Ungewöhnlich und nicht alltäglich

Verkündigung in Zeiten halbierender Mitgliederzahlen
Foto: privat

Der Schreck sitzt noch tief. Die Freiburger Studie zur Kirchenmitgliedschaft malt ein düsteres Bild von der Zukunft unserer Kirchen. Bis 2060 sollen sich die Mitgliedszahlen halbieren, zu einem nicht unerheblichen Anteil durch Kirchenaustritte.

Vielerorts wird deshalb hastig überlegt, was die Kirche nur machen könne, um ihre Mitglieder zu halten. Verführerisch die Strategie, jetzt vor allem danach zu schauen, was Menschen von der Kirche erwarten, – und diesen Erwartungen so gut wie möglich zu entsprechen. Die Hoffnung dahinter ist: Wenn die Menschen in der Kirche das finden, was sie erwarten, dann bleiben sie vielleicht noch!

Bilder von der Kirche als Herberge oder Tankstelle haben Konjunktur. Sie sollen dafür werben, dass Menschen kommen und gehen dürfen, wie sie wollen, und nach einer kurzen Rast mitnehmen, was ihnen guttut. Die Kirche wird als Servicestelle gepriesen (vergleiche Sven Evers in zz 3/2019), die auf das, was Menschen brauchen, reagiert.

Doch groß ist die Gefahr, als Kirche nur noch das zu tun, was gefällt. Die Angemessenheit kirchlichen Handelns misst sich dann primär an Zahlen: Dort, wo viele sind, ist die Wahrheit. Andere Orientierungspunkte kirchlichen Tuns geraten hingegen ins Hintertreffen. Und inhaltlich etwas zu sagen, was irritiert, eventuell abschreckt, erscheint gar unratsam.

Im zu Ende gehenden Karl-Barth-Jahr mag es gestattet sein, noch einmal an Barth zu erinnern. Sein theologischer Neuansatz entstand ja aus einer Predigtnot, in der er nicht mehr wusste, wie reden. Sie begann mit Barths Eingeständnis, dass seine Arbeit als Pfarrer in Safenwil ohne ausreichende Wirkung blieb. Anstatt nun nach Bedürfnissen der Gemeinde zu fragen, urteilte Barth scharf über einen solchen Versuch: „Der falsche Prophet ist der Pfarrer, der es den Leuten recht macht.“ Die Pfarrperson müsse stattdessen „in der unangenehmsten Weise immer wieder Alles in Frage stellen und auf alle Fragen unvermutete Antworten geben“. Denn Gott, so wie er sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben habe, sei anders als das Gewöhnliche und Alltägliche. Um ihn aber gehe es im christlichen Glauben – und in der Kirche.

Barths Ansatz wird vorgeworfen, er gehe über die Menschen hinweg. Vielleicht ist eine Unterscheidung zwischen Nöten und Bedürfnissen sowie zwischen Diakonie und Verkündigung weiterführend. Jesus selbst hat die Nöte seiner Mitmenschen ernstgenommen. Er hat sie geheilt, gesättigt, besucht. Aber in seinem Reden war Jesus nicht selten fordernd, unterscheidend, hat religiöse Erwartungen gerade nicht bedient.

Auch heute ist die Kirche in ihrem diakonischen Handeln zu den Menschen und ihren Nöten gewiesen. Aber Bedürfnisse, auch religiöse, sind kein letztes Kriterium für das, was die Kirche verkündigt. Zuerst und zuletzt ist es das, was christlichen Glauben erweckt und am Leben hält: Gott selbst. Denn es ist ja denkbar, dass in diesem Reden von Gott Dinge zur Sprache kommen, nach denen die Menschen noch gar nicht gefragt haben, die vielleicht auch ihre religiösen Bedürfnisse zurechtrücken und bei denen erst im Nachhinein deutlich wird, warum sie einleuchten konnten.


 

 

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Christiane Tietz

Christiane Tietz ist Professorin für Systematische Theologie in Zürich und Herausgeberin von zeitzeichen.


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