Schattenseiten eines Rabbiners

Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt in frommen jüdischen Kreisen Israels ist mühsam
Foto: Uri Lenz
Foto: Uri Lenz

In einem schlichten Bürogebäude eines Industriegebiets in Jerusalem kämpft eine kleine Institution gegen den sexuellen Missbrauch. Das Besondere: Das Takana Forum beschränkt sich auf Beschwerden gegen nationalreligiöse Rabbiner und Religionslehrer. Über ein auch in Israel oft verschwiegenes Thema berichtet der Journalist Igal Avidan.

Schlomo Aviner, einer der einflussreichsten national-religiösen Rabbiner in Israel, leitet eine renommierte Talmudschule in Jerusalem. In Fragen der Moral gilt der 76-Jährige als besonders streng. So ruft er seit Jahren dazu auf, in der religiösen Jugendbewegung Aktivitäten von Jungs und Mädchen zu trennen und verbietet Frauen, Vorträge vor Männern zu halten. Frauen sollten zudem ihre Ellenbogen stets verdecken und keine bunten Kleider tragen.

Die Nachricht, dass ausgerechnet Rabbi Aviner jahrelang zwei Frauen sexuell belästigt haben soll, sorgte 2002 für Furore. „Die beiden Freundinnen erfuhren erst Jahre später zufällig, dass sie beide Opfer des gleichen Rabbiners gewesen waren“, berichtete die Zeitung Maariv. „Sie wandten sich an alle wichtigen Rabbiner mit der Bitte um Hilfe. Weil diese aber schwiegen, wandten sie sich an die Presse.“

Die Jerusalemer Frauenaktivistin Yehudit Sheilat war enttäuscht von der Reaktion der Rabbiner, dass die Ermittlungen gegen Aviner als unbegründet eingestellt wurden und der Autor des Berichts angefeindet wurde. Die gläubige Familienberaterin verstand, dass fromme Juden ihren Rabbinern blind vertrauten – und nicht den beiden Frauen. Weil sie keine Institution fand, die solchen Opfern helfen könnte, gründete sie 2003 das „Takana Forum“ mit.

Das hebräische Wort „Takana“ bedeutet „reparieren“ oder „heilen“. Zu den Mitbegründern gehörte Avi Gieser, Rabbiner der Siedlung Ofra und Vorsitzender des Rates für national-religiöse Bildung.

„Ich habe schon viel früher sexuelle Übergriffe aufgedeckt und den Opfern Beistand geleistet“, sagt er. „Jeder weiß, dass solche Taten zwischen Religionslehrern und ihren Schützlingen oder Untergebenen existieren.“

Das Takana Forum beschränkt sich aus Personalmangel auf Beschwerden gegen nationalreligiöse Rabbiner und Religionslehrer. Es verweist Minderjährige an die Polizei, die allein bei solchen Fällen ermitteln darf. Auch ultraorthodoxe Juden werden abgewiesen, wahrscheinlich, weil sie die Autorität national-religiöser Rabbiner nicht anerkennen. Der Verein verspricht Diskretion. Denn in der religiösen jüdischen Gesellschaft ist Sexualität, und besonders Homosexualität, ein Tabuthema, und das Verhalten des Einzelnen wird auf die Familie übertragen. So könnte ein Opfer, dessen Namen öffentlich wird, auch gesellschaftlich bestraft werden. Er könnte aus der Synagoge verwiesen werden, seine Geschwis-ter von der religiösen Schule fliegen oder die arrangierte Ehe platzen.

In einem schlichten Bürogebäude eines Industriegebiets in Jerusalem weist kein Schild auf das Takana-Büro hin. Die meisten Opfer, die hierher kommen, sind Frauen. Daher war es von Beginn an klar, dass eine Frau das Forum leiten würde.

Sheilat wollte anerkannte Rabbiner gewinnen, deren Urteile respektiert würden, „aber auch prominente Frauen“, wie sie betont. Sheilat ist die einzige Angestellte im Verein und führt 37 ehrenamtliche Helfer, einflussreiche Männer und Frauen, die in Fachausschüssen aufgeteilt werden. Sie sollen alle sechs Wochen entscheiden, welche Beschwerden zu behandeln sind.

Vier Mitglieder betreuen je einen Fall, zwei Frauen und zwei Männer: ein Religionsgelehrter, ein Jurist oder eine Juristin, ein Psychologe oder Sozialarbeiter und eine Person des öffentlichen Lebens oder aus dem Bildungsbereich. Das Quartett versucht, die Fakten herauszufinden, und führt ein Klärungsgespräch mit dem Beschuldigten. Wenn es die Beschwerde als berechtigt einstuft, empfiehlt es dem Täter (ganz selten ist dies eine Täterin), seine Machtposition für ein Jahr zu verlassen, sich einer Therapie zu unterziehen und das Opfer zu entschädigen. Werden diese Bedingungen erfüllt, bleibt der Fall diskret.

Will Takana die Arbeit der Polizei und des Staatsanwalts ersetzen oder durch die Diskretion unangenehme Medienberichte verhindern? „Wir wollen weder die Ermittlungsbehörden noch die Justiz ersetzen – noch die schmutzigen Wäsche verstecken“, versichert Sheilat. „Wir empfehlen allen Opfern, zur Polizei zu gehen, aber die meisten bevorzugen die Takana. Nur 15 Prozent der Opfer sexueller Übergriffe wenden sich an die Polizei, bei nur fünf Prozent der Fälle führen die Ermittlungen zu einem Prozess, und nur in zwei Prozent der Fälle werden die Täter verurteilt“, zitiert Sheilat die Zahlen des Hilfsvereins für Opfer sexueller Gewalt.

Zweite Hölle

Vor allem Frauen befürchten, dass die Gemeinschaft oder gar ihre eigene Familie sie verstoßen würde, wenn der Fall bekannt wird, so Sheilat. „Eine solche ‚zweite Hölle‘ wollen sie unbedingt vermeiden.“ Manchen Frauen fällt es schwer, den Täter anzuzeigen, weil sie Mitleid mit seiner Frau und Kinder haben. „Sie wollen nur, dass er keine weiteren Frauen missbraucht.“ Dafür setzt sich der Verein ein.

Durch den Fall des Rabbiners Moti Elon wurde Takana bekannt. Der 59-Jährige stammt aus einer einflussreichen Familie. Sein Vater und Bruder waren Richter am Obersten Gericht, ein anderer Bruder war Minister. Für Rabbiner Giser galt er als „ein Meteor“. „Ich freute mich über seine Nominierung als Leiter der angesehenen Talmudschule an der Klagemauer in Jerusalem 2002.“ Giser konnte nicht wissen, dass dies nur kurz nach den Übergriffen gegen Amitay Dan geschah. Bald sollte er auch die Schattenseiten von Rabbiner Elon entdecken.

Im Juli 2005 berichteten zwei Männer dem Verein Takana, sie seien als Jugendliche von Elon sexuell belästigt worden. Wegen der Prominenz des Rabbiners betreuten fünf Mitarbeiter diesen Fall. Weil diese Fälle Jahre zurück lagen und Elon damals noch kein Rabbiner war, verboten sie ihm, sich ein Jahr lang allein mit einem jungen Mann in einem geschlossenen Raum aufzuhalten. Elon gab den Vorfall zu, sagte, dass er seine „Schwächen“ überwunden habe und akzeptierte im September 2005 die Einschränkungen schriftlich.

Im Juni 2006 erreichte Takana jedoch eine neue Beschwerde gegen Elon. Ein ehemaliger Religionsschüler beschuldigte ihn des jahrelangen sexuellen Missbrauchs. Diese Vorfälle fanden in der Zeit statt, in der Elon seine „Schwächen“ überwunden haben wollte – und sogar nach seiner schriftlichen Verpflichtung. Der Rabbi bestätigte dem Gremium die sexuellen Handlungen erneut, betonte jedoch, der junge Mann habe ihn verführt.

Das Forum lehnte Elons Sichtweise strikt ab und zwang ihn, für acht Jahre alle öffentlichen Auftritte und Bildungsaktivitäten aufzugeben. Der Rabbiner musste die Leitung der Religionsschule abgeben, durfte sich nicht allein mit jungen Menschen treffen oder direkt unterrichten. Stattdessen sollte er die Thora allein studieren, schreiben oder Predigten übers Internet halten.

Sollte er diese Bedingungen erfüllen, würde Takana seinen Fall in acht Jahren erneut überprüfen. Rabbi Elon verließ daraufhin Jerusalem und zog in ein Dorf am See Genezareth. Aber bald begann er, dort zu unterrichten, und viele junge Männer scharten sich um den charismatischen Rabbi. Beim Forum Takana erfuhr man davon, warnte ihn immer wieder, führte mit ihm ein Aufklärungsgespräch – schenkte jedoch seinen Erklärungen keinen Glauben.

Schließlich beschloss ein sechsköpfiger Ausschuss im Februar 2010 einstimmig, den Fall öffentlich zu machen. „Wir sind keine Moralpolizei“, sagt Rabbiner Avi Giser, „aber wir müssen Menschen schützen, die den Rabbinern folgen.“ Es folgten Ermittlungen gegen Elon. Die von Takana behandelten Fälle waren zwar verjährt, aber eine neue Beschwerde führte zum Prozess. 2013 wurde der Rabbi schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe auf Bewährung und einer Entschädigung des Opfers verurteilt. Aber solange Elon das Vertrauen des bedeutendsten national-religiösen Rabbiners Chaim Druckman genoss, konnte er weiterhin in der Religionsschule unterrichten – wenn auch nicht mehr lange. Im Dezember 2018 berichtete Amitay Dan dem Forum Takana, dass er 2002 an der begehrten gymnasialen Religionsschule Chorev in Jerusalem studierte. Als 17-Jähriger litt er damals sehr unter familiären Problemen und suchte Rat beim Schulleiter Moti Elon, wie er in einem schriftlichen Interview bestätigte.

Charismatischer Schulleiter

„Er sorgte dafür, dass wir allein in seinem Arbeitsraum blieben, setzte mich vor ihn, umarmte mich und stellte intime Fragen. Dann legte er seine Hände auf meine Knie, begann mich zu streicheln und sagte, ich solle näherkommen. Ich fragte ihn, ‚Rabbi, ist das in Ordnung, was Du tust’? Ich spürte, dass das nicht richtig war, aber er machte gewaltsam weiter. Er war immerhin der Schulleiter. Schließlich gelang es mir, eine Vergewaltigung zu verhindern.“ Ein Verwandter, dem er vom Vorfall erzählte, fand nichts dabei, so dass Dan schwieg: „Es ist nicht leicht, als Mann zu erzählen, dass man sexuell belästigt wurde.“ Zudem hatte der Junge kaum eine Chance gegen den charismatischen Schulleiter. Sheilat empfahl Dan, Elon anzuzeigen, was er auch tat. Seitdem kämpft Dan öffentlich dafür, dass das Oberrabbinat Elon den Titel „Rabbiner“ aberkennt. 2013 entzog diese staatliche Institution Rabbiner Yehuda Rosilio den Titel „Rabbi“, weil er Thorarollen aus der Synagoge geklaut hatte. Anders der Sex-ualtäter Elon.

Dem Rabbinat reichte Elons Zusage aus, er werde bis August 2022 keine Stelle eines Stadtrabbiners anstreben. Hochzeiten darf er weiterhin durchführen. Erst auf Druck hochrangiger Rabbiner und Druckmanns öffentlicher Distanzierung räumte Elon sein Fehlverhalten ein, schloss seine Religionsschule und begann eine psychologische Behandlung.

Dans Protest setzen mittlerweile zwei Frauen fort. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding können sie eine Klage gegen das Oberrabbinat vorbereiten. Damit der verurteilte Sexualtäter Elon nicht mehr Rabbiner sein kann.


 

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