Ziemlich gut

Eine Antwort auf den protestantischen Extremismus
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„Du bringst nie den Müll raus.“ „Du kommst immer zum Elternabend zu spät.“ „Du setzt dich nie beim Pinkeln hin.“ „Du drückst dich immer vor dem Rasenmähen.“ Ich lasse einen Platzhalter, weil jeder aus dem eigenen Reservoir an Erfahrungen hier applausverdächtige Ergänzungen beisteuern kann.

Eleonore Höfer hat in ihrem Longseller Die Kunst der Ehezerrüttung luftige Temporaladverbien wie immer und nie als Schwergewichte ausgemacht, die die ehelichen Balancen schleichend ruinieren. Höfer, Leiterin des Deutschen Institutes für Provokative Therapie (D.I.P.), ein Humor einbindender Ansatz, der auf den US-Amerikaner Frank Ferally zurückgeht, ist offenbar sehr erfolgreich, auch privat, denn seit fünfzig Jahren ist Eleonore Höfer am Stück mit demselben Mann verheiratet. Man darf ihr also trauen.

Die Ehe steht hier pars pro toto für andauernde Beziehungen, die häufig von Krisen bedroht sind. Freundschaft ist mitgemeint oder Lebens-partnerschaften. Und warum nicht die anfällige Beziehung zwischen Mensch und Gott? Und auch in dieser Frage gibt es Beziehungsberater. Die Theologinnen und Religionspädagogen. Leider fehlt ihnen häufig die ironische Distanz, der schräge Humor oder die weisheitliche Gelassenheit. Atheisten haben es entschieden leichter. In Kreuzberg gab es in diesem Sommer einen T-Shirt-Hype. Ein schräges Bekenntnis zur Kreuzberg-Kultur, hübsch ironisch trinitarisch formuliert stand auf Brusthöhe zu lesen: Kein Gott. Kein Staat. Kein Fleischsalat.

Protestantische Theologinnen und Religionspädagogen haben ein Faible für immer- und nie-Adverbien. Wir Menschen sind immer Sünder. Unser Wille ist nie frei, sondern – und jetzt wird es hübsch metaphernselig – immer versklavt. Und Jesus war immer von der Liebe ganz durchdrungen, stand immer in Beziehung zu Gott. Er hat nie gesündigt, bitteschön.

Ich entdecke im Protestantismus einen fatalen Hang zum theologischen Extremismus. In Zeiten der Genese des Protestantismus vielleicht ein kluger Aufmerksamkeitsgenerator. Aber wie steht es mit der Geltung dieser extremen Positionen heute? Zu den genannten Beispielen. Die Sündhaftigkeit des Menschen wird mit dogmatischer Extremismuswut festgezurrt. Um jeden Spielraum zuzustellen, wird sogar die ausgemachte Neigung des Menschen zur Sünde als Sünde definiert. Diesen Extremismus leisten sich nur die Protestanten, nicht die Katholiken, die in dieser Frage gelassener entscheiden. Und prompt muss Jesus von Nazaret zu einem exklusiven Gegenbild konstruiert werden, das menschliche Schwächen gar nicht verzeichnet.

Allenfalls begrenzt anfällig für eine extremistische Engführung ist die Weisheitstheologie. Weisheit besitzt einen pädagogischen und ethischen Eros, der mit Grautönen leben kann. Ich mache mir einen Vorschlag zu eigen, den Beate Rössler in ihrem denkstarken Buch Autonomie. Versuch über das gelingende Leben gemacht hat: Auch dann, wenn das Leben „nicht in einem Guss“ vollzogen wird, lässt sich durchaus von einem selbstbestimmten, nämlich menschlich gemäßen Leben reden. Auch die protestantische Theologie ist gut beraten vergleichbar zu argumentieren und auf extremistische Positionen zu verzichten. Das macht die Theologie lebensnäher und lebensfroher. Ziemlich gut zu leben ist sehr weise. Und zerrüttet keine Beziehungen. Auch nicht die Beziehung zu Gott.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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