Wirkt harmlos, ist aber gefährlich

Wir müssen Schulden machen, weil Sparen nichts mehr nützt
Foto: dhm
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Sparen gilt als Tugend. Aber stimmt das? Momentan nicht, denn durch überzogenes Sparen gelangt zu wenig Geld in den Markt, und es droht eine Absatzkrise, weil niemand mehr nach Krediten fragt, deren Zinsen wiederum die Finanzvermögen erhalten. Deshalb ist Schulden machen das Gebot der Stunde, meint Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der taz.

Schulden haben in Deutschland keinen guten Ruf. Besonders misstrauisch reagieren die Bundesbürger, wenn der Staat Kredite aufnehmen will. Sofort werden kollektiv vererbte Erinnerungen wach, wie 1923 und 1948 jeweils das gesamte Geldvermögen verloren ging, weil der Staat zuvor die Druckerpresse angeworfen hatte. Die Ängste sind so groß, dass viele Deutsche gar nicht wahrnehmen, wie schief diese Vergleiche sind: Damals wurden Weltkriege finanziert und dann verloren – während es heute um bescheidene Konjunkturpakete geht.

Die deutsche Schuldenphobie hat inzwischen sogar Verfassungsrang: Im Grundgesetz findet sich neuerdings eine „Schuldenbremse“, so dass nun eisern die „Schwarze Null“ angestrebt wird. Schulden sind tabu, was umgekehrt bedeutet, dass Sparen als Tugend gilt. Die meisten Deutschen glauben, dass Sparen reich machen würde – doch in Wahrheit macht es arm. Es stranguliert das Wachstum. Sparen wirkt harmlos, ist aber ungemein gefährlich, weil es Nachfrage entzieht. Das Geld gelangt nicht mehr in den Wirtschaftskreislauf, sondern wird auf einem Konto geparkt. Es kommt zu einer Absatzkrise, wenn sich nicht Menschen oder Unternehmen finden, die Kredite aufnehmen und die Ersparnisse kompensieren. Es ist schwer zu glauben, aber Darlehen und Ersparnisse gehören zusammen. Finanzvermögen kann es nur geben, wenn andere Schulden machen. Diesen Zusammenhang hat der deutsche Ökonom Wolfgang Stützel schon 1958 anschaulich beschrieben. Er nannte sein Modell „Saldenmechanik“, was ungemein kompliziert klingt, aber eigentlich nur simple Buchhaltung ist.

Die Grundidee: In einer Volkswirtschaft können nicht alle Sektoren gleichzeitig sparen. Die Wirtschaft würde zusammenbrechen, wenn der Staat, die Unternehmen und die privaten Haushalte allesamt bloß Überschüsse anhäuften. Mindestens ein Sektor muss sich verschulden, damit die Nachfrage stabil bleibt. Stützel war übrigens kein „linker“ Ökonom, sondern verstand sich selbst als liberaler Marktwirtschaftler. Aber es ist eben zwingend, dass Kreditnehmer gebraucht werden, sobald gespart wird. Diese volkswirtschaftliche Binsenweisheit ist jedoch nicht leicht umzusetzen, weil ein sozialpsychologisches Problem dazwischenfunkt: Die privaten Haushalte sparen eigentlich immer, sobald sie der absoluten Not entkommen sind. Einzelne Familien nehmen zwar einen Kredit auf, um beispielsweise ein Haus zu bauen – in der Summe überwiegen aber die Sparer. Denn die Menschen wollen fürs Alter vorsorgen, Rücklagen für die Ausbildung ihrer Kinder bilden oder ein Erbe hinterlassen. Wenn jedoch die privaten Haushalte kontinuierlich Überschüsse anhäufen, dann müssen sich entweder die Unternehmen oder der Staat verschulden. Doch längst sparen auch die deutschen Firmen und türmen Milliarden an Finanzvermögen auf. Die Unternehmen sitzen auf riesigen Barreserven und wissen nicht mehr, wo sie ihre Gewinne noch anlegen sollen.

Bloß keine Kredite!

Die reine Logik würde also gebieten, dass sich der deutsche Staat stärker verschuldet, wenn private Haushalte und Unternehmen sparen. Doch stattdessen wurde, wie erwähnt, sogar eine „Schuldenbremse“ ins Grundgesetz geschrieben, damit der Staat bloß keine Kredite aufnimmt. In Deutschland spart also jeder: die Bürger, die Firmen und die öffentliche Hand.

Geld kann man bekanntlich nicht essen, doch im Alltag wird diese schlichte Weisheit permanent vergessen. Jeder einzelne will sparen, um sich für die Zukunft abzusichern, aber eine Gesamtgesellschaft kann nicht vorsorgen, indem sie Geld anhäuft. Geld allein schafft keinen Reichtum, sondern ist nur eine Zahl auf einem Konto.

Der eigentliche Reichtum entsteht durch Investitionen, die heute getätigt werden, um morgen mehr Güter und Dienstleistungen zu produzieren. In Deutschland wird jedoch viel zu wenig investiert. Vor allem die Kommunen sind finanziell so klamm, dass ihre Neuinvestitionen noch nicht einmal ausreichen, um die Abschreibungen zu kompensieren. Das Anlagevermögen der Gemeinden sinkt also.

Aber auch die privaten Firmen investieren kaum noch, obwohl sie so große Barreserven haben. Dies ist kein böser Zufall. Es ist geradezu zwingend, dass die Investitionen schwächeln, wenn alle Sektoren fleißig Überschüsse anhäufen. Wer spart, konsumiert nicht. Wenn aber der Absatz stagniert, dann gibt es für die Firmen keinen Anreiz mehr, ihre Produktion auch noch auszuweiten. Sparen ist also für die Gesamtwirtschaft ungemein gefährlich, obwohl es jedem Einzelnen sinnvoll erscheint, sein Geld beisammen zu halten. Betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Vernunft klaffen auseinander, was aber weder dem Unternehmen noch dem Einzelhaushalt auffällt, weil sie über ihre eigene kleine Welt nicht hinausblicken können. Daher bleibt nur der Staat, um die gesamte Wirtschaft zu steuern. Er muss die Investitionen ankurbeln und die Sparwut möglichst bremsen, wenn die Wirtschaft wachsen soll.

Der Staat darf also nicht darauf warten, dass die Firmen investieren – sondern muss selbst Kredite aufnehmen und aktiv werden. Viele Zukunftsprojekte sind sowieso am besten gesamtgesellschaftlich zu stemmen. So ist die Energiewende nur möglich, wenn neue Stromtrassen gebaut werden, denn dezentrale Windräder oder Solarpaneele benötigen andere Netze als die Kohlekraftwerke, die abgeschaltet werden sollen. Bedarf herrscht ebenfalls bei der Bildung und der Infrastruktur. Noch immer fehlen Kindergärten und schnelle Internetverbindungen; das Schienennetz und die Straßen sind vielerorts marode.

Bisher fehlt jedoch die Einsicht, dass Schulden hilfreich wären und Ersparnisse gefährlich sind. Ganz im Gegenteil: Der Staat zwingt seine Bürger auch noch zu sparen, indem er die private Altersvorsorge forciert. Es werden Milliarden an Subventionen verschwendet, um die Riester-Rente zu fördern. Auch dieses Geld sammelt sich nutzlos auf Konten. Genial hingegen ist die gesetzliche Rente, die so gern verteufelt wird. Denn sie setzt auf das sogenannte Umlageverfahren: Die heutigen Arbeitnehmer zahlen für die heutigen Rentner. Fertig. Da wird nichts angespart und dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Würde die gesetzliche Rente komplett auf eine private Vorsorge umgestellt, müssten etwa 7 000 Milliarden Euro angespart werden. Die Finanzmärkte würden ungeheuer aufgebläht, während gleichzeitig die Realwirtschaft kollabierte, weil ihr Nachfrage entzogen würde. Die gesetzliche Rente ist kein sozialer Reparaturbetrieb des Kapitalismus, sondern ermöglicht ihn erst.

Inzwischen ahnen auch viele Sparer, dass die Welt des Geldes in schwere Schieflage geraten ist, denn es gibt keine Zinsen mehr. Die Empörung ist groß, dass die Renditen weitaus niedriger sind als die Inflation, so dass das Vermögen schleichend schmilzt. Längst kursiert der böse Spruch, die Sparer würden „enteignet“. Doch diese Anspruchsmentalität beruht auf einem Irrtum: Es gibt kein Menschenrecht auf Zinsen. Realzinsen können nur gezahlt werden, wenn die Wirtschaft wächst. In der Eurozone kriselt es aber, und auch Deutschland ist auf dem Weg in eine Rezession. Jeder Sparer müsste also ein fundamentales Interesse daran haben, dass der Staat Kredite aufnimmt und investiert, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch bisher sind es gerade die Vermögenden, die fest an eine „Schwarze Null“ glauben. Sie bemerken gar nicht, wie sehr sie sich selbst schaden. Stattdessen wird nach Schuldigen gesucht. Hartnäckig hält sich der Verdacht, dass die Europäische Zentralbank mutwillig die Zinsen nach unten drücken würde. Vor allem zwei Maßnahmen sind umstritten: Die EZB hat die Banken mit 2,6 Billionen Euro geflutet, um endlich die Kreditvergabe zu forcieren. Für viel Missmut sorgt auch, dass die EZB einen Negativzins von 0,4 Prozent verlangt, wenn Banken Geld bei ihr parken.

Doch die Eurozone ist gar kein Sonderfall. Weltweit liegen die Zinsen fast bei Null, und es gibt auch andere Länder, die mit Negativzinsen experimentieren, um Banken und Sparer davon abzuhalten, ihr Geld zu horten. Nur ein Beispiel: Die Schweizer Nationalbank verlangt sogar einen Negativzins von 0,75 Prozent. Die Zinsen sind weltweit niedrig, weil es ein globales Überangebot an Finanzmitteln gibt. Nicht die Sparer sind rar – sondern die Kreditnehmer. Diese weltweite Schieflage wird noch verschärft, weil die Inflation sehr niedrig ist. Deutsche haben instinktiv Angst vor einer Geldentwertung, weil sie an die Jahre 1923 und 1948 erinnert werden. Aber ohne eine gewisse Inflation kann der Kapitalismus nicht funktionieren, denn fallende Preise würgen das Wachstum ab.

Nahe der Todeszone

Der Mechanismus ist so simpel wie tückisch: Wenn die Preise erst einmal sinken, neigen die Kunden dazu, ihre Anschaffungen aufzuschieben – in der Hoffnung, dass die Waren noch billiger werden. Gleichzeitig können Unternehmen keine Kredite mehr aufnehmen, um in ihre Produktion zu investieren. Denn sobald die Preise sinken und der Umsatz fällt, lassen sich Darlehen nicht mehr zurückzahlen. Die Wirtschaft bricht ein. Die Europäische Zentralbank hat daher als offizielles Ziel ausgegeben, dass die Inflationsrate in der Eurozone 1,8 Prozent pro Jahr betragen soll. Doch derzeit liegt die Geldentwertung bei nur einem Prozent – und bewegt sich damit gefährlich nahe an der Todeszone, in der die Preise fallen. Die Europäische Zentralbank erwägt daher, noch mehr Geld in die Banken zu pumpen. Es wäre eine reine Verzweiflungstat, denn auch die Notenbanker glauben nicht wirklich, dass noch mehr Geld die Lösung ist. Schließlich haben die Banken längst genug Mittel in ihren Bilanzen, die sie aber nicht verleihen können, weil es an potenten Kunden fehlt, die einen Kredit beantragen wollen. Die Geldpolitik der Zentralbanken ist an ihr Ende gekommen. Nötig wäre jetzt Fiskalpolitik: Die Staaten der Eurozone müssen Kredite aufnehmen und investieren, um die Wirtschaft wieder zu beleben.

Leider sieht es bisher nicht danach aus, dass sich die deutsche Regierung schon bald vom Mantra der „Schwarzen Null“ verabschieden könnte. Doch sollte jeder Sparer wissen: Finanzvermögen behält nur seinen Wert, wenn sich jemand anderes verschuldet.


 

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