Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen!

Schlechte Nachrichten reisen auch digital schneller als gute. Es ist Zeit, Maulerei und Pessimismus etwas entgegen zu setzen.
Foto: privat

Eine junge Pfarrerin schimpft auf Twitter über schlechte Gottesdienste: „Ich will rausrennen, dem Pfarrer das Beffchen entreißen und die Blumen vom Altar schubsen.“ Wie Recht sie hat! So sehe ich das auch und mit mir noch viele weitere Twitter-User*innen. Raus damit! Der Zorn und Ärger muss ja irgendwo hin und am besten teilt man ihn mit einer sympathischen Crowd von Leuten, die Ähnliches durchlitten haben.

Die Sozialen Medien haben kathartische Wirkung, denn die Pfarrerin wird wohl kaum die Gottesdienste ihrer Kolleg*innen entern und im Altarraum randalieren. Schade eigentlich! Auch den vielgescholtenen Ballerspielen wird so eine Funktion gerne zugeschrieben. Andere Forscher*innen sind überzeugt: Wer digital ballert, der enthemmt sich auch analog.

Zumindest für die Nachrichtenzyklen und Medienhypes unserer Tage gilt das ganz bestimmt. Was in einer kleinen Ecke des Netzes ausgekocht wird, das müssen wir alle auslöffeln – ob’s uns schmeckt oder nicht. Das ist der Preis dafür, dass nun viele Menschen mehr mitreden können, ihre Stimmen erheben, sich einmischen.

Darum braucht es im digitalen wie im analogen Zusammenleben Kontrollmechanismen, die Bullshit und Lügen, Maulerei und Geschwätz von Nützlichem und Segensreichem, Informativem und Wissenswertem trennen. Leider scheitern viele papierene und seriell sendende Bewegtbildmedien („Bild, BamS, Glotze“) daran oder verschärfen die Aufregung aus eigenem publizistischem Interesse noch weiter.

Wir alle haben die Wahl, welche Botschaften wir verstärken.

Neben Algorithmen bestehen Soziale Netzwerke nach wie vor aus Menschen, die je nach eigener Follower*innenschaft ein kleines oder größeres Megafon in Händen halten, wenn sie ans Tippen von Tweets und Statusmeldungen gehen. Es liegt an uns Nutzer*innen, wie wir Soziale Medien gestalten.

Grob gesagt, gibt es drei Wege dem Unbill Einhalt zu gebieten:

1) Man fordert das Eingreifen einer höheren Instanz aka Gesetzgeber, der durch immer neue Regeln für Ordnung sorgen soll. Das ist nicht nur ansatzweise autoritär, sondern auch gefährlich, denn wirft der Gesetzgeber erst einmal seine Netze aus, dann verfängt sich darin mit Sicherheit ein größerer Teil unserer Freiheit als beabsichtigt.

2) Man verlässt sich auf technische Lösungen: Die Algorithmen werden uns erlösen! Hinter dem rhythmischen Sperren, Löschen und Genehmigen in den Sozialen Netzwerken mögen immer häufiger clevere Programme stecken, doch ohne eine Armee von prekär beschäftigten „Community-Managern“, die durch den ganzen Zivilisationsdreck des Netzes waten, geht es bis dato nicht. Und: Maschinen, auch virtuelle, brauchen den vernünftigen Menschen, der ihnen sagt, was zu tun und zu lassen ist.

3) Man wechselt ganz im Sinne der gewaltfreien Kommunikation vom „man“ zum „ich“. Ich bin für meine Wortwahl und meine Likes und Shares verantwortlich. Ich trage auch Verantwortung für meine Bubble. Ja, ich bin mit dem was und wie ich kommuniziere auch dafür haftbar, wer mir begeistert zustimmt und wer aus dieser Zustimmung Ablehnung gegenüber anderen ableitet. Ich trage auch Verantwortung für den Ton, den ich anderen gegenüber anschlage.

Beim Bierchen nach den Hobbyfußballrunden meiner Studienzeit haben wir viel geschimpft, über alles Mögliche. Es braucht solche Orte des Auskotzens und der gegenseitigen zornigen Rückversicherung unter Gleichgesinnten. Wenn es aber zynisch und gemein wurde, erinnerte uns ein bärtiger, älterer Kommilitone an Epheser 4, 29 (25-32). Lesen Sie mal!

Ich schließe mich also der Frage der jungen Pfarrern von weiter oben an – Sie erinnern sich? Nachdem ihr Auskotz-Tweet über die miserablen Gottesdienste große Resonanz gefunden hatte, fragt sie sich, mich und auch Sie: „Puh, so viele Herzen für einen auskotzenden Tweet. Aber ich weiß ja zum Glück, dass die Glücks- und Erfolgs-Tweets Euch genauso interessieren. Oder?“

PS: Das Projekt „Netzteufel“ der Evangelischen Akademie zu Berlin erforscht und bekämpft durch Bildung Hassrede im Netz. In der aktuellen Ausgabe der „zeitspRUng – Zeitschrift für den Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg (S. 18-23, Download hier), beschreiben Paula Nowak und Timo Versemann wie wir von #HateSpeech zu #HopeSpeech kommen.

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