Reden oder Schweigen

Gibt es eine Lehre aus dem „Fall Abromeit“?
Foto: Rolf Zöllner

Die Reaktion war heftig: „Skandal um Israel-Rede von deutschem Bischof“ stand neulich über einem Artikel in Deutschlands auflagenstärkster Zeitung Bild. Was war geschehen? Hans-Jürgen-Abromeit, Bischof im Sprengel Pommern der Nordkirche, hatte vor der Konferenz der Deutschen Evangelischen Allianz einen Vortrag unter dem Titel „Zwei Völker – ein Land – Eine biblische Vision für Frieden zwischen Israel und Palästina“ gehalten. Abromeit absolvierte einst sein Vikariat in Jerusalem und ist Vorsitzender des Jerusalemsvereins des Berliner Missionswerkes. Eines Vereins, der nach eigenem Selbstverständnis „Initiativen und kirchliche Aktivitäten“ unterstützt, „die sich für Verständigung und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern und einen gerechten Frieden in Palästina und Israel einsetzen“.

In seinem Vortrag schilderte Abromeit die Entstehung und den Verlauf des Nahostkonflikts. Beim Nachlesen erscheinen diese Passagen stimmig, auch wenn natürlich immer andere Nuancierungen gesetzt werden können. Die harsche Reaktion der Bild-Zeitung entzündete sich auch gar nicht am Vortrag selbst, sondern an einem Artikel der Nachrichtenagentur idea, in dem zuvor über den Vortrag Abromeits in Form einer Zusammenfassung berichtet worden war. Die Meldung trug die Überschrift: „Abromeit sieht Über-identifikation der Deutschen mit dem Staat Israel“ mit der Unterzeile „Bischof: Das resultiert aus dem Schuldbewusstsein infolge des Holocausts“. In dem Bild-Artikel wurde dann dazu der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck zitiert, der Abromeit „theologisch wirres Zeug“ vorwarf. In der Tat erscheint die Formulierung „Überidentifikation mit Israel“, die im Vortrag steht, problematisch, jedenfalls, wenn sie ganz ohne den Zusammenhang beurteilt wird. Abromeit mag mit „Überidentifikation“ manche evangelikale Christen gemeint haben, bei denen in der Tat eine direkte Identifikation des biblischen Israels mit dem Staat Israel festzustellen ist. Wie auch immer, die Formulierung war daneben, und die Kirchenleitung der Nordkirche distanzierte sich in einer Pressemitteilung davon  – eine für Abromeit zum Ende der Amtszeit bittere Entwicklung, soll er doch am 14. September feierlich aus dem Greifswalder Bischofsamt verabschiedet werden.

Über Abromeits Vortrag mag es im weiten Spektrum der evangelischen Kirche unterschiedliche Meinungen geben. Unabhängig davon stellt sich aber grundsätzlich die Frage, wie sinnvoll es ist, wenn Deutsche aus christlicher Perspektive biblische Visionen für den Frieden zwischen Israel und Palästina entwickeln. Hilft das denen, die politische Verantwortung tragen? Und all jene, die Abromeit jetzt harsch kritisieren, müssen sich die Frage gefallen lassen, wie man denn aus christlicher Perspektive über den Nahostkonflikt streiten soll, ohne öffentlicher Verdammnis anheimzufallen. Manche Experten versichern, sie würden öffentlich lieber gar nichts mehr zu diesem Thema sagen. Sollte aber „Schweigemut“ derzeit die einzige Möglichkeit in diesem verminten Gelände sein?


 

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Reinhard Mawick

Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.


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