Das aufgewühlte Land

Der Strukturwandel in der Lausitz fordert viel von Menschen und Kirche
Fotos: dpa/Patrick Pleul
Fotos: dpa/Patrick Pleul

Der Ausstieg aus der Braunkohle ist beschlossen. Regionen wie die Lausitz im Osten Deutschlands müssen ihre wirtschaftliche Struktur komplett verändern. Das stellt die Bevölkerung erneut vor große Herausforderungen und verschärft gesellschaftliche Konflikte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten schwelen. Welche Rolle kann die Kirche in so einer Situation spielen?

Das Feuer brennt in Eisentonnen unweit des riesigen Lochs in der Erde. Bergleute aus der Lausitz halten eine Mahnwache, weil ihr Braunkohletagebau stillsteht. „Wir leben von der Kohle, nicht von grünen Märchen“ steht auf ihrem Transparent. Und sie kündigen an: „Das Feuer wird so lange lodern, bis der Tagebau wieder in den Betrieb geht.“ Gleichzeitig feiern die Deutsche Umwelthilfe und Grüne Liga ihren Erfolg: Sie hatten vor Gericht geklagt, weil sie die Moore und Feuchtgebiete in der Nähe des Tagebaus Jänschwalde bedroht sehen, eine entsprechende Verträglichkeitsprüfung lag nicht rechtzeitig vor und so hat das Gericht Ende August den Stillstand angeordnet. Bis in den November hinein dürften nun die Bagger ruhen.

Für die Umweltschützer ein Erfolg, für die Bergleute ein Grund zum Protest. Und für viele Lausitzer ein weiteres Motiv, den Wahlschein zum „Denkzettel“ zu machen. Jeder Dritte von ihnen wählte bei den jüngsten Landtagswahlen die AfD, in manchen Wahlkreisen sogar deutlich mehr.

Das alles sind Vorboten der Konflikte, die sich womöglich noch verschärfen werden, wenn der beschlossene Ausstieg aus der Braunkohle nach und nach umgesetzt wird. Auf der einen Seite die achttausend Beschäftigten des Braunkohlekonzerns leag und etwa noch einmal so viele Zulieferer, die ihren Job so gut wie möglich machen, gut dafür bezahlt werden und in der Tradition der Bergbauregion Lausitz stehen, die seit langer Zeit für Wärme und Energie sorgt. Und für massive Umweltbelastungen, nicht nur mit Blick auf den Klimaschutz. Darauf weisen die auf der anderen Seite hin, die Wissenschaftler, die Umwelt- und Klimaschützer, diejenigen, die das fossile Zeitalter hinter sich lassen wollen und nach einer umweltverträglichen Wirtschaft suchen, manche sogar nach einer Ökonomie, die sich vom Wachstumszwang verabschiedet.

Ihr Kampf gegen die zunehmende Erderwärmung hat dem Baggern nach Braunkohle und ihrer Verstromung ein Ende gesetzt hat. In spätestens 19 Jahren ist der Bergbau in der Lausitz Geschichte, dann müssen neue Wirtschaftsstrukturen geschaffen sein, die für ausreichend Wohlstand sorgen und für eine lebenswerte und intakte Umwelt und zudem noch den Pfad in eine klimaneutrale Zukunft weisen. Eine Riesenaufgabe nicht nur für die Politik, sondern für alle gesellschaftlichen Gruppen.

Gebrochenes Versprechen

Denn die Region steht nicht zum ersten Mal vor tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen, weiß auch Ute Liebsch, Bezirksleiterin der Bergbau- und Energiegewerkschaft igbce in Cottbus. „Strukturwandel ist hier ein Dauerthema. Wir haben Strukturbrüche vom Feinsten gehabt, das betrifft ja nicht nur die Kohle. Das haben die Leute nicht vergessen.“ Auch das nicht gehaltene Versprechen von blühenden Landschaften, das der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Wende den Menschen in den neuen Ländern gab, sei noch in Erinnerung und habe für ein stetes Misstrauen gegenüber der Politik gesorgt. „Was hier blüht, ist der Raps und der Mais, die Lausitz hat keine Konzernzentralen bekommen.“ Noch immer sei der Arbeitsmarkt in der Lausitz von Monokultur der Braunkohle geprägt. „Diese Region lebt von der Braunkohle, sie ist ein wichtiger Faktor, den man nicht so ohne weiteres ersetzen kann.“

Deshalb sieht sie die Hauptaufgabe der Gewerkschaft nach wie vor darin, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Das Jahr 2038, das im Kohlekompromiss als Enddatum für den Ausstieg aus der Kohle festgelegt wurde, müsse gelten. „Es kann nicht sein, dass jetzt jeden Tag neue Daten für den Ausstieg genannt werden. Wir haben noch 19 Jahre, die müssen wir nutzen.“ Wofür? Für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder, etwa die Speicherung von Energie, die in Zukunft immer wichtiger werde. Für die Qualifikation und Umschulung der Mitarbeiter in der Braunkohleförderung. Für die Ansiedlung neuer Investoren, auch aus dem Ausland. Für die Ansiedlung von Start Ups, die aber zum Beispiel auch auf schnelles Internet angewiesen sein.

Dazu müsse die Politik die Strukturen schaffen: „Die Politik hat bestellt, jetzt muss sie auch bezahlen“, sagt Liebsch und fordert Ausgleich- und Anpassungszahlungen für diejenigen, die aus Altersgründen früher aus dem Bergbau ausscheiden oder die in anderen Branchen Arbeit finden, die schlechter bezahlt ist. Es sind viele Milliarden Euro versprochen, nun gehe es um die gesetzlichen Garantien, damit sie auch tatsächlich fließen.

Doch es geht nicht nur ums Geld, das weiß auch die Gewerkschafterin. „Es ist wichtig, bei all den Konflikten, die es jetzt schon gibt und die noch kommen, dass sachlich miteinander geredet wird und sich niemand den Kopf einschlägt.“ Hier leisteten die Kirchen bereits viel Arbeit in den ländlichen Regionen. „Kirche nimmt eine ausgleichende Rolle ein, wir verdanken ihr viel.“

Denn die Lausitz ist nicht nur landschaftlich aufgewühlt von den Baggern im Tagebau. Mindestens genauso tief gehen die Furchen zwischen den Bewohnern, die von der Braunkohle profitieren, und denjenigen, die unter ihr leiden. Und das schon lange vor der Wende und jeder Debatte um Klimaschutz. Diese Konfliktlinie verläuft nicht zwischen grünen Großstädtern und Lausitzer Bergleuten. Sie zieht sich durch jeden Ort, der vom Bergbau betroffen ist.

Zum Beispiel auch durch Welzow, der „Stadt am Tagebau“, wie sie sich nennt. Bereits 1850 wurde hier Braunkohle gefunden, seit den Dreißigerjahren wird in großem Stil Kohle gefördert. Ein riesiges Baggerrad steht als Skulptur am Rande des Gewerbegebietes, von hier aus ist es nur ein kleiner Spaziergang zum Aussichtspunkt auf das Tagebaugebiet Welzow-Süd. Er soll erweitert werden, das benachbarte Dorf Proschim würde dann weggebaggert. Doch noch ist nicht klar, ob das wirklich passiert, die Entscheidung fällt im kommenden Jahr.

Zermürbt und gespalten

Knapp 3 500 Einwohner hat Welzow, einige von ihnen sitzen an diesem Vormittag im schmucken Pfarr- und Gemeindehaus und erzählen Ulrich Lilie von ihrem Leben mit der Braunkohle. Der Diakoniepräsident ist im Rahmen der „Unerhört“– Kampagne der Diakonie Deutschland hier hergekommen, um mit den vom Tagebau Betroffenen zu sprechen. Und es wird klar, hier sitzen überwiegend keine Freunde der Braunkohle. Sie gehören nicht zu denen, die ihr Haus aufgeben, weil sie einen guten Preis dafür bekommen, und woanders ein neues bauen.

„Flachwurzler“ werden solche Lausitzer hier am Tisch etwas verächtlich genannt von denjenigen, die sich selber als „Tiefwurzler“ sehen. Sie fühlen sich ihrer Heimat verbunden, auch der Landwirtschaft, die wie andere Wirtschaftsbereiche stets im Schatten der Kohle stand. Es schmerzt sie, dass zwölf Orte seit den Sechzigerjahren in der Umgebung im Braunkohleloch verschwunden sind. Mittelständische Betriebe seien nicht angesiedelt worden, klagen sie, der Bergbau habe mit seinen hohen Löhnen die Arbeitskräfte absorbiert, in der Landwirtschaft oder der Pflege herrsche Mangel an Personal. „Ich kann das Wort Strukturwandel nicht mehr hören“, sagt eine Teilnehmerin. Und ein anderer pflichtet ihr bei: „Den haben wir persönlich doch alle durch.“

Pfarrer Hans-Christoph Schütt kennt die Verwerfungen, die die Braunkohle mit sich brachte. Er ist ein Tiefwurzler, in Welzow als Pfarrerskind aufgewachsen und nun zurückgekehrt. Er kann von dem schwarzen Schnee seiner Kindheit ebenso berichten wie von der guten Infrastruktur des Ortes mit Freibad, Schulen und Kitas, von der jetzt auch seine Kinder profitierten. Und er kennt die stets im Hintergrund stehenden Frage: „Wie hältst Du es mit der Braunkohle?“ Sie wurde ihm nach seinem Amtsantritt in Welzow gestellt, er ist gegen die geplante Erweiterung des angrenzenden Tagebaus. Doch in jedem Gottesdienst betet er in den Fürbitten dafür, dass die Menschen in der Region im Anderen immer auch den Mitmenschen sehen – und nicht nur den Tief- oder Flachwurzler. Ulrich Lilie, der nach dem Gespräch bewegt war von der Zermürbung, die zu Tage trat, sieht in dieser Situation eine wichtige Rolle für die Kirche. „Kirchen können Orte sein, an denen Menschen sich ihre Geschichten erzählen und so aus den Gräben herausfinden“, so der Diakoniepräsident.

„Das ist die große Kompetenz, die unsere Kollegen und Kolleginnen vor Ort in der Seelsorge haben müssen und auch haben“, sagt Theresa Rinecker, Generalsuperintendentin für den Sprengel Görlitz. „Die eigene Position beiseite zu stellen ohne sie abzugeben.“ Denn die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich bereits 2009 für den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung ausgesprochen. Den damit verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozess soll das 2017 von der Landeskirche gegründete Zentrum für Dialog und Wandel in Cottbus begleiten. Vorbild ist das Christliche Zentrum für Reflexion und Dialog im kubanischen Cárdenas, das nach dem Motto agiert: „Wenn Du nicht Teil der Lösung bist, bist Du ein Teil des Problems.“ Rinecker formuliert die Aufgabe so: „Im Geist der Versöhnung im gesellschaftlichen Diskurs wirken“.

Dabei sei klar, dass man Versöhnung nicht einfach herstellen kann, sagt Rinecker. „Man kann Erde auflockern, versuchen, den Standpunkt des jeweils Anderen zu hören.“ Versöhnung fange dort an, wo Menschen mit sehr unterschiedlichen, auch wirtschaftlichen Inter-essen sich immer wieder an einen Tisch setzen, miteinander im Gespräch bleiben und nach Kompromissen suchen. „Wir regen an, das Thema Wachstum kritisch zu hinterfragen“, sagt Rinecker. „Was geben wir als gesellschaftliche Verheißung aus? Was ist das Versprechen? Wir brauchen ein Bild für die Zukunft, wenn es die Kohle nicht mehr gibt.“

Im Spagat

Aber gleichzeitig weist sie auch darauf hin, dass Wachstumskritik keine Antwort auf die Existenzfragen der Menschen sei, die von der Kohle leben, sondern eine Frage an die Politik. „Was wir vom schöpfungstheologischen Ansatz her an grundständiger kritischer Haltung mitbringen, bringt auch Widerstände hervor. Wir können Klimaschutz nicht ohne die Leute denken, die von der Braunkohle leben!“ Hier gehe es darum, zuzuhören, Mut zu machen zu Wandlungsprozessen, Hoffnung auszustrahlen und die Menschen seelsorgerlich zu begleiten.

Im Spagat zwischen den Stühlen und trotzdem mit klarer Haltung – das ist keine leichte Aufgabe. 18 Monate lang hat Pfarrer Burkhard Behr als Leiter des Zentrums diese Arbeit übernommen und das Gespräch mit allen Beteiligten gesucht. Er wurde in die Kohlekommission eingeladen und hat dort den kirchlichen Standpunkt vorgetragen, hat sich für Kompromisse und die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements eingesetzt. Im Februar präsentierte er gemeinsam mit dem Verein Lausitzer Perspektiven die Idee für einen Fonds für die Zivilgesellschaft, in den zehn Prozent der vom Bund bereitgestellten Mittel für die Region fließen könnten. Mit dem Geld soll das Engagement von Bürgern und Bürgerinnen vor Ort, zivilgesellschaftlichen Organisationen und gemeinwohlorientierten Unternehmen gefördert werden, Bürgerbüros in den Orten der Lausitz entstehen, die zum Beispiel bei der Beantragung von Fördergeldern helfen.

Im März hat Behr aus persönlichen Gründen das Amt niedergelegt. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin soll in diesen Wochen gefunden werden und möglichst im Dezember mit der Arbeit beginnen. Rinecker hofft, den oder die Leiterin im Lausitz-Gottesdienst am 15. Dezember in Cottbus vorstellen zu können.


 

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