Über „digitale“ Gottesdienste

Gottesdienste per Stream und Predigten vom Tablet – sieht so digitale Kirche aus?
Foto: privat

Bei der Diskussion um Gottesdienste via Internet geht es nach Meinung unseres Onlinekolumnisten Philipp Greifenstein nicht um Technik, sondern um die generelle Machart von Gottesdiensten überhaupt. Er jedenfalls wolle heute nicht mehr „bepredigt“ werden …

 

Erst vor wenigen Tagen wärmte ein epd-Artikel von Stephan Cezanne (veröffentlicht auf evangelisch.de & katholisch.de, ökumenische Eintracht also), die Debatte über die Verwendung von Tablets im Gottesdienst auf. Anders als der Teaser vermuten lässt, sehen die im Artikel zu Wort kommenden Experten Tablets gar nicht so kritisch, solange auf dem Altar auch noch ein gedrucktes Buch zu liegen kommt. Ich nehme an, diese Bücher sollen schön dick und wertig verlegt sein und weiterhin von Kirchenverlagen an die Gemeinden für ein Heidengeld verkauft werden. Die Predigt aber dürften Pfarrer*innen durchaus vom Tablet „vorlesen“. Hauptsache, das Display leuchtet ihnen nicht von unten ins Gesicht!

Pfarrer Ralf Peter Reimann, Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, schreibt auf seinem Blog theonet.de über einen Skype-Gottesdienst, der Christ*innen aus Polen und Deutschland anlässlich des Gedenkens an die Entfesselung des 2. Weltkriegs am 1. September verband. Der Aufwand für die Übertragung war erheblich. In meinen Augen hat er sich gelohnt.

Tablets statt Ringbücher machen keinen digitalen Gottesdienst. Bevor an Streaming zu denken war, fielen schon TV-Produktionsteams in die Gottesdienste hierzulande ein, um sie als Kunstprodukt in die Wohnzimmer hineinzusenden. „Predigtpodcast“, das klingt nur neu: Seit vielen Jahren nutzen Kirchen und Prediger*innen Radio, Fernsehen und nun eben auch dieses Internet zur Verbreitung der immer gleichen Formate.

Dass Predigten und Gottesdienste im digitalen Raum nicht so richtig funktionieren wollen, liegt nicht am Distributionsweg. Und auch nicht an einer prinzipiellen Inkompatibilität mit dem Digitalen. Es liegt an der mangelnden Relevanz des inhaltlichen Angebots.

Ich kann die Abwehr gegen die Digitalisierung von Gottesdiensten wirklich verstehen, weil sie das bisher Hingenommene radikal in Frage stellt. Wenn Wikinger wild Windeln wickeln, wittern Norweger würzigen Wind. Doch: Nicht diejenigen tragen Verantwortung für den Gestank, die versuchen seine Quelle zu beseitigen. Die Relevanzvakanz, wie sie Sebastian Baer-Henney nennt, ist schon längst eingetreten, Digitalisierungsmühen machen sie nur für alle sichtbar.

Ich will nicht bepredigt werden. Damit ist mehr gemeint als das Medium, in dem Predigten versendet werden. Es geht um die Haltung des „Vorlesens“, den Mono-Kanal-Ton kirchlicher Verkündigung. Digitalität bedeutet die Eröffnung eines Rückkanals, Begegnung auf Augenhöhe und Menschen in Verbindung miteinander zu bringen. Darum ist der polnisch-deutsche Skype-Gottesdienst ein digitaler Gottesdienst.

Werfen wir zum Schluss einen Blick in die Zukunft (der digitalen Gottesdienste):

Auf der Enterprise-D werden Keiko Ishikawa und Chief Miles O’Brien nicht per Skype vermählt. Die Crew trifft sich zur traditionellen japanischen Zeremonie leibhaftig in der Bar „Zehn Vorne“. Ihre Einladungen werden sie wohl über den Schiffscomputer bekommen haben.

Sollte Captain Jean-Luc Picard mehr Worte gebrauchen, als wir im Video (siehe unten) sehen können, dann wird er seine Notizen vom Vorbild all unserer Tablets, einem PADD „ablesen“. Sowie die Gäste vielleicht Lieder aus PADDs singen. Das Paar und ihre Freunde feiern gemeinsam - wie uns Android Data zum Schluss wissen lässt –, weil sie die menschliche Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft teilen.

Das ist der Maßstab aller Gottesdienste, der digitalen wie der analogen. 

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