It’s the spirit, stupid!

Berichte von der Klimafront (III): Die Ressource Religion
Sonnenuntergang am Nordkap
Foto: Dr.Jutta Nowack / pixelio.de

Klimaschutz als Religion? Das ist Unfug, denn es geht beim Klimaschutz nicht um Glaubensfragen. Wohl aber um sehr existenzielle. Deshalb sind die Kirchen gefragt. Denn wir brauchen einen kulturellen und spirituellen Wandel, der nicht vom Himmel fällt. 

Da ist sie wieder, die Apokalypse: Der Untergang der Welt, zumindest wie wir sie kennen, im steigenden Meeresspiegel, im Feuer, das vom Himmel fällt. Auf den Plakaten der „Friday-for-Future“-Demos brennt, versinkt, schmilzt allerorten ein Weltenball. Und wer nun altväterlich lächelt und das für „Klima-Hysterie“ hält, dem sei gesagt: Viele der Jugendlichen treibt tatsächlich die Angst vor einer nicht allzu fernen apokalyptischen Zukunft auf die Straße. So wie die Furcht vor dem Atomkrieg in den Achtzigern die Massen mobilisierte. Und damals wie heute gilt: Die Angst ist begründet. Die jungen Leute, die freitags demonstrieren, haben die weltweite wissenschaftliche Expertise auf ihrer Seite. Es geht also beim Klimaschutz nicht um Glaubensfragen, wohl aber um sehr existenzielle. Und wer sich stets mit dem Hinweis auf das politisch Machbare, das arbeitsmarktpolitisch Verkraftbare und sozialpolitisch Zumutbare dafür entschuldigt, dass mehr jetzt nicht geht, der verkennt, dass die entscheidende Herausforderung des Umwelt- und  Klimaschutzes jenseits von CO2-Preis und Pendlerpauschale liegt.

„Früher dachte ich, dass die größten Umweltprobleme der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps der Ökosysteme und der Klimawandel wären (…) Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit, und um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.“ Dieses Zitat wird Gus Speth zugeschrieben. Er war Professor für Umweltpolitik und Nachhaltige Entwicklung an der Yale Universität und Chefberater der Nationalen Umweltkommission unter den US-Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton. Letzterer hatte ja mal einen anderen Berater, James Carville, der Clintons erfolgreiche Wahlkampagne 1992 unter anderem mit dem Satz „It’s the economy, stupid“ prägte. Jeder Depp sollte also verstehen: Es kommt also auf die Wirtschaft an!

Obwohl der Satz in einer bestimmten Zeit zu einem konkreten Zweck formuliert wurde, ist er seitdem waidwund zitiert worden, um auf die Vorrangstellung der Wirtschaft hinzuweisen. Und die scheint relativ zeitlos zu sein, denn auch beim Klimaschutz geht es immer wieder um wirtschaftliche Fragen. Die einen verweisen auf weltweiten Wettbewerb, bedrohte Arbeitsplätze und warnen vor zu vielen Vorschriften, die die Konjunktur abwürgen. Die anderen preisen die Chancen einer Green Économy, die neue Arbeitsplätze bringt und in der sich Wachstum und Natur miteinander versöhnen lassen. Eine dritte Gruppe klebt dem Klimaschutz das Klassenkampf-Etikett auf und sieht im Kapitalismus und seinem räuberischen Wesen den Grund für die Misere, die man nur mit einem Systemwechsel überwinden kann. Und dann sind da noch die Anhänger der Postwachstumsökonomie, die darauf pochen, dass es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann.

So unterschiedlich diese Positionen auch sein mögen, alle sind sich einig, dass die Wirtschaft der Dreh- und Angelpunkt beim Klimaschutz ist. „It’s the economy, stupid!“ Doch wenn man dem Umweltexperten Speth glaubt, müsste man den Satz anders formulieren: „It`s the spirit, stupid!“ Wobei das „stupid“ jetzt nicht beleidigend gemeint ist, sondern eher unsere Tumbheit beschreibend. Denn woran liegt es, das wir nicht tun, was rationaler nicht begründet werden kann, als mit den Zahlenkolonnen und fundierten Prognosen, die uns die Wissenschaftler des Weltklimarates seit vielen Jahren liefern? Gier, Egoismus und Gleichgültigkeit sind gewiss Zutaten für den sedierenden Cocktail, den wir in unterschiedlichen Dosierungen zu uns nehmen. Es lassen sich aber noch weitere finden, Ignoranz etwa, oder die Angst vor Veränderungen. Ein Freiheitsbegriff, der irgendwie mit dem Gaspedal und deutschen Autobahnen zusammenhängt. Und ein Wertesystem, das Menschen noch immer in Ober-, Unter- und Mittelschicht stapelt, je nach Einkommen und entsprechenden Statussymbolen, in dem Abstiegsängste lähmen oder zu trotziger Wut führen. Nicht umsonst setzt die Partei, die daraus Blut saugt und den Diesel retten will, nun verstärkt auf den Anti-Klimaschutz.

Wer kann den notwendigen kulturellen und  spirituellen Wandel befördern? „Wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht“, räumt Gus Speth ein. Aber es gibt Experten und Expertinnen für Spiritualität und ihre kulturellen Ausformungen. Seit Jahrtausenden kümmern sich die Religionen um dieses Fachgebiet menschlicher Existenz. Weil sie den Menschen als Geschöpf inmitten anderer Geschöpfe sehen, um seine Abhängigkeit und seine Einbettung in größere Zusammenhänge wissen. Auch im Christentum ist dieses Wissen vorhanden, es hat immer wieder dafür gesorgt, dass sich Christen und Christinnen zu allen Zeiten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eingesetzt haben. Und dabei geht es heute nicht als allererstes um die Dienstwagen der Bischöfe, das Essen auf Gemeindefesten und in kirchlichen Kantinen oder um die Frage, wo Kirchen ihr Geld anlegen. Das alles ist wichtig, aber vor allem als Zeugnis und Ausdruck einer Haltung, die in der Natur und den anderen Menschen immer auch die Spuren Gottes wahrnimmt, die nicht einfach verwischt werden dürfen.

Natürlich kann man solche Gedanken in EKD-Denkschriften, päpstlichen Enzykliken und unzähligen Predigten zum Thema nachlesen. Wem die theologischen Herleitungen dort zu traditionell und klerikal sind und wer den Mut zur Mystik hat, kann sich auch nochmal in die Gedanken und Glaubenswelt Dorothee Sölles vertiefen, die in diesen Tagen ihren 90. Geburtstag gefeiert hätte. Denn „Mystik und Widerstand“ hängen eng zusammen. Einen sehr verständlichen Einstieg in „christliche Spiritualität unter endzeitlichen Bedingungen“ bietet auch Geiko Müller-Fahrenholz in seinem Buch „Heimat Erde“, das der frühere Direktor der Nordelbischen Evangelischen Akademie und Professor für Ökumenische Theologie und Ökologische Ethik vor einigen Jahren vorgelegt hat. Oder man lässt sich von der Theorie des Soziologen Hartmut Rosa inspirieren, der den Menschen und ein gelingendes Leben in einem Geflecht von vertikalen, horizontalen und diagonalen Resonanzachsen verortet, zu dem auch die Religion und die Natur gehören.

Wir Christen und Christinnen und unsere Kirchen haben eine wichtige Aufgabe bei der nun anstehenden großen Transformation der Gesellschaft. Wir können den notwendigen kulturellen Wandel mitgestalten, vielleicht inmitten der apokalyptischen Szenarien sogar zur „Taskforce der Hoffnung“ werden, wie es die „Friday-for-Future“-Aktivistin Luisa Neubauer auf dem Kirchentag in Dortmund formulierte. Wir kennen die Ressource der unendlich erneuerbaren Energie, die dafür nötig ist. Wir müssen sie nur nutzen. 

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