Von einem modernen, im Individuum des Menschen begründeten Freiheitsbegriff konnte bei der Debatte im Ausgang des Mittelalters noch keine Rede sein. Luther pointiert am Anfang der Freiheitsschrift pragmatisch: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Die Beziehung zu Gott steht bei ihm im Zentrum seines Glaubens und seiner Theologie. Sie ist der Ursprung des Freiheitsgedankens. Christus nimmt uns unsere Sünde und gibt uns dafür seine Gerechtigkeit.

Eine solche Gottesbezogenheit als Glutkern der Freiheit erscheint vielen Menschen heute irrelevant. Freiheit scheint ein selbstverständliches Gut. Man nimmt sie sich und verfügt über sie. Insofern war der Konflikt zwischen individuellen Freiheitsrechten und dem Gemeinwohl in Corona-Zeiten auch eine kritische Befragung eines einseitigen Freiheitspathos. Bei der Bezeichnung von Risikogruppen in Zeiten der Corona-Zäsur müsste diese Beschreibung vermutlich neu justiert werden. Darunter sind nicht zuerst die vulnerablen Gruppen zu verstehen, sondern diejenigen, die keinen Verzicht ihrer individuellen Freiheitsrechte auf Kosten der Gemeinschaft akzeptieren wollen. Sie riskieren den Zusammenhalt und die Mitsorge in einem Gemeinwesen.

Bei Luther führt der Freiheitsgedanke zur Hingabe an den Nächsten. Christus befreit dazu, unseren Mitmenschen so zu begegnen, wie er selbst den Menschen begegnet ist. Freiheit und Dienst gehören zusammen. Grundsätzliche Anfragen sind in der Corona-Zäsur gestellt worden. An den persönlichen Lebensstil ebenso wie an die Auswirkungen einer Globalisierung, die vorrangig ökonomischen Gesetzgebungen folgt. Die Freiheitserfahrung realisiert sich für den Menschen in seinem verantwortlichen Tun des Gerechten. Der Mensch ruiniert das gerechte und solidarische Leben der Menschheitsfamilie und zerstört den Planeten, auf dem er lebt. Dafür trägt er Verantwortung. Der Stolz auf die Freiheit verdunkelt sich zunehmend durch die Schattenflecke ihrer Auswirkungen. Er kehrt sich um in die Einsicht von Schuld und den Auftrag, im gerechten Tun, auf die geschenkte Freiheit zu antworten. Dass diese Wendung einen Bruch mit der eigenen Lebensweltbetrachtung bedeuten kann und zu geistlichen Quellen führt, beginnen Menschen zunehmend zu ahnen. Martin Luther fasst mit seinem Freiheitsverständnis auch Inhalte an, die essentiell sind für den Auftrag der Kirche. Am Beispiel der Sakramente will er die Kirche aus der theologischen und kirchlichen Gefangenschaft befreien. Seine Fundamentalkritik am mittelalterlichen Sakramentsbegriff trifft die Kirche ins Mark. Was Christus mit den Sakramenten für die Menschen wollte, zu diesem Kern muss es zurückgehen. Die Kirche selbst habe ihre eigene Knechtschaft verschuldet und sich ihres Zentrums beraubt: des Trostes, der Gewissheit und Freiheit, die aus dem Evangelium kommen. Alles, was diesem Evangelium zur Geltung verhilft, gilt es zu stärken; alles, was es hindert, und alles, was sich auf Kosten des Evangeliums in den Vordergrund schiebt, gilt es zu wehren.

Polemik gegen Altgläubige

Die Polemik gegen die Altgläubigen ist bekannt: Statt der sieben Sakramente seien es nur drei beziehungsweise zwei, Taufe und Abendmahl; die Beichte ist und bleibt für Luther strittig; das Abendmahl ist unter beiderlei Gestalt zu reichen statt nur als Brot; statt die Wandlung der Abendmahls-elemente mittels metaphysischer Kategorien zu erklären, geht es um das Wunder der Rechtfertigung im Glauben; statt des Verständnisses der Eucharistie als eines zu vollbringenden Opfers und Werkes, gilt es, das gute Testament dankbar anzunehmen; statt die Taufe durch die Buße zu ergänzen und bestenfalls durch andere Weihen zu ergänzen, steckt das ganze Heil in der glaubenden Erinnerung an die eigene Taufe.

Anknüpfungen drängen sich auf. In diesen Wochen sehen wir gewohnte, tradierte Elemente des gemeinschaftlichen Lebens, der liturgischen Prägung und der geistlichen Nahrung dahinschwinden. „Alle Sakramente sind dazu eingesetzt, den Glauben zu nähren.“ So heißt es in Luthers Gefangenschaftsschrift, dem dritten Bestseller von 1520. Wir entdecken eine Fülle von ungewohnten geistlichen Angeboten in allen Medien. Allerdings fehlen klassische, tradierte Gewohnheiten, die die Gemeinde in leiblicher Präsenz als gemeinschaftliches Miteinander voraussetzte. Mit dieser Grundform verlieren sich gestaltende Elemente, die als geistliche und ästhetische Nahrung bisher als lebenswichtig erschienen. Zudem wächst die Neigung, es sich im Luxus des eigenen Herrgottswinkels oder der Cloud bequem zu machen. In den zahlreichen digitalen Angeboten von Andachten und Gottesdiensten fehlen auffällig oft liturgisch entfaltete Ordnungen, Orgelmusik wird reduziert eingesetzt. Doch diese Gestaltungsfreude in den Netzwerken schafft eine überraschende Bereicherung der Verkündigung.

Wird es gelingen, diese zusätzlichen Angebote zu erhalten und sie nicht nur als temporären Ersatz, sondern als innovative Ausweitung kirchlicher Arbeit für die Zukunft zu verstehen? Wie wird die Spannung zwischen der Aufgabe von tradierten Formelementen auf der einen und Grenzen sprengender Interaktion in kreativen Formaten auf der anderen Seite sich gestalten? Das Ringen um gewohnte Elemente kirchlichen Lebens aber auch um ihre theologischen Grundlegungen wird sich aus dieser Krise heraus nicht mehr beruhigen. Bis in die Sakramentspraxis werden die Diskussionen weitergeführt, wie sich im Ringen um die angemessene Abendmahlsfeier zeigte (vergleiche zz 6/2020). Eine Einigkeit in der Gemengelage der Landeskirchen und Gemeinden erscheint unrealistisch. Binnenkirchliche Debatten verlaufen tendenziell immer strukturkonservativ, das sollte, nein, das muss diesmal anders sein. Diese Krise wird positive Zeichen setzen, wenn sich die kommenden Maßnahmen nicht an zahllosen Vorbedingungen und alten Erwartungen abmühen. In evolutionären Entwicklungen sind wir perfekt. Dem Sprung ins Neue allerdings verweigern wir uns zu oft.

Der reformatorische Impuls wirkte auch durch seine Rücksichtslosigkeit gegen bestehende Ordnungen. Er war keine therapeutische Maßnahme, sondern ein radikaler Eingriff ins bestehende System. In dialogischer, lernender, risikofreudiger Manier die Zukunft zu eröffnen, wird immer auch dem Vorläufigen und Gewagten vertrauen. So wie Luther in der Vorrede zum Römerbrief schreibt: „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal drüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig, voller Lust gegen Gott und alle Kreaturen.“

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