Weltweite Familie

Klartext

Die Predigthilfe für den Monat September kommt von Dorothee Löhr, Pfarrerin in Mannheim.

Neue Bande

13. Sonntag nach Trinitatis, 15. September

Wer Gottes Willen tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,35)

Für den Volksmund ist „Blut dicker als Wasser“, für Jesus dagegen nicht. Denn zu seiner Familie gehören nicht Blutsverwandte, auch wenn Mutter Maria, Vetter Johannes und Bruder Jakobus später, unter den ersten Christen, eine wichtige Rolle spielen werden. Jesu Familiengene werden sozusagen durch seinen Geist weitergegeben. Dieser schafft das Familienband zwischen Gott und Menschen, Jesus Christus und seinen Geschwistern. Der Geist, der Menschen ermächtigt, Gottes Willen zu tun, sprengt alte Familienbande und schafft eine weitere und tiefere Verbundenheit. Jesus hat sein Blut vergossen, aber nicht nur für seine Blutsverwandten. Nicht durch eine Blutsbruderschaft, sondern durch das Taufwasser wird Jesu Familie bis heute erweitert und erneuert.

Offener Himmel

14. Sonntag nach Trinitatis, 22. September

Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! (1. Mose 28,16)

Das erste „Bethel“, auf Deutsch: „Haus Gottes“ lag in der judäischen Bergwüste. Dem Stammvater Jakob war seine Zukunft, seine Zugehörigkeit, sein Platz im Leben noch unklar gewesen. Aber nach einem Traum gründet er mitten in der Wüste ein Haus Gottes und verspricht, nicht ohne eigene Interessen im Blick zu behalten, Gott zu dienen.

Ein weiteres „Bethel“, ein Haus Gottes der Diakonie entstand nach 1867 im westfälischen Bielefeld als Zufluchtsort für Epileptiker, ausgebaut von Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh (1831 – 1910). Wie viele Menschen haben dort schon für sich selbst das Bekenntnis des Jakob wiederholt: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“

In französischer Sprache steht dieses Bekenntnis auch über der Tür der kleinen Waldenserkirche von Gewissenruh, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Oberweser. Auf einem Findling neben der Kirche ist der Satz auch auf Deutsch wiedergegeben. Die Waldenser, die sich 1722 in Gewissenruh ansiedelten, hatten nach ihrer Flucht aus Frankreich und zweijährigem Umherirren erkannt, dass Gott da ist. Sie erkannten: Dort im abgelegenen Nordhessen, wo noch Wälder zu roden und Felder urbar zu machen sind, ruht Gottes Segen.

Und ein weniger dörfliches „Bethel“ wird sichtbar in der kleinen Glasmalerei „Die Escalade von Genf“ von 1602. Sie zeigt die Belagerung der evangelisch-reformierten Flüchtlingsstadt Genf durch Truppen des römisch-katholischen Savoyen. Während die Soldaten die Stadtmauer bestürmen, führt eine Leiter gen Himmel zum wachenden Auge Gottes, und Engel steigen auf und ab. Mitten in der Belagerung verbindet die Himmelsleiter Himmel und Erde.

Das Glasfenster erzählt, dass die Genfer keine Angst vor übermächtigen Feinden haben müssen, denn ihre Stadt ist wie das alttestamentliche Bethel ein heiliger Ort mit direktem Zugang zu Gott. Er hat die Seinen nicht im Stich gelassen, die Stadt ist am Ende erfolgreich verteidigt worden. Obwohl einige Soldaten mit Leitern die Stadtmauer überwanden, die Engel auf der Himmelsleiter hatten schon das Schicksal der Stadt zum Guten gewendet. Auch in Wüstenzeiten unseres Lebens, wenn wir nicht wissen, wo wir sind, wo wir hingehören und wohin wir gehen werden, kann sich der Himmel öffnen, erneuert sich Gottes Segen. Denn Gott ist bei den Menschen, die seine traumhafte Hilfe annehmen.

Entscheidender Sieg

Michaelis, 29. September

Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. (Lukas 10,20)

Michael, der dem heutigen Tag seinen Namen gegeben hat, ist nach biblischer Tradition der Anführer der Engelschar, der Schutzengel des Gottesvolkes, der Kämpfer gegen das Böse und der Begleiter in den Übergängen des Lebens. Viele Friedhofskapellen sind nach ihm benannt.

Der hebräische Name Michael heißt auf Deutsch: Wer ist Gott? Und damit diese Frage nicht in Vergessenheit gerät, hält sie der Michaelistag wach. Mir fallen auf die Frage, wer Gott ist, zwei Antworten ein. Die alttestamentliche lautet: Keiner! Ja, es muss auch keiner wie Gott sein. Wir dürfen vielmehr begrenzte und sterbliche Menschen sein und bleiben, die einander brauchen und Gottes Schutz erbitten, auch für unsere Kirche und ihre Zukunft.

Eine christologische oder neutestamentliche Antwort auf die Frage, wer wie Gott ist, lautet: Jesus Christus. Er wohnt im Himmel – und ist doch erdverbunden. Im Stall geboren, am Holz gemartert und in einem Felsengrab beigesetzt, sitzt er jetzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. Wer ist wie Gott, Herr der ganzen Welt und doch ein Wanderprediger in Palästina in den Dreißigerjahren des ersten Jahrhunderts? Das ist nur einer, Jesus Christus.

Also geht es am Michaelistag nicht nur um Engel. Sie sind zwar für die biblische Tradition unverzichtbar, als Boten und Schutzengel und – als Kämpfer, die mit den geistlichen Waffen schützen und stärken. Trotzdem kommen sie im Glaubensbekenntnis nicht vor. Und wir beten auch nicht zu ihnen. Vielmehr treten sie als gute, bergende Mächte hinter ihre Botschaft zurück.

Das Evangelium zum Michaelistag macht neugierig, gerade weil es nichts direkt von Engeln erzählt. Erzählt wird vielmehr, dass Jesus Jünger ins ganze Land ausgesandt hat, nicht nur die Zwölf, sondern 72, um das Gottesreich in Wort und Tat zu verkündigen. Und nun kehren sie voller Jubel zu Jesus zurück.

Sie waren erfolgreich, hatten Teil an der Vollmacht Jesu. In seinem Namen haben sie Dämonen und böse Geister besiegt. Sie wurden für kranke Menschen zu Boten Gottes. Durch ihr Handeln wurde Gottes Reich sichtbar.

Von solchen geistlichen Siegeszügen kommen die Jünger zu ihrem Herrn zurück, jubelnd und überwältigt von Gottes heilbringender Macht. Jesus antwortet auf ihren Jubel und auf ihren Sieg über die Dämonen zunächst zustimmend – mit einer Vision: Satan, der Oberste aller bösen Mächte, ist schon gefallen, wie ein Blitz vom Himmel gestürzt. Er hat keine himmlische, also keine entscheidende Macht mehr, sondern nur noch eine höchst irdische, endliche. Er ist ein gefallener Engel, Künder eines himmlischen Kampfes und dessen Endes. Ein Blitz, so die Vision, bringt plötzliche Klarheit und Gewissheit: Der Kampf zwischen Gut und Böse ist entschieden und zu Ende.

Deshalb können auch die ganzen kleineren bösen Geister nichts mehr ausrichten, haben sie doch ihr Haupt verloren. Deshalb sind sie den Jüngern untertan und können denen, die Jesus Christus gehören, letztlich nicht mehr schaden, auch nicht, wenn sie aus dem Verborgenen angreifen wie die Schlangen und Skorpione zwischen den Steinen auf dem Weg.

Für die Jünger Jesu hat sich Psalm 91 erfüllt: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: meine Zuversicht und meine Burg… denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Es ist also dieser Schutz, den Jesus seinen Jüngern mitgegeben und zugesprochen hat, den die Boten bejubeln, als sie zu ihrem Herrn zurückkehren.

Aber nun passiert etwas Merkwürdiges: Jesus, der doch die Freude der Jünger mit einer Vision und einem Psalmwort bestätigt hatte, wehrt ihre Freude ab. Er sagt: Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister untertan sind, sondern darüber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Es gibt offenbar noch mehr als die Verheißung eines Schutzengels. Und Jesu Jüngern ist noch mehr verheißen als den alttestamentlichen Betern. Es gibt anscheinend noch mehr als die Verheißung, dass wir mit den großen und kleinen Dämonen unseres Alltags fertig werden. Es gibt noch mehr als den täglichen Widerstand gegen Resignation und Mutlosigkeit derer, die mal mehr und mal weniger erfolgreich sind.

Dieses Mehr deutet Jesus mit dem geheimnisvollen Wort von den Namen, die im Himmel geschrieben sind, an. Dahinter steht die Gewissheit, dass Gott uns nicht aus dem Buch des Lebens streicht, sondern alle von Gott mit ihrem Namen angenommen sind und zu ihm gehören.

Jesus will sagen, dass die Dämonen irdisch sind und wir himmlisch, er redet von einem fröhlichen Platztausch, der den täglichen Widerständen gegen das Reich Gottes einen Platz auf der Erde Platz einräumt, aber nicht mehr: Alle dämonischen Einflüsse, Widerstände gegen das Reich Gottes sind nur noch irdisch – weil wir himmlisch sind.

Die große Freude, die Jesus verkündigt, wird nicht durch Niederlagen oder Frusterfahrungen in Frage gestellt. Denn sie entspringt nicht dem irdischen und immer zeitlich begrenzten Sieg, sondern dem ewigen, an dem wir teilhaben, weil Gott uns bei sich einen Platz freihält.

Wie halten wir es nun mit den Engeln? Wir beten nicht zu, sondern mit ihnen. Wir stehen mit ihnen in einer Reihe, mit Michael dem Kämpfer und Gabriel dem Verkünder, weil wir arbeiten und beten und Gott in Jesu Namen loben und so selbst Boten Gottes sind, eingetragen in die Bürgerliste des Himmels.

Geteilte Gaben

Erntedank, 6. Oktober

Du wirst sein wie ein bewässerter Garten. (Jesaja 58,11)

Nutzgarten, Blumengarten, Oase, bewässerter Garten – gibt es ein schöneres Bild für einen dankbaren und von Gott gesegneten Menschen in unwirtlicher Umgebung? Wer so einen Menschen oder so einen Garten kennt, der weiß, dass menschliche Arbeit und göttlicher Segen hier kooperieren. Noch ist nicht alles perfekt, vieles bleibt zu tun. Doch schon im Unvollkommenen wird Gottes Absicht merkbar. Entziehe dich nicht der Gartenarbeit in der dir zugeteilten Parzelle. Das Sähen und das Ernten, das Jäten und das Austeilen der Früchte geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott. Oft beschenkt uns der Garten im Überfluss, so dass auch die Tiere und die Nachbarn etwas abbekommen.

Sogar über die Lebenszeit eines irdischen Gärtners hinaus beschenkt ein Garten sein Umfeld. Im berühmten Gedicht über den Herrn von Ribbeck erzählt Theodor Fontane von einem Gartenbaum. Der Dichter macht attraktiv und plausibel, was den alten Ribbeck ausmacht und dem jungen fehlt: „Ist meins und bleibt meins – nicht deins“, sagt der Junge, „unterm Strich zähl ich“.

Der Alte aber ist anders, er weiß, was ein Lebenserntedank bedeutet, ein dankbarer und gesegneter Mensch zu sein. Das merkt sein Umfeld an den geteilten Gaben. Und sogar das Grab des alten Ribbeck gleicht einem bewässerten gebenden Garten.


 

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Dorothee Löhr

Dorothee Löhr ist Pfarrerin in Mannheim. Sie ist Mitglied in der Jury des Predigpreises.


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