Ist die Kirche zu politisch?

Erwägungen zu einem leidigen Thema
Foto: privat

Immer wieder kommt die Frage auf, ob und wenn ja wie sich die Kirche politisch äußern sollte beziehungsweise „darf“. Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen widmet sich im Folgenden dem Thema und zieht dabei durchaus auch die Möglichkeit häufigeren Schweigens in Betracht …

Ein peinliches Geständnis zu Beginn: Mir ist kaum ein Thema so unangenehm, wie die Frage danach, ob und wie die Kirche politisch sein solle. Denn selten begegnen mir so viele falsche Alternativen, unangemessene Erregungen und verfehlte Erwartungen, eine solche Asymmetrie zwischen Sachkenntnis und Meinungsfreude wie hier. Selten ist so unklar, worum es geht: Was heißt „politisch sein“? Wer ist mit „Kirche“ gemeint? Da diese Frage aber viele Menschen umtreibt – und natürlich mich auch –, möchte ich hier vier grundsätzliche, aber unvollständige Gedanken zur Diskussion stellen, die mich gerade umtreiben.

1. Dass die evangelische Kirche sehr politisch sei, hört man mit entgegengesetzter Wertung von zwei Seiten. Rechte Empörungspublizisten, Ressentimentkonservative und Vertreter der AfD behaupten, dass die evangelische Kirche zu politisch sei. Darin finden sie bei einem bürgerlichen Publikum Zustimmung, wobei diesem nicht bewusst sein dürfte, dass die AfD damit versucht, die Institution „evangelische Kirche“ grundsätzlich zu delegitimieren. Berechtigte Kritik im Einzelnen ist etwas anderes als gezielte Totalabwertung. Die AfD gerade in den neuen Bundesländern betreibt ja auf ihre Weise eine Fortsetzung der Anti-Kirchen-Politik der SED. Sie will die Kirche als Institution, die öffentlich für christliche Humanität eintritt, ins Schweigen abdrängen. – Dass die Kirche wieder mehr politisch sein solle, höre ich andererseits regelmäßig von geschätzten, eher älteren Kollegen. Mit einer gewissen Wehmut erinnern sich einige von ihnen an zentrale Ereignisse der eigenen religiösen Biographie, bei denen Frömmigkeit und Engagement sich verbanden. Ob sie aber damit die politische Aufgabe und die öffentliche Rolle der evangelischen Kirche heute angemessen in den Blick nehmen?

2. Gegen beide Seiten würde ich versuchsweise eine Antithese setzen: Mir scheint – im historischen Langzeitvergleich –, dass die evangelische Kirche heute eher unpolitisch ist. Mir fällt keine politische Entscheidung der vergangenen Jahre ein, die wesentlich durch ein Engagement der evangelischen Kirche zustande gekommen wäre. Das lässt sich mit dem Lobbying anderer Gruppen und Institutionen nicht vergleichen. Stattdessen fällt mir auf, dass kirchliche Debattenbeiträge gegenwärtig nur noch zu wenigen Themen zugelassen zu sein scheinen oder erwartet werden. Von der Fülle dessen, was eine politische Ethik des Protestantismus sein könnte, sind geblieben: Flüchtlinge, Medizinethik am Anfang oder Ende des Lebens, Klimaschutz – aber sehr allgemein. Das sind natürlich sehr wichtige Themen, aber nicht alle. So scheint mir die gegenwärtige kirchliche Lage weniger durch forciertes politisches Engagement als durch eine eigentümliche Verunsicherung gekennzeichnet zu sein. Was nichts Schlimmes sein muss, sondern berechtigt sein kann.

Dabei sind viele kirchliche Akteure auf unterschiedlichen Ebenen durchaus politisch tätig: die Gemeindepastorin, die mit dem Bürgermeister ihrer Kommune die Kitabeiträge verhandelt, der Kirchenkreis, der mit der Bezirksverwaltung über Stadtteilentwicklung diskutiert, das Diakonische Werk, das in Berlin seine Anliegen vorbringt. Sie – und noch viele mehr – versuchen, legitime eigene Interessen durchzusetzen, diese zugleich in einen Abgleich mit dem Gemeinwohl zu bringen, sachkundig und verständigungsbereit zu streiten. Von ihren fachlichen Gesprächspartnern werden sie dabei – so mein häufiger Eindruck – durchaus geschätzt, von der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen.

Von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden – wenn auch begrenzt – dagegen politische Interventionen kirchenleitender Personen. Doch frage ich mich manchmal, wie viel Politik in ihnen steckt. Sie sind offenkundig ein Teil kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit. Deren Bestreben – ich kenne das Geschäft seit vielen Jahren und betreibe es ja auch selbst – muss es sein, dass die evangelische Kirche und ihre Leitungsfiguren in den Medien vorkommen. Da dies mit theologischen oder religiösen Themen im engeren Sinn immer seltener gelingt, bieten sich Stellungnahmen zu aktuellen politischen Debatten an. Häufig werden sie übrigens von Medien abgefragt. So sehr ich dies aus der Perspektive kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit verstehe, so sehr frage ich mich, ob es bei solchen Statements um Politik – die strategisch geplante und argumentativ fundierte Durchsetzung präziser Interessen gemeinsam mit Verbündeten – geht oder nicht eher darum, in den Medien präsent zu sein. Das aber wäre fatal, weil ungewollt ein Beweis eigener Entpolitisierung.

3. Aber was heißt überhaupt „politisch“? Die evangelische Kirche ist Teil der Polis. Als Zwischen-Institution soll sie den öffentlichen Raum zwischen dem Privaten und dem Staat so mitgestalten, dass religiös-ethische Urteilsbildung und fruchtbares Bürgerengagement entstehen können. Sie soll eine Institution der Freiheit sein, die das Wachsen einer humanen Kultur mitbefördert. Wie wichtig solch eine religiös-ethische Zwischen-Institution für die Polis ist, merkt man erst, wenn sie fehlt. Die evangelische Kirche ist aber auch in sich selbst eine Polis, umfasst sie doch zum Glück immer noch sehr unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte und Gegensätze, die sich miteinander verständigen müssen. Die evangelische Kirche ist also in ihrem Außen- wie ihrem Selbstverhältnis Polis und also politisch, denn sie ist das unendliche Gespräch der Christen miteinander und mit ihrer Welt – nicht zuletzt auch über politische Fragen.

Doch welcher Tugenden bedarf sie, um sinnvoll politisch zu agieren? Vor kurzem habe ich noch einmal die Rede gelesen, die Max Weber vor genau 100 Jahren über „Politik als Beruf“ gehalten hat. Für Weber gibt es drei Tugenden, die einen guten Politiker auszeichnen. Erstens „Leidenschaft“, das heißt Leidenschaft für die Sache, eine existentiell gegründete Sachlichkeit. Zweitens „Verantwortungsgefühl“, das heißt ethische und professionelle Verantwortung für diese Sache. Drittens „Augenmaß“, das heißt ruhige, distanzierte Betrachtung der Dinge, die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen. Was gar nicht leicht ist. Nicht wenige Politiker litten nach Weber unter „ganz gemeiner Eitelkeit, der Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz – sich selbst gegenüber“. Lassen sich diese Tugenden auf das politische Engagement kirchlicher Akteure übertragen? Leidenschaft der Sachlichkeit, Verantwortungsgefühl und Augenmaß/Selbstdistanz: Gerade letzteres ist bei meinem Berufsstand ein heikles Gut, denn wir sind allzu sehr versucht, aus dem Gefühl, uns für das Gute zu engagieren, die Distanz uns selbst gegenüber zu verlieren.

Wäre also nicht dies ein überzeugender politischer Protestantismus, der für seine Polis aus christlicher Verantwortung präzise strategische Ziele bestimmt, gut begründet, mit Verbündeten und Gegnern offen diskutiert, dabei stets das Ende mitbedenkt, um sie dann mit langem Atem und der nötigen Selbstdistanz zu verfolgen?

4. Ein solcher politischer Protestantismus wäre ebenso eindeutig wie uneindeutig. Seine Aufgabe ist es, für christliche Humanität einzutreten, für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Wenn er als politisch erwachsen gelten will, muss er dabei eine Balance finden aus Nächstenliebe und Nüchternheit, Barmherzigkeit und Besonnenheit. Vor allem aber sollte er den Zwiespalt, der in ihm selbst liegt, bedenken. Die evangelische Kirche ist keine Kirche der Armen. Ich als evangelischer Pastor partizipiere an dem Reichtum des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Systems, in dem ich lebe. Das ist kein Schuldeingeständnis, auch kein Vorwurf gegen andere, sondern einfach eine ehrliche Feststellung. Aus ihr sollte, meine ich, bei uns ein waches Bewusstsein für das eigene Beteiligtsein in Dynamiken folgen, die andernorts destruktiv wirken können. Es wäre ein Ausweis moralischer, intellektueller und politischer Redlichkeit, wenn wir (wenn ich!) die eigene zwiespältige Rolle gerade dann mitbedenken, wenn wir uns für eine gute und notwendige Sache einsetzen.

Groß ist die Versuchung, vor dieser in der Tat enervierenden, eigenen Zwiespältigkeit zu fliehen, zum Beispiel indem man fremde Not sentimentalisiert, ferne Arme idealisiert oder sich gar mit ihnen identifiziert und in ihre Position hineinträumt. Doch damit würde man diesen Menschen nicht gerecht. Diese Versuchung, vor der eigenen Zwiespältigkeit in einer Rhetorik des Guten und Eindeutigen zu fliehen, ist übrigens nicht nur für uns Kirchenleute eine Gefahr, sondern ebenso für diejenigen, die mit staatlichen Geldern Kunst und Kultur „machen“.

Aber wie wäre es, wenn die evangelische Kirche ihre Aufgabe auch darin sähe, die eigene Eindeutigkeit und Zwiespältigkeit zum Thema zu machen? Wir Deutschen sind Bürger eines Landes, das aktiv Mitverantwortung für die Zustände auf dieser Erde trägt. Wir genießen die Wohlstandsfrüchte dieser Verantwortung und sollten deshalb auch die damit verbundenen Pflichten wahrnehmen. Indem wir dies tun, können wir uns aber nie auf der moralisch richtigen Seite wissen, weil wir immer auch davon profitieren, wogegen wir protestieren. Dieses „Wir profitieren von dem, wogegen wir protestieren“ lässt sich durch viele Politikbereiche deklinieren. Umso wichtiger wäre es, darüber öffentlich nachzudenken. Das könnte ein überraschender und sinnvoller kirchlicher Beitrag zur politischen Urteilsbildung und Gewissensschärfung in Deutschland sein. Dazu müssten Mitglieder der evangelischen Kirche (aber bitte, bitte nicht nur wir Amtsträger!) entschieden für christliche Humanität eintreten, dies mit eigenem Handeln unterlegen, dabei engagiert und klug streiten, aber immer auch Folgen und das mögliche Ende mitbedenken und – häufiger als wir glauben würden – auch mal schweigen.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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